CyclingUpToDate Podcast: „Warum nicht das Eisen schmieden, solange es heiß ist?“ – Kann Visma - Lease a Bike seine Ausfälle in eine Tour-Chance verwandeln?

Radsport
durch Nic Gayer
Sonntag, 28 Juni 2026 um 12:00
Collage_JonasVingegaardWoutVanAert
Obwohl Visma - Lease a Bike sein achtköpfiges Aufgebot für die Tour de France bereits offiziell bekanntgegeben hat, reißen die Diskussionen um die Mannschaft nicht ab. Mehrere verletzungsbedingte Ausfälle haben die Klassiker- und Tempofraktion des Teams erheblich geschwächt, während mit Edoardo Affini eine weitere Personalie auf der Kippe steht. Im CyclingUpToDate-Podcast analysierten Rúben Silva, Gavin Quinn und Carlos Silva die aktuelle Situation des niederländischen Rennstalls.
„Ich möchte definitiv gerade nicht Sportdirektor bei Visma sein oder, na ja, Richard Plugge“, erklärte Quinn. „Denn innerhalb von zwei, drei Wochen hast du zwei, drei Fahrer verloren… Vielleicht liegt Laportes Ausfall etwas länger zurück, damit konnte man rechnen. Und er hatte gute Pläne parat.“

Nach mehreren Rückschlägen muss Visma erneut umplanen

Den Anfang machte Christophe Laporte, der sich im Mai eine Quadrizepsverletzung zuzog und dadurch für die Tour de France ausfiel. Seinen Platz im Aufgebot übernimmt Nachwuchshoffnung Per Strand Hagenes, der bei seiner ersten Grand Tour direkt eine wichtige Helferrolle übernehmen soll. Nach seinem starken Frühjahr mit Rang zwei bei der E3 Saxo Classic hinter Mathieu van der Poel genießt der Norweger großes Vertrauen.
„Ich finde, Per Strand Hagenes nachzunominieren, ist eine gute Idee. Er hat in den letzten Wochen so etwas wie seinen Durchbruch erlebt. Er hat in Antwerpen gewonnen und den Moment sehr klug gewählt, das zeugte von viel Rennintelligenz.“
Noch schwerer wog kurz vor der Tour Auvergne-Rhône-Alpes der Rückschlag um Wout van Aert. Nach seinem Sturz drohte eine Infektion am Ellenbogen, die schließlich zwei Operationen zur Reinigung der Wunde sowie eine Antibiotikabehandlung notwendig machte. Eine optimale Vorbereitung auf die Tour de France war damit praktisch ausgeschlossen.
Als Ersatz entschied sich Visma - Lease a Bike überraschend für Davide Piganzoli. Der Italiener reist mit viel Selbstvertrauen an, nachdem er beim Giro d’Italia überzeugte und anschließend die Gesamtwertung der Route d'Occitanie gewann. „Piganzoli, hervorragende Form. Warum nicht das Eisen schmieden, solange es heiß ist? Er war im Giro d'Italia wirklich stark.“
Dennoch stellt sich die Frage, ob der Verlust eines Fahrers vom Kaliber Van Aerts nicht schwerer wiegt als gedacht – schließlich hätte der Belgier sowohl eigene Chancen wahrnehmen als auch Jonas Vingegaard im Kampf um das Gelbe Trikot unterstützen können.
Carlos Silva sieht die größten Probleme allerdings nicht im Hochgebirge. „Van Aert ist einer der größten Allrounder seiner Generation, aber kein reiner Kletterer, oder? Deshalb glaube ich nicht, dass Visma in den Bergen am meisten leiden wird. Piganzoli, Jorgenson und Kuss bilden für Vingegaard weiterhin einen sehr starken Bergblock.“
Aus seiner Sicht entscheidet sich die Tour ohnehin vor allem über die Qualität der Klettermannschaft. „Ich glaube nicht, dass der größte Kampf dieser Tour zwischen Pogacar und Vingegaard ausgetragen wird, sondern zwischen Emirates und Visma.“
„Denn wenn Vingegaard frisch am Schlussanstieg ankommt, traue ich ihm zu, jeden zu fordern. Die Frage ist, ob das Team ihn dorthin bringt, ohne ihn vorher Energie kosten zu lassen, die er nicht verschwenden darf. Ist Visma also in Schwierigkeiten? So weit würde ich nicht gehen…“
Davide Piganzoli und Jonas Vingegaard vor Etappenstart.
Davide Piganzoli soll Jonas Vingegaard bei der Tour de France nach der kurzfristigen Umstellung im Aufgebot von Visma - Lease a Bike in den Bergen unterstützen.

