„Es könnte eine zu große Veränderung sein“ – Warum die Tradition im Peloton Pogacars Giro–Vuelta-Idee ausbremst

Radsport
durch Nic Gayer
Freitag, 30 Januar 2026 um 16:00
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Im modernen Radsport scheitern Innovationen selten an fehlender Logik. Häufiger scheitern sie daran, dass der Sport das Althergebrachte nicht loslassen will. Genau in dieser Spannung bewegt sich die Debatte, die Tadej Pogacar in diesem Winter angestoßen hat. Sein Vorstoß, den Grand-Tour-Kalender grundlegend zu verändern, zeigt, wie stark Tradition im Peloton weiterhin wirkt.
„Ich sage seit Jahren, dass es viel besser wäre, wenn der Giro und die Vuelta die Termine tauschen würden“, erklärte Pogacar und argumentierte, dass sowohl Wetterbedingungen als auch Starterfelder profitieren würden, wenn Spaniens Grand Tour in den Frühling rückt.

Wenn Logik auf den unbeweglichen Radsportkalender trifft

Die Idee ist simpel. Die Reaktionen darauf sind es nicht.
Aus sportlicher Perspektive lässt sich Pogacars Argumentation kaum entkräften. Das Tour–Vuelta-Double zählt zu den anspruchsvollsten Kombinationen im Kalender, insbesondere für Fahrer, die zusätzlich die Weltmeisterschaften ins Visier nehmen. Eine Terminverschiebung würde die Vuelta theoretisch wieder für Profis öffnen, die derzeit gezwungen sind, Prioritäten zu setzen.
Innerhalb von UAE Team Emirates - XRG stößt der Vorschlag nicht auf Abwehr, sondern auf Interesse. Teammanager Joxean Fernandez Matxin räumte ein, dass ihm diese Perspektive zuvor nicht gekommen sei, Pogacars Begründung ihn jedoch überzeugt habe. „Als ich Tadejs Erklärung las, dachte ich: Da ist tatsächlich etwas dran“, sagte er gegenüber Sporza.
Matxins Zustimmung ist weniger von sportlichem Ehrgeiz als von logistischer Erfahrung geprägt. „Wir können die Giro-Anstiege zum Beispiel nie abfahren, weil dort im April so viel Schnee liegt“, erklärte er und verwies auf wiederholte Etappenabbrüche oder Neutralisationen wegen Kälte und Regen. Von seinem Standort in Spanien aus sei der Unterschied offensichtlich. „In Spanien ist das Wetter im Mai schöner als in Italien.“
Doch im Radsport zählt Logik selten allein.

Ein Sport, der von Erinnerung lebt

Im Peloton fällt die Reaktion auffallend vorsichtig aus. Nicht, weil Pogacars Idee radikal wäre, sondern weil sie eine Ordnung infrage stellt, die seit Jahrzehnten nahezu unverändert besteht.
Ralph Denk, Manager von Red Bull - BORA - hansgrohe, erinnert daran, dass der Kalender durchaus schon Wandel erlebt hat. „Als ich vor 40 Jahren mit dem Radsport angefangen habe, fand die Vuelta im April statt“, sagte er und rief eine Zeit in Erinnerung, in der Spanien die erste Grand Tour der Saison ausrichtete.
Gleichzeitig stellt Denk infrage, ob einzelne Wetterextreme eine umfassende Reform rechtfertigen. „Vor zwei Jahren gab es diese Livigno-Etappe beim Giro, als Schneefall am Umbrailpass Chaos verursachte“, sagte er. „Aber passiert das jedes Jahr? Ich glaube nicht. Im vergangenen Jahr etwa war das Wetter beim Giro ausgezeichnet.“
Die Botschaft ist eindeutig: Einzelprobleme wiegen für viele Entscheidungsträger weniger schwer als die Verlässlichkeit des Gewohnten.

Warum Tradition am Ende gewinnt

Bei Lidl-Trek bringt Sportdirektor Steven de Jongh die grundsätzliche Zurückhaltung auf den Punkt. „Für sich genommen fände ich es logisch, wenn Giro und Vuelta die Plätze tauschen würden, insbesondere mit Blick auf das Wetter“, sagte er. „Aber das Rennen ist an Tradition gebunden, daher könnte es eine zu große Veränderung sein.“
Dieser Satz erklärt, warum Pogacars Idee kaum kurzfristig Fahrt aufnehmen dürfte. Die Grand Tours sind nicht nur Sportereignisse, sondern Institutionen. Sie sind eng verknüpft mit Fernsehsendern, Veranstaltern, Sponsoren und nationalen Identitäten.
De Jongh verweist zudem auf eine praktische Hürde, die reine Logik nicht überwindet. Giro und Vuelta werden von unterschiedlichen Organisatoren ausgerichtet, von RCS und ASO. Selbst wenn die sportlichen Argumente überzeugen, wäre eine Einigung auf dieser Ebene alles andere als trivial.

Eine Debatte größer als ihr Auslöser

Für Pogacar ist die Kalenderdiskussion weniger Forderung als Beobachtung. Die Reaktionen zeigen jedoch, wie widerstandsfähig der Radsport gegenüber strukturellen Veränderungen bleibt – selbst wenn sie vom dominierenden Fahrer seiner Generation angestoßen werden.
Ironischerweise könnte genau dieser Status zum Problem werden. Pogacars Erfolge geben ihm die Autorität, das System zu hinterfragen, machen es dem System aber zugleich leichter, Nein zu sagen.
Vorerst bleibt der Giro–Vuelta-Tausch hypothetisch. Nicht, weil es an Substanz fehlt, sondern weil es in einem von Geschichte geprägten Sport oft schwieriger ist, Termine zu verschieben, als Rennen zu gewinnen.
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