Analyse | Wie Mailand–Sanremo gewonnen wird: Sprint, Fernangriff, in der Abfahrt, Cipressa, Poggio…
Radsport
Obwohl in den vergangenen Jahren die Rennstrategie oft von UAEs brutalem Tempo an der Cipressa und Tadej Pogacars wiederholten Nadelstichen gegen Mathieu van der Poel geprägt war, gilt Mailand–Sanremo historisch als das unberechenbarste Monument im Kalender, dessen Finales sich seit 1982 klar weiterentwickelt haben. Wir blicken mit Hilfe einer Infografik unserer Kollegen von Spiegone Ciclistico auf die vergangenen Jahrzehnte zurück.
In den 1980ern bot das Rennen ein breiteres Spektrum an Szenarien. Siege entstanden aus langen Solos, späten Attacken in den Schlusskilometern oder sogar an der Cipressa. 1982 gewann etwa Marc Gomez nach einer Attacke in der Abfahrt des Poggio – ein Muster, das später Fahrer wie Moreno Argentin oder Laurent Fignon wiederholten. Diese Vielfalt spiegelte eine weniger kontrollierte Ära wider, mit weniger durchstrukturierten Teams und mehr Raum für individuelle Initiative.
Ein Schlüsselfaktor war die Cipressa, 5,6 Kilometer bei etwas über 4 %, ein Anstieg, der innerhalb der letzten 10 % des 300 Kilometer langen Monuments endet. Dennoch erwies sie sich nur selten als entscheidend. Das klarste Beispiel ist Gianni Bugno 1990, der dort attackierte, um die Favoriten zu überraschen. Trotz ihrer relativen Schwierigkeit sorgte die Cipressa selten für die definitive Selektion – vor allem wegen der Kontrolle im Peloton und der Herausforderung, den Vorsprung bis nach Sanremo zu tragen.
Der Poggio di Sanremo hingegen wurde zum entscheidenden Schauplatz. Ab dem späten Jahrzehnt der 1980er und besonders in den 1990ern schmiedeten viele Sieger ihren Triumph an diesem Anstieg. Fahrer wie Claudio Chiappucci, Maurizio Fondriest und Gabriele Furlan nutzten diesen Punkt, um das Rennen aufzubrechen. Jüngere Beispiele wie Vincenzo Nibali 2018 oder Mathieu van der Poel 2023 zeigen, dass der Poggio weiterhin das ideale Sprungbrett für siegbringende Moves ist.
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Jenseits des Anstiegs spielte auch die Poggio-Abfahrt in mehreren Ausgaben eine zentrale Rolle. Sie ist technisch und eröffnet Lücken, wenn Fahrer bereit sind, Risiken einzugehen. 2022 setzte Matej Mohoric mit einer atemberaubenden Abfahrt den Schlusspunkt unter seine Attacke, unvergesslich auch dank der Verwendung einer absenkbaren Sattelstütze. Diese Ausgänge belegen: Nicht nur Kletterleistung entscheidet, auch Fahrtechnik ist ausschlaggebend.
Eine weitere Schlüsselphase sind die letzten zwei Kilometer, in denen einige Fahrer spät zugeschlagen haben. Fälle wie Fabian Cancellara 2008 oder Filippo Pozzato 2006 beweisen, dass sich selbst nach dem Poggio ein Sprint vermeiden lässt, wenn das Timing sitzt. Dieser Weg ist mit der Zeit jedoch seltener geworden.

Mailand–Sanremo ist jedes Jahr das erste Radsport-Monument
Der Sprint – ob aus einer kleinen Gruppe oder einem großen Feld – gewann bis Mitte der 2010er stetig an Bedeutung. Der Trend zu strenger Teamkontrolle begünstigte Sprintankünfte und Siege von Fahrern wie Óscar Freire. 2016 setzte sich Arnaud Démare in einem großen Sprint durch, letztmals in dieser Form. Am häufigsten ist jedoch der reduzierte Sprint einer kleinen Gruppe, insbesondere wenn Poggio-Attacken die reinen Sprinter abwerfen.