Affini-Frage könnte Vismas Tour-Strategie verändern

Sollte Edoardo Affini tatsächlich noch ausfallen, gelten Ben Tulett, Jorgen Nordhagen und Bart Lemmen als mögliche Nachrücker. Dass WielerFlits zuletzt auch Lemmen als ernsthaften Kandidaten ins Spiel brachte, deutet darauf hin, dass das Team verschiedene Szenarien intensiv durchspielt.
Ob Affini die Tour de France tatsächlich bestreiten kann, bezweifelt Gavin Quinn allerdings deutlich. „Er sitzt schon wieder auf dem Rad und trainiert irgendwie, aber die Tour de France kommt einfach zu früh. Zumal es mit einem Mannschaftszeitfahren beginnt, da musst du in Topform sein. Und selbst Van Aert war nach seinem Sturz im Zeitfahren des Dauphiné nicht wirklich top.“
Aus sportlicher Sicht hält Quinn deshalb einen Verzicht für sinnvoll. „Aus sportlicher Sicht wäre es wohl die richtige Entscheidung, Affini nicht mitzunehmen, wenn er noch irgendwelche Nachwirkungen des Sturzes spürt. So holst du nicht das Maximum aus der Mannschaft.“
Edoardo Affini vor Etappenstart.
Hinter dem Tour-de-France-Start von Edoardo Affini steht nach seinem Sturz bei den italienischen Meisterschaften weiterhin ein Fragezeichen.
Auch Rúben Silva rechnet kaum noch mit einem Tour-Start des Italieners, sieht darin jedoch keinen entscheidenden Rückschlag für die Gesamtstrategie des Teams. „Ich bin überhaupt nicht zuversichtlich, dass Affini bei der Tour dabei ist. Es ist zu früh, einfach zu früh. Das Glück wird nicht auf seiner Seite sein, aber eine Katastrophe ist es nicht.“
„Affini ist für den ursprünglichen Plan sehr wichtig, aber wie Carlos sagte: Ich sehe Jorgenson nicht auf dem Niveau von Del Toro. Er wird Del Toro keinen Druck machen können. Piganzoli in die Auswahl zu nehmen, ergibt Sinn, und Ben Tulett danach ebenfalls. Visma braucht viele Kletterer.“
Mit Isaac del Toro bringt UAE Team Emirates - XRG einen weiteren wertvollen Helfer für Tadej Pogacar an den Start. Genau deshalb sieht Silva die taktische Variabilität als größte Chance für Visma - Lease a Bike. Um den Weltmeister ernsthaft unter Druck setzen zu können, brauche Vingegaards Mannschaft möglichst viele bergstarke Fahrer, die flexibel eingesetzt werden können.
„Sie brauchen Männer für Ausreißergruppen, in jeder Bergetappe, und müssen ihre Karten spielen. Wenn Pogacar mal einen schwächeren Tag hat, müssen sie früh Druck machen und es ausnutzen“, erklärte Silva.
„Sie müssen es mit anderen Mitteln probieren als nur Mann-gegen-Mann. Wann wurde Pogacar zuletzt in einem Bergduell frontal geschlagen? Das ist wortwörtlich drei Jahre her, wenn mich die Erinnerung nicht trügt. Ich meine, es war 2023.“
In den kommenden Tagen dürfte sich schließlich entscheiden, ob Visma - Lease a Bike Edoardo Affini im Tour-Aufgebot belässt oder kurzfristig doch noch einen weiteren Wechsel vornimmt.
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