Der Tag der Abrechnung bei der Vuelta ist da: Kann Roglic das Rote Trikot noch erobern? Drei Schlüsselfragen vor dem großen Vuelta-Finale

Radsport
durch Nic Gayer
Donnerstag, 10 September 2026 um 12:00
Primoz Roglic
Die Zeit der Worte bei der Vuelta a Espana ist vorbei. Nur noch vier Etappen stehen aus, und am Donnerstag beginnt mit dem Einzelzeitfahren der 18. Etappe das große Finale im Kampf um den Gesamtsieg. Zeit zum Durchatmen bleibt anschließend kaum: Zwei Bergetappen im Doppelpack folgen, ehe ein letztes punchiges Finale die Rundfahrt beschließt.
Der Kampf um das Rote Trikot geht mit engen Abständen in die entscheidende Phase. Enric Mas führt die Gesamtwertung mit 2:06 Minuten Vorsprung auf Felix Gall und 2:10 Minuten auf Primoz Roglic an. Das Zeitfahren dürfte dieses Kräfteverhältnis allerdings gehörig durcheinanderwirbeln.

Roglic gegen Mas, INEOS unter Druck und Visma auf der Jagd

Netcompany INEOS erlebt gemessen an den eigenen Ansprüchen eine wechselhafte Vuelta. Oscar Onley kämpft um einen Platz in den Top 5 und das Weiße Trikot. Da die Mannschaft keine weitere Option für die Gesamtwertung besitzt und für die kommenden Tage auch keine andere Karte in herausragender Form zur Verfügung hat, hängt viel von Onley ab – zumal sein Weißes Trikot von einem Gegner bedroht wird, dessen Geschichte gewisse Erinnerungen weckt.
Am anderen Ende des Spektrums befindet sich Visma - Lease a Bike praktisch in einer Situation ohne Risiko, dafür aber mit umso größerem Appetit auf weitere Etappensiege. Sieben Erfolge hat die Mannschaft bereits gesammelt, doch in den kommenden Tagen sollen weitere hinzukommen. Vor dem Vuelta-Zeitfahren am Donnerstag werfen wir einen Blick auf die entscheidenden Themen des großen Finales.

Kann Roglic Rotträger Mas noch einholen?

Es ist jener Tag, den man sich bei Movistar bereits im Kalender markiert haben dürfte, kurz nachdem Mas eher widerwillig ins Rote Trikot gefahren war. Der Spanier scheint sich an der Spitze inzwischen ausgesprochen wohlzufühlen und hat Roglic sowie Gall in den vergangenen zehn Tagen sogar Zeit abgenommen. Auf der 18. Etappe dürfte es für ihn allerdings erheblich schwieriger werden, diesen Trend fortzusetzen.
Das Zeitfahren war traditionell eine der großen Spezialitäten von Roglic und eines der entscheidenden Werkzeuge, mit denen er sich bis an die Schwelle zur Vuelta-Unsterblichkeit gefahren hat. Will der Slowene am Wochenende tatsächlich seinen historischen fünften Gesamtsieg feiern, benötigt er nun eine herausragende Leistung gegen die Uhr.
Primož Roglič, Enric Mas und Felix Gall bei der Vuelta a España 2026.
Enric Mas geht in Rot ins große Vuelta-Finale, doch Felix Gall und Primoz Roglic lauern – insbesondere das Zeitfahren könnte die Abstände noch einmal kräftig durcheinanderwirbeln.
Unsere Analyse zeigt, wie groß die Aufgabe ist: Auf dem 32 Kilometer langen Kurs muss Roglic gegenüber Mas rund vier Sekunden pro Kilometer gutmachen. In den jüngsten direkten Zeitfahrduellen – abgesehen vom kurzen Prolog auf der 1. Etappe – nahm Roglic seinem spanischen Rivalen mindestens 2,5 und teilweise mehr als drei Sekunden pro Kilometer ab.
Unweigerlich kommt dabei Roglics Giro-Zeitfahren von 2023 in Erinnerung – ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie tief der Slowene in entscheidenden Momenten gehen kann. Die bisherigen Abstände lassen vermuten, dass er den Vorsprung von Mas zumindest halbieren könnte. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Hält Mas diesem Druck stand und kann ihm das Rote Trikot vielleicht sogar ein paar zusätzliche Watt verleihen?

