Tim Wellens wird bei der
Weltmeisterschaft nicht für Belgien an den Start gehen. Stattdessen schickt
UAE Team Emirates - XRG den 35-Jährigen im selben Zeitraum zu einem anderen Rennen. Die Begründung seines Landsmannes und ehemaligen Teamkollegen stößt bei
Philippe Gilbert allerdings auf deutliches Unverständnis.
Wellens erklärte, die Entscheidung bereits Anfang August getroffen zu haben. Damals befand er sich körperlich nicht in guter Verfassung und musste die Renewi Tour vorzeitig verlassen. Nur wenige Wochen später meldete sich der Belgier jedoch eindrucksvoll zurück: Bei der Tour of Britain gewann er die Gesamtwertung, während UAE Team Emirates - XRG das Rennen dominierte.
Selbst Evenepoels persönliche Nachricht konnte Wellens nicht umstimmen
Als Puncheur mit mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung auf höchstem Niveau und ehemaliger Sieger des GP de Montreal wäre Wellens grundsätzlich ein naheliegender Kandidat für das belgische WM-Aufgebot gewesen.
Tim Wellens verzichtet auf die Weltmeisterschaft und startet stattdessen für das UAE Team Emirates - XRG beim Cro Race – eine Entscheidung, die Philippe Gilbert scharf kritisiert.
Zusätzlich veränderte die Absage von Tadej Pogacar die Ausgangslage. Ohne seinen Teamkapitän von UAE Team Emirates - XRG im WM-Rennen hätte Wellens auf dem Papier nicht gegen Pogacar fahren müssen, während er gleichzeitig die belgischen Kapitäne unterstützen sollte. Remco Evenepoel wandte sich sogar persönlich an seinen Landsmann, um ihn von einer Teilnahme zu überzeugen – allerdings ohne Erfolg.
„Diese Nachrichten zeigten, dass Remco mich gern im Team gehabt hätte. Das hat meinem Ego geschmeichelt. Aber ich bleibe bei meiner Entscheidung“, erklärte Wellens bereits.
Der 35-Jährige betont, dass seine Entscheidung rein berufliche und keine persönlichen Gründe habe. Auch eine Helferrolle für Evenepoel oder Wout Van Aert wäre aus seiner Sicht kein Problem gewesen. „Ich weiß, meine Entscheidung wird kritisiert, aber ich hätte sicher kein Problem damit, für Remco oder Wout zu fahren. Doch mein Markenteam bleibt mein Arbeitgeber; sie bezahlen mich. Ich war bei Serge Pauwels immer transparent und ehrlich.“
Während seine belgischen Landsleute bei der Weltmeisterschaft um das Regenbogentrikot kämpfen, wird Wellens deshalb für UAE Team Emirates - XRG beim Cro Race im Einsatz sein.
„Völlig realitätsfern“ – Gilbert widerspricht Wellens deutlich
Bei Philippe Gilbert stößt diese Prioritätensetzung auf erhebliches Unverständnis. „Ich respektiere Tim, aber ich bin mit seiner Begründung und seiner Haltung völlig nicht einverstanden. Ich habe das Gefühl, er ist völlig realitätsfern“, sagte der ehemalige Weltmeister.
Die deutlichen Worte erhalten zusätzliche Brisanz durch die gemeinsame Vergangenheit der beiden Belgier. Gilbert und Wellens waren bei Lotto Teamkollegen, teilten sich dort den Mannschaftsbus und standen auch im Trikot der belgischen Nationalmannschaft mehrfach gemeinsam am Start. In der Bewertung der aktuellen Situation könnten ihre Ansichten jedoch kaum weiter auseinanderliegen.
Gilbert kann insbesondere nicht nachvollziehen, weshalb die Interessen eines Rennstalls Vorrang vor einer Nominierung für die Weltmeisterschaft haben sollten. Aus seiner Sicht gilt das umso mehr für einen Fahrer wie Wellens, der selbst Chancen auf eine Medaille besitzen könnte und gleichzeitig Teil eines belgischen Aufgebots wäre, dem vor dem Rennen große Möglichkeiten zugeschrieben werden.
„Am Ende deiner Karriere hattest du vielleicht mehrere Arbeitgeber, aber dein Land bleibt immer dein Land“, argumentierte Gilbert.
Auch den möglichen Interessenkonflikt mit Pogacar lässt der ehemalige Profi nicht als entscheidendes Argument gelten. Gilbert verweist auf seine eigenen Erfahrungen bei der Weltmeisterschaft, bei der es völlig normal sei, plötzlich gegen Fahrer anzutreten, die während des restlichen Jahres Teamkollegen im eigenen Rennstall sind. In diesem Rennen müssten aus seiner Sicht die Interessen der belgischen Nationalmannschaft an erster Stelle stehen.
„Bei den Weltmeisterschaften, die ich bestritten habe, waren meine Gegner Teamkollegen aus meinem Rennstall. Cadel Evans zum Beispiel. Er wurde in Mendrisio Weltmeister, ich wurde Sechster. Trotzdem habe ich dort alles für die belgische Mannschaft gegeben. Man fährt für sein Land; das ist entscheidend.“