„Der Athlet wird immer mehr zur Maschine“ – Damiano Caruso warnt vor mentaler Überlastung und erklärt Pogacars Dominanz

Radsport
durch Nic Gayer
Damiano Caruso at Gran Piemonte 2026
Nach 17 Jahren im Profiradsport beendet Damiano Caruso im Alter von 39 Jahren seine aktive Karriere. Doch der Italiener verabschiedet sich keineswegs aus dem Peloton. Stattdessen beginnt für den langjährigen Profi von Bahrain - Victorious ein neues Kapitel: Er wechselt vom Rennrad ins Begleitfahrzeug und übernimmt bei seiner bisherigen Mannschaft künftig die Aufgabe des Sportlichen Leiters.
Erst vor drei Wochen hatte Caruso beim Gran Piemonte sein letztes Rennen bestritten. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt ihm allerdings nicht. Bereits steht die nächste Reise auf dem Programm: Am UCI-Radsportzentrum in der Schweiz wird er einen Lehrgang für Sportliche Leiter absolvieren und die erforderliche Lizenz erwerben.

Vom Rennrad ins Teamfahrzeug: Caruso beginnt seine zweite Radsportkarriere

Der Übergang in seine neue Rolle kommt für Caruso zwar schnell, doch nach fast zwei Jahrzehnten im professionellen Radsport fühlt er sich auf die bevorstehenden Aufgaben bestens vorbereitet. Dass er künftig nicht mehr als Fahrer, sondern als Verantwortlicher auf den offiziellen Teamlisten auftauchen wird, ist für ihn dennoch ein ungewohnter Gedanke.
„Ich habe gerade die Einladung bekommen“, erzählte Caruso im Gespräch mit bici.pro mit einem Lächeln. „Nächste Woche bin ich bei der Leistungsbesprechung dabei. In der Liste der Sportlichen Leiter steht Caruso. Das kommt mir wirklich seltsam vor …“
In seinen 17 Profijahren hat der Italiener den Wandel des internationalen Radsports aus nächster Nähe miterlebt. Besonders in der jüngeren Vergangenheit hat sich die Entwicklung seiner Ansicht nach enorm beschleunigt. Wissenschaftliche Trainingsmethoden, detaillierte Leistungsanalysen und eine nahezu lückenlose Kontrolle sämtlicher leistungsrelevanter Faktoren prägen inzwischen den Alltag der Fahrer. Caruso erkennt darin große Fortschritte, sieht aber auch eine problematische Kehrseite.
„Ich lasse einen anderen Radsport zurück“, erklärte er. „Er ist viel leistungsorientierter und wissenschaftlicher geworden, und die Aufmerksamkeit für Details ist fast schon zwanghaft. Das würde ich zu den positiven Entwicklungen zählen. Der einzige Nachteil ist meiner Meinung nach, dass der menschliche Aspekt etwas zu kurz kommt.“

„Der Athlet wird immer mehr zur Maschine“ – Caruso kritisiert den Leistungsdruck

Besonders nachdenklich stimmt Caruso die wachsende Zahl von Fahrern, die ihre Karriere frühzeitig beenden. Dahinter stecken aus seiner Sicht längst nicht immer fehlendes Talent, körperliche Beschwerden oder gesundheitliche Rückschläge. Vielmehr sei die mentale Belastung durch die immer höheren Anforderungen des modernen Profiradsports zu einem entscheidenden Problem geworden.
„Der Athlet wird immer mehr zur Maschine, und manchmal bleibt der Mensch auf der Strecke. Ernährung und Leistung werden berücksichtigt, aber dem Wohlbefinden wird weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Was bei Picnic ans Licht kommt, überrascht mich nicht.“
Mit dieser Aussage nimmt Caruso auch Bezug auf die jüngsten Berichte über mutmaßliche Missstände und eine Kultur der Angst bei Team Picnic PostNL. Für den erfahrenen Italiener passen solche Schilderungen zu einer Entwicklung, bei der sportliche Leistungsfähigkeit zunehmend über das persönliche Wohlbefinden der Fahrer gestellt werde.
Zunächst habe er sich selbst gefragt, ob seine kritische Wahrnehmung lediglich mit seinem Alter und den Belastungen einer langen Karriere zusammenhänge. Doch die Erfahrungen jüngerer Profis hätten ihn in seiner Einschätzung bestärkt.
„Deshalb habe ich mich gefragt: ‚Damiano, siehst du das nur so, weil du alt und müde bist?‘ Aber das ist nicht der Fall. Ich lese auch von vielen jungen Leuten, die aufhören und sich darüber beklagen. Früher brachte man Burn-out mit Überlastung oder Übertraining in Verbindung. Heute scheint die Ursache eher mental als körperlich zu sein.“

