Die Vuelta a España ist erst eine Woche vorbei, doch für mehrere ihrer stärksten Kletterer steht die nächste große Aufgabe bereits vor der Tür.
Enric Mas,
Primoz Roglic,
Felix Gall, Oscar Onley, João Almeida, Santiago Buitrago und Tobias Halland Johannessen stehen am kommenden Sonntag in Montréal am Start und bringen sehr unterschiedliche Erwartungen aus drei Wochen Spanien in einen
Weltmeisterschafts-Kurs, der einen ganz bestimmten Kletterertyp belohnt.
Das macht die Vuelta zu einem ungewöhnlich hilfreichen, aber potenziell trügerischen Maßstab. Mas hat gerade das größte Rennen seiner Karriere gewonnen, Roglic wurde Zweiter und Gall Dritter, während Onley das Weiße Trikot und Buitrago die Bergwertung holte.
Johannessen wiederum gewann die Schlussetappe in Granada. Auf dem Papier also ein außergewöhnliches Aufgebot für eine Weltmeisterschaft. Die Frage ist, ob die in Spanien aufgebaute Form nach zwei Wochen Regeneration noch trägt und ob ihre Profile tatsächlich zu Montréal passen.
Das Straßenrennen der Elite-Männer am 27.09. umfasst 273,7 Kilometer und 3.803 Höhenmeter. Nach einem 112,4 Kilometer langen Auftakt von Brossard geht es nach Montréal, wo 12 Runden des 13,4 Kilometer langen Schlussrundkurses zu absolvieren sind. Entscheidend sind die Voie Camillien-Houde, der Chemin de la Polytechnique mit Passagen über 11 Prozent sowie die ansteigende Zielgerade auf der Avenue du Parc.
Das ist wichtig für die Einordnung der Kletterer. Montréal ist zweifellos hart genug, um Bergfahrer zu begünstigen, aber es ist kein klassischer Kletterkurs. Es fehlt der lange Anstieg, auf dem ein reiner Bergspezialist seinen Rhythmus findet und die Konkurrenz sukzessive distanziert.
Stattdessen fällt die Entscheidung über wiederholte kurze, explosive Antritte, mit 12 Passagen über den finalen Rundkurs und nahezu 3.800 Höhenmetern, die sich allmählich in den Beinen summieren. Dadurch wird der Kurs zum Treffpunkt von Kletterern, Puncheuren und starken Allroundern.
Diese Unterscheidung kann zwischen einem auf dem Papier ideal passenden Fahrer und einem, der trotz erfolgreicher Grand Tour ins Straucheln gerät, den Ausschlag geben. Und eine weitere Variable lässt sich nicht ignorieren: Müdigkeit.
Enric Mas gewinnt die 20. Etappe der Vuelta a España 2026 im Sprint am Zielstrich
Enric Mas: der Vuelta-Sieger vor dem falschen Streckenprofil
Würde hier ausschließlich die aktuelle Form entscheiden, käme Enric Mas nicht zu übersehen. Der Spanier hat gerade zum ersten Mal die
Vuelta gewonnen und damit Jahre voller Podestplätze in einen Grand-Tour-Sieg umgemünzt. Er lag nach drei Wochen, in denen er nach Pogacars Aufgabe stets am stärksten wirkte, 2:15 vor Roglic und 2:44 vor Gall.
Das Problem für Mas: Montréal scheint fast darauf ausgelegt, eine seiner Schwächen offenzulegen – die Explosivität. Mas ist ein großartiger Kletterer. Am stärksten ist er, wenn er sich in einen harten Rhythmus einfindet und Rivalen Schritt für Schritt eliminiert, nicht wenn er ständig kurze Antritte parieren muss. Montréal stellt jedoch andere Anforderungen. Die steilsten Rampen sind kurz, der Rundkurs lädt zu wiederholten Attacken ein, und die finalen Kilometer steigen erneut an.
Das macht Mas keineswegs chancenlos. Im Gegenteil. Seine Vuelta-Leistung zeigte ein extrem hohes Niveau, und ein Grand-Tour-Sieg nach Jahren des Beinahe sollte ihm einen deutlichen psychologischen Schub geben. Vor allem hat er nun bewiesen, dass er wiederholte Attacken explosiver Fahrer überstehen kann.
Kann ihn das besser fahren lassen, als das Profil nahelegt? Durchaus. Rein nach Fahrerprofilen beurteilt, spricht der Kurs dennoch gegen ihn. Ein Top-10-Ergebnis wirkt realistisch, wenn er die Vuelta-Form trifft; für ein Podium müsste Mas über sich hinauswachsen, der Regenbogen wäre eine große Überraschung.
Genau diese Unwägbarkeit macht ihn spannend: Vielleicht ist die beste Version von Enric Mas inzwischen eine andere als die, die auf dem Papier nach Montréal reist.
Primoz Roglic: der ideale Kurs für seine Prime, aber nicht zwingend für 2026
Bei Roglic gibt es einen leichten Widerspruch. Versetzte man den Primoz Roglic seiner besten Jahre nach Montréal, wäre dies eine hervorragende WM-Chance. Kurze Anstiege, wiederholte Beschleunigungen, ein technisches Finale, ein ansteigender Zielstrich und kein Pogacar.
