„Heimvorteil“ bei der Gravel-WM: Dieser belgische Außenseiter hat Wout Van Aert bereits geschlagen

Gravel
durch Nic Gayer
DaanSoete
Am Sonntag steigt im australischen Nannup die Gravel-WM. Im Westen Australiens kämpfen die besten Gravel-Spezialisten der Welt um das begehrte Regenbogentrikot. Zu den aussichtsreichsten Kandidaten zählen zwei Belgier: Titelverteidiger Florian Vermeersch und Landesmeister Daan Soete, der bei den nationalen Meisterschaften niemand Geringeren als Wout Van Aert bezwingen konnte.
Besonders Vermeersch steht vor dem Rennen im Mittelpunkt. Da Mathieu van der Poel nicht am Start steht, gilt der Belgier nach seinen Podiumsplatzierungen bei den vergangenen beiden Austragungen als einer der größten, wenn nicht sogar als der Topfavorit auf den Weltmeistertitel.

„Fast 4.000 Höhenmeter“ – Vermeersch erwartet eine extreme Herausforderung

„Leider habe ich bisher nur ein Gravel-Rennen bestritten. Eigentlich wollte ich noch ein oder zwei weitere fahren, aber wegen meines Kalenders war das nicht möglich“, erklärte Vermeersch im Gespräch mit Cyclingnews.
Florian Vermeersch im Gravel-Regenbogentrikot in Aktion.
Florian Vermeersch will sein Regenbogentrikot bei der Gravel-WM in Australien verteidigen. Auf dem anspruchsvollen Parcours von Nannup zählt auch sein belgischer Landsmann Daan Soete zu den gefährlichen Herausforderern.
Während der Frühjahrsklassiker und der Tour de France war Vermeersch ein wichtiger Leistungsträger des UAE-Teams und insbesondere für Tadej Pogacar ein unverzichtbarer Helfer. Zum Ende der Saison erhält er nun die Gelegenheit, seine eigenen Ambitionen in den Mittelpunkt zu stellen und sich ganz auf die Verteidigung seines Gravel-Weltmeistertitels zu konzentrieren.
„Ich bin zu Hause oft mit dem Trikot Gravel gefahren und habe das genossen. Es war ein sehr schönes Jahr. Es ist eine Ehre, diese Regenbogenfarben zu tragen“, sagte Vermeersch. Am Sonntag könnte seine Zeit als Titelträger allerdings enden. Vor allem das anspruchsvolle Streckenprofil dürfte dem groß gewachsenen und vergleichsweise schweren Belgier einiges abverlangen.
„Ich denke, es wird an die Grenze gehen. Ich bin ein großer Fahrer, und es stehen fast 4.000 Höhenmeter an. Aber ich freue mich auf die Herausforderung. Ich mag den Parcours sehr, und wir werden sehen, wo ich lande.“
Trotz der enormen Anforderungen verspürt der Titelverteidiger keinen übermäßigen Druck. Schließlich hat er das wichtigste Ziel seiner Gravel-Karriere bereits erreicht. „Das Gute ist, dass ich das Trikot bereits einmal gewonnen habe. Dadurch entsteht für mich kein zusätzlicher Druck. Ich bin hier, um alles zu geben und ohne Reue zu fahren. Ich will alles auf der Strecke lassen.“

Titelverteidigung mit voller Unterstützung: UAE gibt Vermeersch freie Hand

Das UAE-Team konnte bereits mit Tadej Pogacar einen Straßenweltmeister in seinen Reihen feiern, inzwischen trägt Brandon McNulty das entsprechende Regenbogentrikot. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass die Mannschaft auch im Gravel-Radsport den amtierenden Weltmeister stellt. Vermeersch möchte dafür sorgen, dass dieser Titel weiterhin beim Team bleibt.
Die Unterstützung seines Arbeitgebers war ihm dabei frühzeitig sicher. „Als wir im vergangenen Dezember mit dem Team über meinen Kalender sprachen, bekam ich bereits das Signal, dass ich meinen Titel verteidigen durfte. Sie gaben mir die Freiheit, hierherzukommen, wenn ich das wollte“, berichtete der Belgier.
Für Vermeersch selbst stand die Entscheidung ohnehin außer Frage. „Ich sagte sofort, dass ich ihn verteidigen möchte. Die Entscheidung war also ziemlich klar. Ich musste beim Team nicht wirklich dafür kämpfen. Sie erlaubten mir die Teilnahme, und das war sehr großzügig. Ich weiß das wirklich zu schätzen.“
Dass Vermeersch auf losem Untergrund zu den besten Fahrern der Welt gehört, hat er bereits mehrfach bewiesen. Zunächst musste er sich bei der Gravel-WM noch Matej Mohoric beziehungsweise Mathieu van der Poel geschlagen geben und belegte jeweils den zweiten Platz. Vor zwölf Monaten gelang ihm schließlich in den Niederlanden der große Durchbruch mit dem Gewinn des Regenbogentrikots.
Auch wenn ihm in diesem Jahr nur wenige Gravel-Renneinsätze möglich waren, ist Vermeersch mit seiner Vorbereitung zufrieden. „Die vergangenen Wochen waren mit Blick auf die Vorbereitung und das Training für dieses Rennen sehr schön. Ich habe viele Stunden auf dem Rad gesammelt und glaube, dass ich gut in Form bin.“

