Der Unterschied zwischen Belgien und den Niederlanden wird rund um die nationalen Straßenmeisterschaften Jahr für Jahr deutlich. Während zahlreiche niederländische Topfahrer – insbesondere im Männerbereich – auf einen Start verzichten, gilt in Belgien eine Regel, die Profis grundsätzlich zur Teilnahme an den nationalen Titelkämpfen verpflichtet.
Die frühere niederländische Profifahrerin Roxane Knetemann kann dieser Regelung einiges abgewinnen. Im
Podcast In Het Wiel erklärte sie, dass die Meisterschaften für die Fans eine besondere Bedeutung hätten und die Teilnahme der größten Stars deshalb selbstverständlich sein sollte.
Teilnahme als Zeichen der Wertschätzung für die Fans
„Ich finde das eigentlich etwas Schönes. Es ist ein Geschenk, das man als Held des eigenen Landes den Menschen zurückgibt. Schließlich ist Radsport ein Sport des Volkes.“
Remco Evenepoels voraussichtliches Fehlen bei den belgischen Meisterschaften hat die Debatte über die dortige Teilnahmepflicht neu entfacht.
Nach Ansicht Knetemanns steckt hinter der belgischen Regelung allerdings nicht nur der Gedanke, den Fans etwas zurückzugeben. Sie sieht darin auch einen wirtschaftlichen Vorteil für den belgischen Verband.
„Ich habe mit Nationaltrainer Serge Pauwels gesprochen. Die Teilnahmepflicht hat alles mit Start- und Zielort der belgischen Meisterschaften zu tun, die in Belgien vermarktet werden.“
Sie erläuterte weiter: „Der Verband verdient daran, weil alle Topfahrer Teil des Pakets sind. Das ist tatsächlich sehr clever. Deshalb gibt es in Belgien die Teilnahmepflicht, auch als Form, dem eigenen Land etwas zurückzugeben. Allerdings lässt sich das mit einem ärztlichen Attest über eine Krankheit recht leicht umgehen.“
Evenepoels Fehlen rückt das Reglement in den Fokus
Neue Brisanz erhält die Diskussion durch die voraussichtliche Absage von
Remco Evenepoel für die diesjährigen belgischen Meisterschaften. Der Olympiasieger hat seit mehreren Wochen kein Rennen bestritten und richtet seine gesamte Vorbereitung auf die
Tour de France aus.
Bislang soll allerdings kein ärztliches Attest vorliegen, das seine Nichtteilnahme rechtfertigt. Nach dem Reglement des belgischen Verbandes könnte dies theoretisch disziplinarische Konsequenzen nach sich ziehen. Dass eine mögliche Sanktion seine Teilnahme an der Tour de France gefährden würde, gilt jedoch als äußerst unwahrscheinlich.
Belgiens Sportdirektor beim nationalen Verband, Massimo Van Lancker, machte zuletzt deutlich, weshalb an der Regel festgehalten wird.
„Wir setzen alles daran, das hohe Niveau und das Prestige der belgischen Meisterschaften zu wahren. Daher ist es wichtig, dass die besten belgischen Fahrer teilnehmen.“
Er ergänzte: „Für viele Fahrer ist das kein Problem, sie sind stolz, um den nationalen Titel zu fahren. Wer nicht starten kann, muss offizielle Unterlagen einreichen, die den Grund belegen. Erfolgt das nicht, kann eine Sanktion folgen. Es gibt keine Ausnahmen, die belgischen Meisterschaften sind für jeden Profi obligatorisch.“
Gibt es trotz der Pflicht noch immer Schlupflöcher?
Trotz der klaren Vorgaben im Reglement glaubt Knetemann, dass die Teilnahmepflicht in der Praxis weiterhin umgangen werden kann.
„Er kann das eigentlich nicht mehr machen, weil es ihm jetzt niemand mehr abnehmen würde. Aber dieser Krankenschein wird wohl trotzdem noch auftauchen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Tim Wellens am Sonntag plötzlich mit leichtem Halskratzen aufwacht…“
Diese Aussage brachte Journalist Marijn Abbenhuijs zu der Frage, ob eine Teilnahmepflicht tatsächlich ihren Zweck erfüllt, wenn ärztliche Atteste ohne weitere Überprüfung akzeptiert werden.
In den Niederlanden ist eine vergleichbare Regelung unterdessen weiterhin nicht geplant. Fahrer wie Mathieu van der Poel können die nationalen Meisterschaften dort auch künftig ohne Angabe von Gründen auslassen.
Für Knetemann bleibt es dennoch etwas Besonderes, wenn die größten Stars ihres Landes um den nationalen Titel kämpfen.
„Man könnte dann bei der Tour de France in dem Trikot des niederländischen Meisters auch noch eine Etappe gewinnen.“