„Der stärkste Radfahrer aller Zeiten“ – Wie Pogacar das Peloton verändert hat

Ein weiterer Faktor für den enormen Leistungsdruck ist aus Carusos Sicht die Suche nach dem nächsten Ausnahmetalent. Die Mannschaften wollen um jeden Preis vermeiden, einen Fahrer wie Tadej Pogacar zu übersehen. Der Slowene hat mit seiner außergewöhnlichen Dominanz nicht nur neue sportliche Maßstäbe gesetzt, sondern auch die Art und Weise verändert, wie Rennen gefahren werden.
Bei großen Rundfahrten nutzt Pogacar nahezu jede Gelegenheit, um zusätzliche Etappensiege einzufahren. Bei Klassikern und Monumenten greift er mitunter bereits zwei Stunden vor dem Ziel an und entscheidet Rennen damit außergewöhnlich früh. Für seine Konkurrenten ist diese Überlegenheit besonders frustrierend – gerade für jene Fahrer, die unter normalen Umständen selbst zu den Siegkandidaten gehören würden.
Wie stark sich Pogacars Anwesenheit auf die Dynamik eines Rennens auswirkt, zeigte sich nach Carusos Beobachtung im Herbst. Ohne den Slowenen an der Startlinie entwickelten sich deutlich offenere Wettbewerbe, in denen auch neue und teilweise überraschende Sieger zum Zug kamen.
„Ich glaube, Pogacar ist Radsportgeschichte. Da müssen wir nicht lange um den heißen Brei herumreden: Meiner Meinung nach ist er der stärkste Radfahrer aller Zeiten, und es ist richtig, dass er so fährt. Wir werden dafür bezahlt, Rennen zu fahren und zu gewinnen. Tadej macht also alles richtig, wenn er jede Gelegenheit zum Sieg nutzt. Wenn er nicht dabei ist, schöpfen 99 Prozent des Pelotons wieder Hoffnung auf einen Sieg.“

Carusos Appell an Italien: „Wir schauen immer auf das, was wir gerne hätten“

Zum Abschluss seines Rückblicks richtet Caruso einen eindringlichen Appell an die italienische Radsportöffentlichkeit. Er wünscht sich, dass Medien und Fans künftig verantwortungsvoller mit jungen Talenten umgehen und weniger Druck auf Fahrer ausüben, die noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Statt ständig nach dem nächsten großen Hoffnungsträger zu suchen, sollten die bereits vorhandenen Leistungen stärker gewürdigt werden.
Als Beispiele nennt Caruso Giulio Ciccone, Giulio Pellizzari und Davide Piganzoli. Seiner Meinung nach verdienen solche Fahrer mehr Aufmerksamkeit, anstatt den Blick vorschnell auf die nächste Generation um Lorenzo Finn und andere Talente zu richten, die noch nicht einmal den Sprung ins Profilager geschafft haben.
„Ein großer Teil hängt meiner Meinung nach vom italienischen Journalismus und vom durchschnittlichen italienischen Fan ab. Wir schauen immer auf das, was wir gerne hätten“, kritisierte Caruso, „und nicht auf das, was wir bereits haben. Ich verfolge, wie Mercedes Kimi Antonelli vor der italienischen Presse schützt und vieles filtert, weil der Rennstall Angst hat, dass der Junge bedrängt wird.“
Dass öffentliche Wahrnehmung und sportliche Leistung nicht immer im gleichen Verhältnis stehen, hat Caruso während seiner eigenen Karriere mehrfach erlebt. Besonders deutlich erinnert er sich an die Saison 2014, als er bei der Vuelta a Espana den neunten Gesamtrang belegte, während sein Landsmann Fabio Aru Fünfter wurde.
„Ich erinnere mich an meinen neunten Platz bei der Vuelta 2014, bei der Aru Fünfter wurde. Ich war nicht viel schlechter als er, aber über mich sprach niemand. Danach wechselte ich zu BMC, gewann Mannschaftszeitfahren und half meinen Teamkollegen bei ihren Siegen. Außerdem wurde ich Zweiter bei Tirreno-Adriatico. Trotzdem gab es nur wenige Schlagzeilen. Es war die Zeit von Nibali, der die volle Aufmerksamkeit eindeutig verdient hatte. Doch schon damals wurde Aru in den großen Schlagzeilen hochgejubelt.“
Für Caruso verdeutlichen diese Erfahrungen, wie stark die Erwartungen und die öffentliche Aufmerksamkeit im Radsport verteilt sein können. Mit seinem Wechsel in die Rolle des Sportlichen Leiters bei Bahrain - Victorious beginnt nun ein neuer Abschnitt, in dem er seine langjährige Erfahrung weitergeben kann – und seine kritische Sicht auf die Entwicklung des modernen Profisports mitnimmt.
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