Daan Soete als gefährlicher Außenseiter: Der Van-Aert-Bezwinger will überraschen

Einer seiner stärksten Herausforderer wird am Sonntag dasselbe Nationaltrikot tragen. Mit Daan Soete steht ein weiterer Belgier am Start, der in dieser Saison bereits für Aufsehen gesorgt hat. Für den amtierenden belgischen Gravel-Meister ist die Reise nach Australien zudem mit einem persönlichen Höhepunkt verbunden.
„Meine Freundin ist Australierin, das war ein schöner Bonus. Ihre Eltern werden wahrscheinlich zum Rennen kommen, obwohl sie dafür noch vier Stunden fliegen müssen“, erzählte Soete gegenüber Sporza.
Bei der Gravel-WM spielen klassische Mannschaftstaktiken meist eine untergeordnete Rolle. Die Disziplin weist zahlreiche Gemeinsamkeiten mit dem Cyclocross und dem Mountainbikesport auf, weshalb die Fahrer überwiegend auf eigene Rechnung unterwegs sind – selbst dann, wenn sie derselben Nationalmannschaft angehören. Der außergewöhnlich schwere Parcours in Nannup könnte diesen individuellen Renncharakter zusätzlich verstärken.
Auch die Atmosphäre unterscheidet sich laut Soete deutlich von den großen Titelkämpfen in den traditionellen europäischen Radsporthochburgen. „Die Radsport-WM wird in Australien völlig anders erlebt als in Flandern oder den Niederlanden. Australien liegt weit entfernt von den traditionellen Radsportnationen. Am Sonntag werden weniger Fahrer am Start stehen, aber das Fahrerlager füllt sich bereits mit Teilnehmern. Man spürt deutlich, dass sich etwas anbahnt.“
Während Vermeersch vor allem auf der Straße zu Hause ist, kommt Soete aus dem Cyclocross und bestreitet seine Rennen als Vollzeitprofi im Gelände. Beide bringen somit unterschiedliche Voraussetzungen mit, müssen sich am Sonntag jedoch derselben gewaltigen Kletterherausforderung stellen.
„Die Organisatoren sprechen von 3.700 Höhenmetern. Ich habe fast den gesamten Parcours besichtigt und glaube, dass es eher um die 3.000 sein werden. Es wird also sehr hart.“
Besonders beeindruckt zeigt sich Soete von der Beschaffenheit und der Landschaft entlang der Strecke. „Es ist ein wunderschöner Parcours. Nur die ersten acht Kilometer verlaufen auf Asphalt. Der Rest ist fast vollständig unbefestigt. Das ist ziemlich einzigartig. Der Gravel selbst ist relativ glatt, wodurch die Strecke technisch wird. Aber die Landschaft ist fantastisch.“
Allerdings verlief die unmittelbare Vorbereitung des Belgiers nicht ohne Probleme. „Außerdem war meine Vorbereitung nicht ideal. Ich hatte mit einer Krankheit zu kämpfen und bin auch gestürzt.“
Soete räumt deshalb ein, dass er derzeit möglicherweise nicht über seine absolute Bestform verfügt. Unterschätzen sollte man ihn dennoch keinesfalls. Erst im August hatte er bei den belgischen Meisterschaften in Grobbendonk für eine große Überraschung gesorgt, als er Wout Van Aert hinter sich ließ und sich den nationalen Gravel-Titel sicherte. Damit gehört er auch in Nannup zu den Fahrern, die für eine Überraschung gut sind.

Keine finanzielle Unterstützung: Belgier müssen Australien-Reise selbst bezahlen

Neben den sportlichen Herausforderungen stellt die Gravel-WM die belgischen Teilnehmer auch finanziell vor erhebliche Hürden. Wie bereits Vermeersch berichtet hatte, übernimmt der belgische Radsportverband die Reisekosten für den langen Weg nach Australien nicht. Selbst der amtierende Landesmeister Soete erhält keine entsprechende Unterstützung und muss die kostspielige Teilnahme aus eigener Tasche finanzieren.
„So ist die Lage in Belgien derzeit. In anderen Ländern beteiligen sich die Verbände an den Kosten, bei uns ist das noch nicht der Fall. Es ist also eine Investition. In den vergangenen Jahren bin ich jedoch zu einem echten Gravel-Fahrer geworden. Deshalb ist es die Investition definitiv wert“, erklärte Soete.
Trotz seiner eigenen Ambitionen hat der Belgier auch die internationale Konkurrenz genau im Blick. Besonders ein Fahrer hat ihn in dieser Saison beeindruckt: „Mads Wurtz Schmidt war in diesem Jahr beeindruckend. Er hat bei Specialized zudem starke Teamkollegen, sodass sie gut zusammenarbeiten können. Aber auch von Florian Vermeersch erwarte ich viel. Diese Höhenmeter liegen durchaus in seinen Möglichkeiten. Er verfügt über viel Kraft und gehört deshalb weiterhin zu den Favoriten.“
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