INEOS-Vuelta steht am Scheideweg

Nach einer besonders enttäuschenden Tour de France erlebt Netcompany INEOS eine Saison mit erheblichen Höhen und Tiefen. Doch die Räder drehen sich weiter – und bei der Vuelta befindet sich das Team immerhin noch mitten im Kampf um eine Spitzenplatzierung, auch wenn das Rote Trikot derzeit außer Reichweite liegt.
Für das Team von Geraint Thomas bleibt das Weiße Trikot deshalb ein lohnendes Ziel. Oscar Onley liegt auf dem fünften Gesamtrang und führt die Nachwuchswertung an. Direkt hinter ihm lauert allerdings Jakob Omrzel auf Platz sechs, der ebenfalls um Weiß kämpft. Ein 20 Jahre alter Slowene, der bei der Vuelta bereits eine Bergetappe gewonnen hat – eine Konstellation, die im kollektiven Gedächtnis des Radsports unweigerlich gewisse Erinnerungen an einen jungen Tadej Pogacar weckt.
Onley selbst hat eingeräumt, während der ersten beiden Wochen Höhen und Tiefen erlebt zu haben. Im Kampf um das Weiße Trikot beträgt sein Vorsprung auf den Youngster von Bahrain Victorious lediglich 30 Sekunden.
Sollte INEOS das Trikot noch verlieren, würde die Mannschaft zugleich aus den Top 5 der Gesamtwertung rutschen – und die Grand Tour weiterhin ohne Etappensieg und ohne Führungstrikot bestreiten.

Visma - Lease a Bike will noch mehr

Sieben Etappensiege sind Visma - Lease a Bike offenbar noch nicht genug. Matthew Brennan steuerte fünf Erfolge bei, Wout van Aert zwei weitere. Gemessen an Siegen auf der obersten Podiumsstufe ist es damit bereits die erfolgreichste Grand Tour der Mannschaft. Ohne Jonas Vingegaard lag der Fokus fast ausschließlich auf Etappenerfolgen – und diese Strategie hat sich bislang mehr als ausgezahlt.
Doch Visma - Lease a Bike will die Ausbeute weiter ausbauen und besitzt dafür gleich mehrere Optionen. Die erste Chance bietet bereits das Zeitfahren. Van Aert zählt zu den Favoriten und könnte nach dem ausgelassenen Sprint am Mittwoch bewusst Kräfte für Donnerstag gespart haben. Gleichzeitig dürfte auch Kraftpaket Bruno Armirail im Kampf gegen die Uhr alles in die Waagschale werfen.
Matthew Brennan bei der Vuelta a España 2026.
Matthew Brennan ist mit fünf Etappensiegen einer der überragenden Fahrer dieser Vuelta – doch Visma - Lease a Bike hat noch lange nicht genug.
Anschließend geht es in die Berge – und damit auf das bevorzugte Terrain von Sepp Kuss. Der Amerikaner liegt als Gesamtzehnter 8:55 Minuten hinter dem Roten Trikot und besitzt dadurch ausreichend Spielraum, um auf den Etappen 19 und 20 den Sprung in eine Ausreißergruppe zu wagen und einen Etappensieg ins Visier zu nehmen. Nach der 17. Etappe kündigte Kuss bereits an, dass ein Angriff auf seinem Plan stehe. Mit einer Offensive des früheren Vuelta-Siegers ist also zu rechnen.
Und sollte all das nicht zum Erfolg führen, könnten Brennan und Van Aert beim Finale in Granada noch einmal zuschlagen. Bleibt der Kampf um Rot bis zum letzten Tag völlig offen, dürfte sich für beide allerdings kaum eine große Gelegenheit bieten. Sollte die Gesamtwertung zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden sein, bietet das punchige Terrain dagegen die perfekte Bühne für eine weitere Machtdemonstration von Visma - Lease a Bike.
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