Roman Arnold glaubt an die zweite große Wachstumsphase von Canyon. Der Gründer des Koblenzer Fahrradherstellers ist seit Herbst wieder CEO – und formuliert
im Gespräch mit der Financial Times ein ambitioniertes Ziel: Innerhalb von drei Jahren soll der Jahresumsatz auf rund eine Milliarde Euro steigen. Nicht durch Expansion um jeden Preis, sondern durch einen grundlegenden Kurswechsel im Inneren des Unternehmens.
Arnold spricht nicht von einer Krise, sondern von einer Phase der Korrektur. Zwar rechnet Canyon 2025 mit einem Umsatzrückgang von rund fünf Prozent, doch mit knapp 750 Millionen Euro liege das Unternehmen weiterhin deutlich über dem Niveau vor der Pandemie. Der Anspruch bleibt hoch: Wachstum, aber profitabel – so wie in den Jahren, in denen Canyon bereits operative Margen von rund zehn Prozent erzielte.
Weniger Bürokratie, mehr Fokus auf den Fahrer
Der Hebel, den Arnold betätigen möchte, ist vor allem kultureller Natur. In den vergangenen Jahren, so seine Diagnose, seien Entscheidungswege länger geworden, Silos entstanden und Prozesse schwerfälliger ausgefallen. Er sieht sich selbst als „Anwalt der Fahrer“ und will Canyon wieder näher an Kundinnen und Kunden bringen – schneller, direkter und weniger bürokratisch.
Konkret zeigt sich das in der Preispolitik. Kurz nach Arnolds Rückkehr senkte Canyon den Preis eines neuen High-End-Gravelbikes um 400 Euro auf 3.999 Euro. Kurzfristig belastet das die Marge, langfristig soll es Rabattschlachten vermeiden und den Direktvertrieb wieder klar als Preisvorteil positionieren. Der gleiche Ansatz gilt für künftige Produkte: Eine neue Serie leichter Premium-E-Bikes soll zu wettbewerbsfähigen Preisen auf den Markt kommen.
Parallel dazu zieht Canyon Konsequenzen aus einer Phase, in der die Marke sich zu stark verbreitert hatte. Eine Streetwear-Linie wurde eingestellt, das urbane Sortiment halbiert. Der Fokus liegt wieder klar auf dem sportlichen Kern. Canyon setzt weiterhin auf seine Rennsport-DNA, sponsort Topfahrer wie
Mathieu van der Poel und Kasia Niewiadoma und will genau diese Glaubwürdigkeit auch beim Markteintritt in China nutzen. In Deutschland baut das Unternehmen zugleich seine physische Präsenz aus, mit neuen Stores in München und künftig Frankfurt.
Finanziell steht Canyon weiter unter Druck. 2023 rutschte das Unternehmen in die Verlustzone, 2024 weitete sich der Fehlbetrag deutlich aus – vor allem wegen einer kostspieligen Rückrufaktion für fehlerhafte E-Bikes. Auch im ersten Halbjahr 2025 blieb das operative Ergebnis belastet, unter anderem durch Überangebot und aggressive Rabattpolitik im Markt. Arnold hält dennoch an seinem Ziel fest, mittelfristig wieder zu alter Profitabilität zurückzukehren.
Den Einstieg der belgischen Investmentgesellschaft GBL während des Pandemie-Booms, die Canyon zu einer Bewertung von rund 800 Millionen Euro mehrheitlich übernahm, bereut Arnold nicht. Sein eigenes Kapital stecke weiterhin im Unternehmen. Für ihn ist klar: Die schwierigste Phase liegt möglicherweise noch nicht hinter Canyon – doch aus seiner Sicht liegt das Beste zugleich noch vor der Marke.
Quelle: Financial Times