In den vergangenen Jahren hat das Rennen eine neue Wendung genommen. Vollständigere Fahrertypen erhöhen an der Cipressa das Tempo und härten das Rennen vor dem Poggio. Teams mit Top-Kapitänen fahren aggressiver und beschneiden die Chancen klassischer Sprinter. Mathieu van der Poels Sieg 2023 nach einer Attacke am Poggio oder Matej Mohorics Erfolg 2022 mit furchtloser Abfahrt spiegeln diesen modernen Trend.
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Sieger von Mailand–Sanremo seit 1982
| Jahr | Sieger | Entscheidender Punkt | Art des Moves |
| 1982 | Marc Gomez | Poggio-Abfahrt | Attacke |
| 1983 | Giuseppe Saronni | Poggio-Abfahrt | Attacke |
| 1984 | Francesco Moser | Poggio-Abfahrt | Attacke |
| 1985 | Hennie Kuiper | Letzte 2 km | Attacke |
| 1986 | Sean Kelly | Sprint | Gruppe |
| 1987 | Erich Mächler | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 1988 | Laurent Fignon | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 1989 | Laurent Fignon | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 1990 | Gianni Bugno | Cipressa-Anstieg | Attacke |
| 1991 | Claudio Chiappucci | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 1992 | Sean Kelly | Sprint | Gruppe |
| 1993 | Maurizio Fondriest | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 1994 | Giorgio Furlan | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 1995 | Laurent Jalabert | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 1996 | Gabriele Colombo | Letzte 2 km | Attacke |
| 1997 | Erik Zabel | Sprint | Gruppe |
| 1998 | Erik Zabel | Sprint | Gruppe |
| 1999 | Andrei Tchmil | Letzte 2 km | Attacke |
| 2000 | Erik Zabel | Sprint | Gruppe |
| 2001 | Erik Zabel | Sprint | Gruppe |
| 2002 | Mario Cipollini | Sprint | Gruppe |
| 2003 | Paolo Bettini | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 2004 | Óscar Freire | Sprint | Gruppe |
| 2005 | Alessandro Petacchi | Sprint | Gruppe |
| 2006 | Filippo Pozzato | Letzte 2 km | Attacke |
| 2007 | Óscar Freire | Sprint | Gruppe |
| 2008 | Fabian Cancellara | Poggio-Abfahrt | Attacke |
| 2009 | Mark Cavendish | Sprint | Gruppe |
| 2010 | Óscar Freire | Sprint | Gruppe |
| 2011 | Matthew Goss | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2012 | Simon Gerrans | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2013 | Gerald Ciolek | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2014 | Alexander Kristoff | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2015 | John Degenkolb | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2016 | Arnaud Démare | Sprint | Gruppe |
| 2017 | Michał Kwiatkowski | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2018 | Vincenzo Nibali | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 2019 | Julian Alaphilippe | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2020 | Wout van Aert | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2021 | Jasper Stuyven | Letzter km | Attacke |
| 2022 | Matej Mohorič | Poggio-Abfahrt | Attacke |
| 2023 | Mathieu van der Poel | Poggio-Anstieg | Attacke |
| 2024 | Jasper Philipsen | Reduzierter Sprint | Gruppe |
| 2025 | Mathieu van der Poel | Reduzierter Sprint | Gruppe |
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Oliver RiedRedakteur
Oliver Ried ist seit Anfang 2025 Redakteur bei Radsportaktuell.de. Er berichtet dort über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf aktuellen Rennberichten, Einordnungen und Hintergrundtexten, mit denen er sportliche Entwicklungen im Peloton verständlich und präzise erklärt. Bei großen Renntagen arbeitet er zudem mit Live-Formaten, um das Geschehen fortlaufend zu dokumentieren und zeitnah einzuordnen.
Oliver ist in Würzburg stationiert. Neben seiner redaktionellen Arbeit ist er sportlich selbst aktiv und bringt dadurch zusätzliche Praxisnähe in seine Berichterstattung ein. Er studiert Grundschullehramt und legt bei seinen Artikeln Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, klare Einordnung und verlässliche Informationen. Inhalte aktualisiert er, sobald neue, gesicherte Details vorliegen.
