Lüttich–Bastogne–Lüttich ist auf den Kopf gestellt, noch bevor das Rennen seine entscheidende Phase erreicht hat. Ein außergewöhnliches Früh-Szenario zerlegt alle Vorab-Erwartungen und erzwingt eine völlig andere taktische Auseinandersetzung.
Was sich in der ersten Stunde abspielte, hat wenig mit dem vertrauten Muster der vergangenen Ausgaben zu tun. Eine riesige Kopfgruppe mit rund 50 Fahrern, darunter Topfavoriten wie
Remco Evenepoel und Egan Bernal, sprengte das Feld und baute den Riss rasch aus. Dahinter blieben
Tadej Pogacar und
Paul Seixas auf der falschen Seite der Teilung, der Abstand wuchs binnen der ersten 80 Kilometer auf rund vier Minuten.
Ein Szenario, mit dem niemand gerechnet hatte
Das Ausmaß der Störung überrascht selbst abgeklärte Rennbeobachter.
Brian Holm, inzwischen Eurosport-Experte, beschrieb die Lage in deutlichen Worten. „Das ist ein Szenario, das sich niemand ausgemalt hatte. UAE verbrennt Streichhölzer, das könnte Pogacar zu einem langen Angriff zwingen. Das Undenkbare ist eingetreten.“
Für Holm liegt der Schlüssel nicht nur in der Größe der Gruppe, sondern in der frühen und vollständigen Verschiebung des Rennverlaufs. „Ich kann mich nicht erinnern, in Lüttich etwas Ähnliches gesehen zu haben. Weil es so selten passiert, hat niemand einen Plan dafür.“
Der Pogacar-Plan aus dem Tritt
Im Vorfeld war die Erwartung im Peloton klar. Pogacar würde warten, die Kontrolle herstellen lassen, und die Entscheidung fiele in der finalen Abfolge der Anstiege.
Holm berichtete, das sei Konsens unter den sportlichen Leitern vor dem Start gewesen. „Alle sagten, Pogacar geht an der Côte de La Redoute.“
Dieses Drehbuch ist nun zerrissen. „Jetzt ist Remco direkt vom Schulhof losgefahren“, ergänzte Holm mit Blick auf den aggressiven Vorstoß, der die frühe, entscheidende Spaltung auslöste.
Remco Evenepoel bei der Teampräsentation vor Lüttich–Bastogne–Lüttich 2026
Ein Rennen außer Kontrolle
Die Zusammensetzung der Spitze macht die Lage besonders schwer kontrollierbar.
Mit Fahrern fast aller großen Teams vertreten, fehlt hinten der Anreiz zur Zusammenarbeit. Mannschaften, die sonst das Rennen ordnen würden, haben Leute voraus und lassen Pogacars UAE Team Emirates - XRG mit begrenzter Unterstützung zurück. Selbst mit Hilfe vom Decathlon CMA CGM Team bleibt die Aufgabe, eine derart große und starke Gruppe zurückzuholen, gewaltig.
Gleichzeitig haben die Bemühungen, den Abstand zu stabilisieren, bereits Kraft gekostet.
Ein völlig anderes Rennen voraus
Die Folge des frühen Chaos: Lüttich–Bastogne–Lüttich folgt nicht mehr dem erwarteten Ablauf. Statt eines kontrollierten Aufbaus zur Côte de La Redoute ist das Rennen längst in Gruppen zersplittert. Der Ausgang hängt nun davon ab, wie sich die Lage über einen deutlich längeren Zeitraum entwickelt.
Für Pogacar geht es nicht mehr um die Umsetzung eines vertrauten Plans, sondern um Anpassung an ein Szenario, das kaum jemand bedacht hatte. Und für die Fahrer vorne, darunter Evenepoel, ist die Chance greifbar.
Das Rennen hat viel früher aufgemacht als erwartet. Damit wächst die Möglichkeit, dass dieses Monument auf eine Weise entschieden wird, die niemand prognostiziert hatte.