Dass die 15. Etappe der
Tour de France 2026 entscheidend sein würde, war sicher die Absicht der Organisatoren, wenn auch wohl nicht in der Form, die sie sich ausgemalt hatten. Jonas Vingegaards Sturz und anschließender Ausstieg eröffneten jedoch
Remco Evenepoel die Chance zur Wiederauferstehung im Gesamtklassement, und der Belgier wirkt nach seinem
Sieg am Plateau de Solaison plötzlich wie ein sicherer Podiumskandidat.
Zwar war Evenepoel deutlich stärker als bei seinem Auftritt 2025, doch der Olympiasieger überzeugte nicht mit frühen Kletterattacken im Rennen. Am Col du Tourmalet musste er die Verluste in der Abfahrt begrenzen. Gleiches Bild in Le Lioran und am Markstein.
Dieses Muster machte seinen Antritt am Solaison für Ex-Profi
Jan Bakelants so überraschend. „Ehrlich gesagt habe ich damit nicht gerechnet“, beginnt er seine Analyse für
HLN.
Und obwohl Evenepoel vor dem Einzelzeitfahren am Dienstag plötzlich in der komfortablen Position des Gesamtzweiten im Gelben Trikot liegt, sieht Bakelants kaum eine Möglichkeit, wie der Belgier Pogacar ernsthaft in Bedrängnis bringen könnte. Vor allem bergauf. „Ich würde Evenepoel nicht sofort als gefährlichen Gegner für Tadej Pogacar in allen verbleibenden Bergetappen ausrufen.“
Pogacar bleibt am Drücker
Zwar hat Evenepoel Tadej Pogacar auf der jüngsten Etappe im direkten Duell geschlagen, doch Bakelants erinnert daran, dass der Slowene wohl nicht auf den eigenen Etappensieg fuhr. Stattdessen investierte er Energie, um Teamkollege Isaac del Toro auf das provisorische Podium zu hieven, während Paul Seixas und Florian Lipowitz jeweils gut eine Minute einbüßten.
„Der Träger des Gelben Trikots fuhr sehr konservativ und kontrollierend und kümmerte sich mehr um einen möglichen Etappensieg für Isaac Del Toro als um sich selbst. Während er diesen Plan für seinen Teamkollegen durchzog, zerlegte er den Rest dennoch“, lautet die Erklärung.
Evenepoel wirkte im Sprint überzeugend, aber es schien, als sei Pogacar auf den letzten Hunderten Metern nicht voll ins Risiko gegangen: „Natürlich gewann Evenepoel auch ein Stück weit durch Pogacars Gnade“, resümiert Bakelants.
Der wichtigste Erfolg der 15. Etappe für Evenepoel war freilich die Bestätigung des eigenen Niveaus. Und folglich der Sprung im
Gesamtklassement.
Tadej Pogacar macht das Tempo auf Etappe 15
„Aber dieser [Sieg] ist hier gar nicht das Entscheidende, denn er hat seine direkten Klassement-Rivalen klar und deutlich geschlagen. Das wird dem Publikum enorm viel Vertrauen geben.“
Die Tour steht Kopf
Plötzlich haben wir eine völlig andere Rennkonstellation auf dem Tisch. UAE hält weiterhin alle Trümpfe. Doch die Hauptgegner sind nicht mehr Visma, sondern Red Bull. Vor allem, falls Evenepoel im kommenden Zeitfahren seinen Rückstand verkleinern kann.
Dazu kommen Fahrer, die aus der Distanz attackieren könnten und aktuell in den Top 10 der Gesamtwertung liegen: das Lidl-Trek-Duo Juan Ayuso und Mattias Skjelmose, Lenny Martinez und weitere.
„Bislang lief dieses Rennen exakt nach dem vorab prognostizierten Muster. Mit einem unangreifbaren Pogacar, einem sehr starken Vingegaard fest auf Platz zwei und dahinter einer Gruppe ebenbürtiger Fahrer, in der sich niemand übertraf. Feste Dynamiken, die in Stein gemeißelt wirkten. Das machte es etwas langweilig.“
Das sei nun vorbei, meint Bakelants. „Dank Remco kam endlich Würze ins Rennen. Er machte daraus bei weitem die spannendste Etappe bisher.“
Remco Evenepoel feiert die 15. Etappe der Tour de France 2026.
Vingegaards Sturz änderte nichts
Das Finale der Etappe hätte mit Jonas Vingegaard im Rennen anders aussehen können. Der Däne wirkte bereit für die Offensive. Während Pogacar stark genug schien, jede Attacke zu kontern, hätte Evenepoel mehr Mühe haben können, wenn beide voll durchgezogen hätten.
Bakelants widerspricht jedoch:
„Ich denke, Remco hätte auch mit dem Dänen mitgehen können“, lautet sein Fazit.