Bei Red Bull–BORA–hansgrohe liegen Freude und Enttäuschung derzeit ungewöhnlich nah beieinander. Während Remco Evenepoel mit starken Leistungen für Euphorie sorgt, ist die Tour de France für Florian Lipowitz nach einem schweren Sturz vorzeitig beendet. Zak Dempster, Head of Performance des Teams, sprach anschließend mit Sporza offen über den Zustand des Deutschen, die Entwicklung Evenepoels und die Zukunft der beiden Kapitäne.
Lipowitz hatte bis zu seinem Sturz eine überzeugende Tour absolviert. Der Deutsche lag auf Rang fünf der Gesamtwertung, befand sich weiterhin in Reichweite des Podiums und zeigte auch im Zeitfahren eine starke Leistung. Dann kam der Moment, der alle Hoffnungen abrupt beendete.
„Ich war heute Morgen bei ihm im Krankenhaus“, berichtete Dempster. Lipowitz habe sich das Schlüsselbein gebrochen und sei noch am Abend des Unfalls operiert worden. Nun beginne der Genesungsprozess.
„Natürlich ist er enttäuscht“
Die körperlichen Folgen des Sturzes scheinen überschaubar, die sportliche Enttäuschung wiegt jedoch schwer. Lipowitz und das Team hatten sich für die entscheidenden Tage der Tour viel vorgenommen. Ob der Deutsche seinen fünften Platz hätte verteidigen oder sogar noch das Podium angreifen können, wird unbeantwortet bleiben.
„Wir waren alle sehr optimistisch für diese Woche. Deshalb ist das wirklich enttäuschend“, erklärte Dempster. Der Ausfall hinterlasse nicht nur sportlich eine Lücke. Hinter Lipowitz’ Vorbereitung stünden Monate harter Arbeit – von ihm selbst, vom Team sowie von seiner Familie und seinen Freunden.
Besonders emotional war für Dempster eine Szene vor dem Zeitfahren. Noch bevor Lipowitz an den Start ging, suchte er den Kontakt zu Evenepoel. Beide gaben sich die Hand und wünschten einander viel Glück.
„Das war ein wirklich schöner Moment“, sagte Dempster. „Es hat mich als Teil des Teams stolz gemacht, zu sehen, dass sie zueinandergefunden haben.“
Gerade diese Worte dürften bei deutschen und belgischen Fans aufhorchen lassen. Seit Evenepoels Wechsel zu Red Bull wurde immer wieder darüber diskutiert, wie sich der belgische Superstar und Lipowitz innerhalb einer Mannschaft arrangieren würden. In der Tour schien sich eine Zusammenarbeit zu entwickeln, die für die Zukunft enorme Möglichkeiten eröffnet.
Während Lipowitz nun an seinem Comeback arbeiten muss, sorgt Evenepoel mit seinen Leistungen für Begeisterung. Dempster zeigte sich von dessen Auftritt im Zeitfahren besonders beeindruckt.
„Man kann von seiner Leistung nicht überrascht sein, weil er ein außergewöhnlicher Rundfahrer ist. Aber ich glaube, dass gestern einer seiner besten Tage war“, erklärte der Australier. Evenepoel sei ruhig gefahren, habe die Rückmeldungen aus dem Begleitfahrzeug hervorragend umgesetzt und am Ende eine absolute Spitzenleistung gezeigt.
Bemerkenswert sei vor allem, dass der Belgier auch in der dritten Tour-Woche noch auf diesem Niveau fahren könne. Der vorherige Erfolg habe ihm zusätzliches Selbstvertrauen gegeben.
Auf die Frage, was Red Bull bei Evenepoel verändert habe, wollte Dempster jedoch keinen einzelnen Faktor hervorheben. Der Fortschritt sei nicht das Ergebnis eines geheimen Trainingsplans oder einer revolutionären Methode.
„Wir machen die grundlegenden Dinge gut“, sagte er. Das Team habe gemeinsam einen Plan entwickelt, den alle Beteiligten unterstützen könnten. Evenepoel selbst trage dabei jedoch die größte Verantwortung.
„Am Ende ist er derjenige, der das Team in bestimmten Momenten auf seinen Rücken nehmen und die Leistung auf der Straße bringen muss. Es war sehr schön, ihm dabei zuzusehen.“
Dempster ist gleichzeitig davon überzeugt, dass Evenepoel noch weiteres Entwicklungspotenzial besitzt. Nach der Tour werde das Team genau analysieren, was funktioniert habe und in welchen Bereichen Verbesserungen möglich seien.
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Kann Evenepoel die Tour gewinnen?
Bei der entscheidenden Frage ließ Dempster keinen Zweifel aufkommen. Kann Remco Evenepoel eines Tages die Tour de France gewinnen?
„Warum nicht?“, antwortete er. Evenepoel habe sein außergewöhnliches Talent bereits mehrfach bewiesen. Innerhalb der Red-Bull-Struktur gebe es Fahrer, denen das Team einen Toursieg zutraue – und der Belgier gehöre ausdrücklich dazu.
Doch genau darin könnte langfristig auch die größte Herausforderung liegen. Mit Evenepoel, Lipowitz und Jai Hindley verfügt Red Bull über mehrere Fahrer mit Ambitionen für die Gesamtwertung. Solange Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard das Rennen dominieren, können gemeinsame Interessen die Mannschaft zusammenschweißen. Sollten Evenepoel und Lipowitz jedoch eines Tages beide stark genug sein, selbst um den Gesamtsieg zu kämpfen, müsste das Team möglicherweise eine schwierige Entscheidung treffen.
Dempster blickt dieser Zukunft dennoch optimistisch entgegen. Die Leistungsabteilung vereine Mitarbeiter mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen. Daraus entwickle Red Bull zunehmend eine eigene Arbeitsweise.
„Wir stehen noch ganz am Anfang“, betonte er. „Aber ich bin vollkommen davon überzeugt, dass wir ein Team sein werden, mit dem man rechnen muss.“
Für Lipowitz geht es zunächst nicht um taktische Rollen oder die nächste Tour. Entscheidend ist nun die Genesung. Dempster machte deutlich, dass das Team geschlossen hinter dem Deutschen steht.
„Die Sonne wird auch am Montag nach Paris wieder aufgehen, und es wird wieder eine Tour de France geben“, habe er Lipowitz bereits während des Rennens gesagt. Dieses Mal endete die Tour für den Deutschen im Krankenhaus. Seine Geschichte bei Red Bull und bei der Frankreich-Rundfahrt ist damit jedoch noch lange nicht vorbei.
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
Radsport ist für mich mehr als Leidenschaft. Er ist ein komplexer Leistungssport, der Kontext, Genauigkeit und Verantwortung verlangt – genau diesen Anspruch vertrete ich in unserer täglichen Berichterstattung.