Kaum ein Fahrer hat historisch besser aus einem kurzen Bergantritt entscheidende Zeit gemacht als Roglic. Seine Explosivität, kombiniert mit seinem Sprint aus kleinen Gruppen, hätte diesen WM-Typ in seinen Peak-Jahren besonders attraktiv gemacht.
Die relevante Frage ist jedoch nicht, was Roglic vor fünf Jahren gekonnt hätte, sondern was er jetzt leisten kann. Mit 36 kam der Slowene nach einem schweren Trainingssturz und gestörter Vorbereitung zur Vuelta. Sein zweiter Platz war unter diesen Umständen beeindruckend und bedeutete sein sechstes Vuelta-Podium.
Zugleich zeigte die Rundfahrt Anzeichen, dass er nicht mehr der dominante Kletterer vergangener Jahre ist. Mas konnte ihn in den entscheidenden Etappen distanzieren, während Rogličs stärkste Momente eher aus Konstanz und einem soliden Zeitfahren resultierten. Er beendete die Vuelta ohne Etappensieg und 2:15 Minuten hinter Mas.
Das ist in Montréal relevant. Roglič kann an einem guten Tag sicher in die Top 10 fahren, und Slowenien hat ihn nach Pogacars Ausfall zum Kapitän ernannt – das ganze Team wird für ihn arbeiten. Aber er zählt längst nicht zu den Topfavoriten auf das Regenbogentrikot.
Felix Gall: ein Kandidat, falls die Vuelta ihn nicht geleert hat
Gall kommt mit vielleicht der interessantesten Kombination aus Form und Streckenprofil unter den drei Podiumsfahrern aus der Vuelta. Der Österreicher wurde Gesamtdritter, nur 2:44 Minuten hinter Mas, nach einer ohnehin starken Saison mit dem Sieg bei der Vuelta a Burgos und Rang zwei beim Giro d’Italia. In Burgos zeigte er zudem, dass er auf kürzeren, steileren Anstiegen performen kann: Er gewann am El Escudo und machte anschließend den Gesamtsieg klar.
Das macht ihn auf dem Papier passender für Montréal als Mas. Gall ist nicht der explosivste Fahrer dieser Gruppe, und könnte er den WM-Kurs selbst wählen, würde er wohl längere, gleichmäßigere Anstiege bevorzugen.
Doch er hat genug Punch, um die kurzen Rampen zu überstehen, und seine Widerstandsfähigkeit könnte nach 250 Kilometern besonders wertvoll sein. Wird das Rennen eher zur Zermürbungsschlacht als zu einer Abfolge reiner Attacken, könnte Gall in der Hierarchie klettern.
Die große Sorge liegt auf der Hand: Er ist in diesem Jahr bereits Giro und Vuelta gefahren und hat nun eine weitere dreiwöchige Grand Tour in den Beinen. Die Form kann für Montréal perfekt sein – oder einfach leer.
Ich sehe Gall daher als sehr plausiblen Top-5-Kandidaten, dessen oberes Limit stark davon abhängt, wie viel ihm die Vuelta abverlangt hat.
Oscar Onley: die offensive Route könnte seine beste Chance sein
Onley kommt mit einer etwas anderen Geschichte. Sein sechster Gesamtrang und der Sieg in der Nachwuchswertung der Vuelta waren beachtlich nach der schwierigen Saison zuvor. Der 23-Jährige gab nach Granada zu, er sei früh im Rennen krank gewesen und mehrmals gestürzt, beschrieb 2026 als „keine tolle Saison“, und meinte, allein die Vuelta auf ordentlichem Niveau beendet zu haben, gebe ihm Vertrauen für die Zukunft.
Das macht sein Vuelta-Ergebnis schwer einzuordnen. Sechster gesamt ist stark, doch es war nicht der Onley, der vor Jahren aussah, als könne er die Allerbesten in jeder Bergetappe fordern.
Der Kurs ist ein weiterer Punkt. Wie Gall und Mas bevorzugt Onley längere Anstiege. Er ist ein natürlicher Kletterer, kein klassischer Puncheur, und die wiederholten kurzen Beschleunigungen in Montréal spielen seine Stärken nicht aus.
Großbritannien hat zudem Tom Pidcock, den offensichtlichen Kapitän nach Rang sechs beim jüngsten Grand Prix Cycliste de Montréal, der nach seinem Cross-Country-WM-Titel ausdrücklich den Straßentitel anpeilt. Adam Yates und Oscar Onley geben dem britischen Team zusätzliche Optionen, doch Pidcock dürfte die klarste Unterstützung erhalten.
Onley ist daher am gefährlichsten, wenn er nicht auf die Schlusskilometer wartet. Eine Attacke aus der Distanz, vor allem sobald die wiederholten Anstiege das Feld ausgedünnt haben, würde ihm bessere Chancen auf ein starkes Ergebnis eröffnen. Dennoch glaube ich, dass er letztlich als Helfer für Pidcock agiert und eigene Ambitionen zurückstellt – ein Top-10-Ergebnis wäre eine sehr große Überraschung.
