Das Thema Sturzrisiko im Cyclocross ist in diesem Winter erneut ins Zentrum gerückt, verschärft durch den schweren Sturz von
Wout Van Aert und dessen abruptes Saisonende. Bei Alpecin-Premier Tech jedoch bestimmte Panik zu keinem Zeitpunkt die Reaktion.
Für Teammanager Christoph Roodhooft gehören Stürze im Spitzensport zur Realität - unabhängig von Disziplin, Untergrund oder Saisonphase. Angesprochen auf die grundsätzliche Gefahr des Rennsports, fällt seine Antwort nüchtern und unmissverständlich aus.
Dominanz ohne Selbstzufriedenheit
„Am Ende kann man überall Risiken eingehen, selbst im Training. Man kann sagen, der Wettkampf verschärft das, und das stimmt natürlich. Aber wenn man als Fahrer überall Risiken vermeiden will, gibt es eigentlich nur eine Lösung: drinnen bleiben.“, sagte Roodhooft bei Wielerflits.
Seine Worte richten sich nicht gegen einzelne Fahrer oder Teams, treffen aber einen Winter, in dem das Risiko im Cyclocross erneut kritisch hinterfragt wird. Roodhoofts Haltung ist eindeutig: Risiko ist keine Ausnahme, sondern eine Konstante. Es lässt sich steuern, aber nicht eliminieren.
Diese pragmatische Sicht trug Alpecin-Premier Tech durch eine außergewöhnliche Weihnachtsperiode, in der die Fahrer des Teams nahezu jedes Elite-Männer-Rennen über die Feiertage gewannen. Trotzdem vermeidet Roodhooft jede Form von Selbstzufriedenheit. „Die vergangenen Wochen haben unsere eigenen Erwartungen übertroffen.“
Der Erfolg gründete sich nicht allein auf die bekannte Dominanz von
Mathieu van der Poel. Auch
Tibor Del Grosso und
Niels Vandeputte nutzten ihre Chancen, wenn der Weltmeister fehlte - eine Breite, die Roodhooft so nicht zwingend eingeplant hatte. „Wir hatten irgendwo auf ein Ausrufezeichen von Del Grosso und eines von Vandeputte gehofft, aber beide haben zwei Rennen gewonnen, das ist sehr stark.“
Intern blieb vor allem eines hängen: Effizienz statt Überlegenheit. „Sie haben in den richtigen Momenten zugeschlagen, und das ist nicht immer einfach.“
Del Grosso und die nächste Generation
Aus diesen Auftritten ragte Del Grossos Durchbruch besonders heraus. Dennoch bleibt Roodhooft bewusst zurückhaltend in seiner Bewertung. „Ob Tibor tatsächlich auf dieses Niveau wachsen kann, müssen wir abwarten. Aber da ist etwas.“
Die Qualitäten, die Seriensieger von starken Fahrern unterscheiden, lassen sich nicht immer messen. „Fahrer, die viel gewinnen, haben oft einen gewissen X-Faktor. Und dass Tibor den hat, kann man nicht leugnen.“
Damit rückt Del Grosso klar in den Kreis der prägenden Fahrer seines Jahrgangs. „In dieser Hinsicht ist er zum Herausforderer von Thibau Nys geworden.“
Für Roodhooft zählt dabei nicht nur das Resultat, sondern auch das Alter. „Es ist lange her, dass wir in diesem Alter solch ein Talent im Team hatten. Das kann nur gut sein.“
Van der Poel, Form und Zurückhaltung
Trotz der beeindruckenden Siegesserie im Winter zieht Roodhooft keine direkten Rückschlüsse auf die Frühjahrsklassiker. „Die Bedeutung all dieser Siege ist etwas anderes, als in jeder Hinsicht komplett zu sein oder gut genug für den Frühling.“
Er stellt klar, dass Dominanz nicht automatisch Vollständigkeit bedeutet. „Nur weil er diese Rennen jetzt dominiert, heißt das nicht, dass bei ihm in jeder Hinsicht alles passt. Und umgekehrt würde eine Niederlage nicht bedeuten, dass er nicht gut ist.“
Intern herrschte weder Alarm noch Übersteuerung, sondern Kontinuität. „Es war schlicht so, wie es sein sollte. Darüber hinaus habe ich bei Mathieu nichts Besonderes gesehen.“
Risiko akzeptiert, nicht dramatisiert
Diese Philosophie gilt auch für das Sturzrisiko - selbst in einem Winter, der andernorts von prominenten Vorfällen geprägt war. Für Roodhooft bringt selektive Angst wenig. „Man kann überall Risiken eingehen.“
Cyclocross, Training oder Straßenrennen - jede Disziplin bringt Exposition mit sich. Die Antwort liegt nicht in Vermeidung, sondern in Balance. „Seine Cross-Kampagne war kompakt, aber dazwischen konnte er auch seine Ruhephasen nehmen.“
Die Quintessenz von Roodhoofts Aussagen ist kein Achselzucken, sondern Realismus. Stürze gehören zum Spitzensport. Dominanz garantiert keine Perfektion. Und Risiko lässt sich, ob angenommen oder gefürchtet, nicht aus dem Sport herauskonstruieren.
Manchmal bleibt nur die Alternative, die er eingangs augenzwinkernd ausgeschlossen hat.