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- Hier ist die Analyse des gestrigen Straßenrennens der Männer-Elite bei den UCI-Straßenrad-Weltmeisterschaften 2026 in Montréal, Kanada. Da der zweifache Titelverteidiger Tadej Pogačar verletzungsbedingt fehlte, entwickelte sich das Rennen zu einem der unvorhersehbarsten und taktisch chaotischsten WM-Rennen der jüngeren Vergangenheit. Der US-Amerikaner Brandon McNulty krönte sich nach einer sensationellen Soloflucht zum neuen Weltmeister. Er beendete damit eine 33-jährige Durststrecke für die USA (seit Lance Armstrong 1993). Taktische Rennanalyse & Schlüsselmomente 1. Das brutale Ausscheidungsrennen auf dem Mont Royal Die Strecke über 273,4 Kilometer und rund 3.800 Höhenmeter entpuppte sich als echter Scharfrichter. Vor allem die 12 Runden auf dem selektiven Rundkurs in Montréal mit dem steilen Chemin de la Polytechnique zogen dem Hauptfeld kontinuierlich den Zahn. Früh im Rennen begannen die großen Nationen zu attackieren. Mathieu van der Poel zeigte sich enorm aktiv und distanzierte rund 50 Kilometer vor dem Ziel mit einer brutalen Beschleunigung sogar seinen ewigen Rivalen Wout van Aert. 2. Der goldene Moment von Brandon McNulty Nachdem eine namhafte vierköpfige Spitzengruppe um Van der Poel durch eine Tempoverschärfung des mexikanischen Toptalents Isaac del Toro gestellt wurde, herrschte einen Moment lang Uneinigkeit im verbliebenen Elite-Feld. Diesen psychologischen Moment nutzte McNulty exakt 33 Kilometer vor dem Ziel für eine mutige Soloattacke. Niemand reagierte sofort, was sich als der entscheidende Fehler des Rennens herausstellen sollte. 3. Das kollektive Versagen der Verfolger Obwohl McNulty zwischenzeitlich über eine Minute Vorsprung herausgefahren hatte, brachte eine aggressive Verfolgergruppe um Tom Pidcock, Del Toro und den jungen Franzosen Paul Seixas den Abstand 9 Kilometer vor dem Ziel noch einmal auf 10 Sekunden heran. Anstatt das Loch jedoch gemeinsam komplett zuzufahren, begannen taktische Spielchen. Die Fahrer schauten sich gegenseitig an und verweigerten die Führungsarbeit, was McNulty nutzte, um nochmals den Kopf runterzunehmen und das Ding ins Ziel zu retten. 4. Die Geschlagenen: Belgien geht leer aus Das belgische Team reiste als absoluter Topfavorit mit einer Doppelspitze aus Remco Evenepoel (der zuvor sensationell zum vierten Mal in Folge das WM-Zeitfahren gewonnen hatte) und Wout van Aert an. Doch die Taktik ging nicht auf: Van Aert musste der harten Fahrweise Tribut zollen, und Evenepoel fand im Finale nicht die entscheidenden Beine, um die Lücke zu McNulty im Alleingang zu schließen. Am Ende reichte es für Evenepoel nur zu Platz 12.gregmann28-09-2026
- Die taktische Ausrichtung beim Straßenrennen der Männer-Elite bei den UCI-Straßen-Weltmeisterschaften 2026 in Montréal wird maßgeblich durch zwei Faktoren bestimmt: das Fehlen des verletzten Titelverteidigers Tadej Pogačar und das Verbot von Teamfunk ("No Race Radios"). Dadurch bricht die gewohnte Dominanz und Kontrolle klassischer World Tour-Teams weg. Das Rennen über 273,7 Kilometer und 3.803 Höhenmeter entwickelt sich zu einem hochgradig unvorhersehbaren Ausscheidungsfahren auf den 12 Runden rund um den Mont Royal. Die taktischen Hauptszenarien & Teamstrategien Nation / Fahrertyp Taktischer Ansatz & Ausrichtung Belgien (Evenepoel & Van Aert) Doppelspitze mit Rollenteilung: Geht als die kontrollierende Großmacht ins Rennen. Die Taktik sieht vor, mit Remco Evenepoel frühzeitig oder aus der Distanz zu attackieren, um die Konkurrenz zur Nacharbeit zu zwingen. Sollte diese Gruppe zurückgeholt werden, lauert Wout van Aert im reduzierten Feld für ein spätes Finale oder einen