Joao Almeida: ein schwieriger Fall nach einer verlorenen Saison
Almeida ist vielleicht derjenige, den man in dieser Gruppe am leichtesten unterschätzt – und zugleich am schwersten empfehlen kann, gemessen an seinem 2026 Gezeigten. Der Saisonstart war gut. Er wurde Zweiter bei der Volta Comunitat Valenciana und Dritter bei der Volta ao Algarve, wo er am kurzen, steilen Alto do Malhão konkurrenzfähig war.
Danach verschwand seine Saison weitgehend. Stürze und schwache Resultate ließen ihn deutlich unter dem Niveau seines starken Jahres 2025. Seine Tour Auvergne-Rhône-Alpes endete mit einem DNF, bei der Volta a Catalunya wurde er nur Gesamt-38. Bei der Vuelta erzählt seine Platzierung die Geschichte: Rang 34, trotz eines dritten Platzes im Zeitfahren von Jerez.
Diese Vuelta war besonders aufschlussreich. Almeida spielte im GC keinerlei Rolle, selbst nach Pogacars Aufgabe, und zeigte nie die Beine für einen Etappensieg. Portugal nominierte ihn dennoch neben António Morgado, Ivo Oliveira, Afonso Eulálio und anderen.
Könnte ein frischer Almeida plötzlich in Montréal auftauchen? Natürlich, aber derzeit gibt es dafür wenig Anhaltspunkte. Der Kurs ist nicht sein größtes Problem; es ist die Form. Portugal hat mit Morgado oder Eulálio aus meiner Sicht bessere Karten, beide sollten mehr Freiheiten erhalten und die Rennenentwicklung eher nutzen können als Almeida.
Für mich wäre eine Top 10 eine riesige Überraschung, und nach dem, was er diese Saison gezeigt hat, wäre schon das Durchfahren ein Erfolg.
Buitrago und Johannessen: die Geheimtipps
Zwei Fahrer würde ich nicht komplett abschreiben: Santiago Buitrago und Tobias Halland Johannessen. Keiner von beiden ist ein ausgewiesener Montréal-Spezialist. Beide bevorzugen längere Anstiege, und keiner bringt die Explosivität der Favoriten mit. Doch beide verlassen die Vuelta mit etwas extrem Wertvollem: Momentum.
Buitrago gewann die Bergwertung, nachdem er in der zweiten Hälfte der Vuelta häufig aus Ausreißergruppen attackierte und mehrfach haarscharf an Etappensiegen vorbeifuhr. Er wurde mehrmals Zweiter und gab nach der letzten Bergetappe zu, dass er im Ziel „komplett leer“ ankam.
Dieses Detail ist entscheidend. Buitrago traf in Spanien offenbar das perfekte Niveau, doch die Frage ist, ob sein Körper sich rechtzeitig für Montréal erholen kann. Kolumbien muss zudem entscheiden, wie offensiv es ihn einsetzt, da er gemeinsam mit Tejada und Higuita als Co-Kapitän startet.
Noch spannender ist der Fall Johannessen. Der Norweger belegte Gesamtrang 26, doch sein Vuelta-Finale war spektakulär: Zweiter auf Etappe 20 und Sieger der Schlussetappe in Granada, sein erster Etappenerfolg bei einer Grand Tour.
Seine Spätform ist daher schwer zu übersehen. Fraglich ist, ob er sie nach der Reise von Spanien nach Kanada reproduzieren kann und ob Norwegen die passende taktische Konstellation für ihn schafft.
Weder Buitrago noch Johannessen zählen für mich zu den ersten Namen für das Podium oder die Top 5. Beide könnten jedoch relevant werden, wenn die Favoriten sich neutralisieren, das Rennen früher als erwartet explodiert, die Vuelta-Form trägt und sie einen Sahnetag erwischen. Ein Top-10-Resultat halte ich für beide für realistisch.
Der Vuelta-Faktor
Die Vuelta hat auch die Zahl der Kletterer reduziert, die in Montréal hätten eine Rolle spielen können. Der zweifache Sieger
Tadej Pogacar verpasst das Rennen, nachdem sein Sturz seine Saison beendete, während Richard Carapaz, Mattias Skjelmose und Jakob Omrzel nach der Vuelta ebenfalls passen, da Müdigkeit und Regeneration ihre Planung beeinträchtigen.
Übrig bleiben Mas, Roglic, Gall, Onley, Almeida, Buitrago und Johannessen als die wichtigsten Vuelta-Kletterer, die nach Kanada reisen. Ihre Vuelta-Auftritte liefern ermutigende Hinweise, doch die anderen Anforderungen in Montréal bedeuten, dass sich Form nicht eins zu eins übertragen lässt.
Die Straßen-WM am 27.09. wird die Antwort liefern. Für einige war die Vuelta womöglich die ideale Vorbereitung, für andere haben drei Rennwochen zu viel Müdigkeit hinterlassen. Der Kurs entscheidet zudem, welche dieser Kletterer sich am besten an die kurzen, explosiven Anstiege anpassen.