Das Einzelzeitfahren des Giro d’Italia 2026 lieferte eines der prägendsten Bilder der bisherigen Saison. Und paradoxerweise zugleich eine der bemerkenswertesten Leistungen des
Movistar Team.
Lorenzo Milesi belegte im langen Kampf gegen die Uhr Rang neun, sammelte 30 wertvolle UCI-Punkte für die spanische Equipe und bestätigte damit die starke Form, die er während der gesamten Rundfahrt gezeigt hat.
Milesi fährt mit Thermoweste in die Top Ten
All das gelang ihm, nachdem er praktisch die komplette Etappe versehentlich mit einer thermischen Trainingsweste bestritten hatte – eine ebenso unglaubliche wie aerodynamisch höchst nachteilige Situation.
Lorenzo Milesi fuhr das Giro-Zeitfahren trotz vergessener Thermoweste auf Rang neun und sorgte damit für eine kuriose Szene
Während viele Fans und Kommentatoren rätselten, was der Italiener über seinem Speedsuit trug, lieferte Milesi nach der Etappe selbst die Erklärung: Er hatte schlicht vergessen, das Kleidungsstück vor dem Start auszuziehen.
„Ich habe vergessen, die Thermojacke fürs Eisbad auszuziehen“, sagte er mit einer Mischung aus Lachen und Resignation. „Als ich schon unterwegs war, bekam ich sie nicht mehr aus.“
Die Szene wirkte beinahe surreal. In einer Disziplin, in der Teams enorme Summen in Windkanäle, spezielle Helme, optimierte Stoffe und akribische Aero-Studien investieren, absolvierte einer der besten Fahrer des Tages das gesamte Zeitfahren mit einer völlig anti-aerodynamischen Zusatzschicht.
Die Weste flatterte am Körper, störte den Luftstrom – und dennoch fuhr Milesi in die Top Ten.
Ein Fehler, der in dieser Disziplin kaum erklärbar ist
Der Vorfall wirft kein gutes Licht auf die Organisation des Movistar Team. In einem Zeitfahren auf diesem Niveau erscheint es kaum vorstellbar, dass weder Fahrer noch Betreuer den Fauxpas vor dem Start bemerkten.
Milesi erklärte, er habe den Fehler sofort bemerkt, als die Etappe bereits lief. Doch da war eine Korrektur nicht mehr möglich. „Ich habe es gleich am Anfang gemerkt, aber da war es schon zu spät“, gab er zu.
„Also habe ich mir gesagt: ‚Ich muss einfach das gleiche Tempo halten, egal was passiert.‘“
Mental brach der Italiener nach dem kuriosen Rückschlag keineswegs ein. Stattdessen hielt er sich strikt an seinen Plan und konzentrierte sich darauf, seine Leistung über den gesamten Kurs stabil zu halten.
Das zeugte von bemerkenswerter mentaler Stärke. Denn Milesi ließ sich selbst von einem derart absurden Fehler nicht aus der Ruhe bringen.
Der aerodynamische Nachteil der Weste war offensichtlich. Auf einem flachen, schnellen und gleichmäßig zu tretenden Kurs kostet jede kleine Störung in Position oder Luftstrom wertvolle Sekunden.
Umso mehr gilt das auf einer langen, monotonen Strecke wie dieser beim Giro d’Italia. Milesis neunter Platz wirkt dadurch noch bemerkenswerter.
Ein Talent im Aufschwung
Der Italiener hatte bereits in den ersten Tagen starke Ansätze gezeigt. Mit diesem Auftritt bestätigte er endgültig seine Entwicklung zu einem der interessantesten Fahrer im Block des Movistar Team.
Milesi selbst räumte ein, dass das Ergebnis ohne die Weste wohl noch besser hätte ausfallen können. „Natürlich wäre es ohne besser gewesen“, sagte er. „Es ist auch eine Lektion, aus der man lernt.“
Dieser Satz fasst die Mischung aus Fassungslosigkeit und Resignation zusammen, die im spanischen Team zurückblieb. Jenseits des humorvollen Tons im Interview bleibt die Realität: Durch einen völlig vermeidbaren Fehler verpasste Milesi wahrscheinlich eine noch stärkere Platzierung auf der Etappe.
Erinnerungen an Geraint Thomas
Anschließend nahm das Gespräch einen leichteren Ton an. Ein Journalist fragte, ob nach mehr als einer halben Stunde Vollgas noch Eis in der Weste gewesen sei.
„Nein, natürlich nicht“, antwortete Milesi lachend. „Man schwitzt.“
Daraufhin folgte der Vergleich mit Geraint Thomas, der sich vor Jahren in einer ähnlichen Situation wiedergefunden hatte, als er ein Zeitfahren mit einer zusätzlichen Schicht startete.
„Davon hatte ich keine Ahnung“, sagte Milesi, als er daran erinnert wurde. „Aber ich glaube, er freut sich, dass ich es jetzt auch geschafft habe.“
So verwandelte der Italiener einen potenziell peinlichen Moment in eine beinahe charmante Anekdote. Die Geschichte lässt dennoch einen klaren Schluss zu: Selbst im organisatorischen Durcheinander lieferte Lorenzo Milesi eine der besten Leistungen seiner Karriere ab – und rettete damit wohl auch den Tag des Movistar Team.