Sprint. Klassikerjäger (Mathieu van der Poel / Pedersen) Abwartende Trittbrettfahrer-Taktik: Fahrer wie Mathieu van der Poel wissen, dass der Kurs mit 3.800 Höhenmetern an ihrer absoluten Belastungsgrenze kratzt. Ihre Taktik baut darauf, Allianzen mit anderen Nationen einzugehen, Angriffe am Berg zu neutralisieren und die Entscheidung auf das ansteigende falsche Flachstück der Zielgeraden zu vertagen. USA & Außenseiter (McNulty, Simmons, Del Toro) Frühzeitige Offensive ("Chaos-Taktik"): Da Fahrer wie Isaac del Toro (Mexiko) kaum Helfer im Nationalteam haben, müssen sie das Rennen frühzeitig öffnen. Die USA nutzt ihre enorme Kaderbreite (Brandon McNulty, Quinn Simmons, Matteo Jorgenson), um in wechselnden Zwischengruppen vertreten zu sein und Belgien die Kontrollarbeit aufzuzwingen. Deutschland (Lipowitz, Schachmann) Reaktive Außenseiterrolle: Ohne absoluten Top-Favoriten setzt der BDR darauf, sich in Gruppen zu platzieren (z. B. durch Schachmann, Zimmermann oder Brenner). Florian Lipowitz agiert als geschützter Fahrer für das schwere Finale in den letzten Runden. Strategische Schlüsselfaktoren auf der Straße Entscheidung ohne Funkgeräte: Da Anweisungen aus dem Auto fehlen, müssen die Fahrer das Rennen selbst lesen. Wer eine rennentscheidende Gruppe verpasst, muss instinktiv reagieren. Dies führt oft zu taktischen Fehlern bei den Favoriten und erhöht die Chancen für mutige Ausreißer. Das Ausscheidungsfahren am Mont Royal: Der giftige Anstieg Côte Camillien-Houde (1,8 km bei 8 %) sowie die Côte de la Polytechnique (über 11 % in Spitzen) sieben das Feld mit jeder der 12 Runden weiter aus. Die Taktik verschiebt sich von "Kräfte sparen" in der ersten Rennhälfte hin zu einem brutalen Positionskampf vor den Anstiegen im Finale. Das falsche Flachstück im Ziel: Wer am Ende einer Gruppe den WM-Titel unter sich ausmacht, benötigt nach 274 Kilometern enorme Endschnelligkeit an einer rampenartigen Zielgeraden. Ein zu früher Antritt ist hier taktischer Selbstmord.gregmann27-09-2026
- WAS FÜR EIN FINALE!!!!! Das WM-Straßenrennen der Frauen Elite 2026 in Montréal lieferte ein absolut dramatisches und taktisch hochkomplexes Finale. Am Ende krönte sich die Topfavoritin Demi Vollering (Niederlande) nach einem packenden Schlagabtausch und taktischen Spielchen zur neuen Weltmeisterin. Sie schüttelte auf den letzten Kilometern ihre verbliebene Kontrahentin Kasia Niewiadoma ab.Der Rennverlauf und die SchlüsselszenenDer Solo-Vorstoß von Vollering: Gut 38 Kilometer vor dem Ziel zündete Demi Vollering die entscheidende Rakete. Sie setzte sich alleine vom restlichen Feld ab und baute schnell einen Vorsprung auf.Die gnadenlose Verfolgung: Dahinter formierte sich eine hochkarätige Verfolgergruppe, angeführt von der Polin Kasia Niewiadoma-Phinney und der Italienerin Elisa Longo Borghini. Da bei Weltmeisterschaften kein Rennfunk („No Race Radios“) erlaubt ist, mussten die Fahrerinnen die Situation komplett eigenständig auf der Straße lösen.Der Zusammenschluss und der Konter: 15 Kilometer vor dem Ziel schien Vollerings Solo beendet. Niewiadoma und Longo Borghini schlossen zusammen mit der Französin Juliette Berthet zur Spitzenreiterin auf. Die Italienerin Longo Borghini fackelte nicht lange und ging auf der letzten Runde sogar kurzzeitig selbst in die Offensive.Das entscheidende Pokerspiel: Da sich Vollering und Niewiadoma an der Spitze zeitweise uneinig waren und taktierten, blieb das Rennen bis zum Schluss offen. Rund 4 Kilometer vor dem Ziel setzte Vollering jedoch die finale, alles entscheidende Attacke. Niewiadoma konnte dem Antritt nichts mehr entgegensetzen.gregmann26-09-2026
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