Die
Tour de France steht vor der Tür und, sofern es keine große Überraschung gibt, wird der Kampf um Gelb wohl erneut Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard vorbehalten sein. Sie haben das Rennen in den letzten Jahren dominiert, und ein anderes Ergebnis zu denken, hieße, sich ein völlig unerwartetes Szenario vorzustellen.
Damit stellt sich eine spannende Frage: Wer nimmt die dritte Stufe des Podiums in Paris? Mehrere Schwergewichte sind im Rennen. Remco Evenepoel kehrt als klarer Maßstab zurück, Florent Lipowitz will den Sprung der Vorsaison bestätigen, und der junge Paul Seixas ist die große Entdeckung des Jahres. Aus hispanischer Sicht richten sich die Blicke jedoch vor allem auf
Isaac del Toro und
Juan Ayuso.
Müsste ich heute einen Favoriten für den letzten Podiumsplatz wählen, wäre es Isaac del Toro. Der Mexikaner reist nach einer nahezu fehlerfreien Saison an. Er war in jedem großen Rennen, das er bestritt, konkurrenzfähig und strahlt eine Stabilität aus, die Optimismus weckt. Zudem spielt der Kontext bei UAE Team Emirates – XRG klar in seine Karten.
An der Seite von Pogacar zu fahren bedeutet nicht automatisch, auf ein großes Einzelresultat zu verzichten. Im Gegenteil. Wir haben bereits gesehen, wie Fahrer wie Adam Yates und Joao Almeida die Teamstärke nutzten, um bei den Besten zu bleiben, während der Slowene das Rennen entschied. Del Toro kann dieses Drehbuch problemlos wiederholen.
Er wird die Ruhe haben, nicht die gesamte Verantwortung zu tragen, er steht hinter einer der stärksten Mannschaften im Peloton, und wenn in den Hochalpen die Entscheidung fällt, sollte er die Beine haben, um den Favoriten zu folgen. Gelingt das, wird das Podium von einer Illusion zu einem völlig realistischen Ziel.
Seine Erfahrung beim letzten Giro d’Italia, wo er dem Gesamtsieg sehr nahekam, hat ihm zudem Lehren vermittelt, die in einem so fordernden Rennen wie der Tour entscheidend sein könnten.
Der Fall Juan Ayuso ist ein anderer
Der Valencianer steht wohl vor einem der wichtigsten Rennen seiner gesamten Laufbahn. Sein Abschied von UAE folgte einer klaren Idee: Er wollte ein Projekt anführen, dessen Hauptziel die
Tour de France ist. Jetzt kommt der Moment, zu beweisen, dass diese Wette Sinn ergab.
Seine Saison wirft allerdings deutlich mehr Fragen auf. Er startete auf sehr hohem Niveau, doch Stürze und körperliche Probleme unterbrachen eine zuvor äußerst vielversprechende Entwicklung. Bei der Tour of the Alps zeigte er sehr interessante Ansätze, wurde zweitbester Kletterer hinter Del Toro, auch wenn der Abstand zwischen beiden klar war. Reicht das als Referenz, um Schlüsse zu ziehen? Wohl kaum.
Ayuso hat mehr als genug Qualität, um bei einer dreiwöchigen Rundfahrt um den Sieg zu fahren. Daran halte ich fest. Offenzubleiben ist, ob dieser Moment bereits gekommen ist und vor allem, ob er es ausgerechnet bei einer Tour zeigen kann, in der zwei Fahrer wie Pogacar und Vingegaard den Takt vorgeben.
Deshalb könnte diese Ausgabe für ihn eine Zäsur markieren. Nicht, weil ein schwaches Resultat ihn abstempeln würde, sondern weil ein überzeugender Auftritt das um ihn gebaute Projekt von Lidl-Trek stärken und bestätigen würde, dass er zu den großen Gesamtklassment-Referenzen des nächsten Jahrzehnts zählen kann.
Juan Ayuso in Aktion bei der Baskenland-Rundfahrt 2026
Am Ende haben beide Argumente, vom Podium zu träumen, auch wenn sie über sehr unterschiedliche Wege dorthin kommen.
Del Toro steht für mehr Gewissheit, mehr Konstanz und eine Form, die ihn zum Hauptkandidaten für Rang drei macht. Ayuso hingegen verkörpert die große Unbekannte: ein Fahrer mit unbestrittenem Talent, der aber noch zeigen muss, dass er dieses Potenzial in Resultate verwandeln kann, wenn die Bühne die anspruchsvollste im Weltradsport ist.
Müsste ich heute einen Tipp abgeben, sähe ich Isaac del Toro als Favoriten, sich in Paris zu Pogacar und Vingegaard aufs Podium zu gesellen. Gerade aber die Unwägbarkeit rund um Juan Ayuso ist eines der großen Spannungsmomente, mit denen diese Tour de France beginnt.