„Zu viele Köche verderben den Brei“ – LIDL-Treks Transferoffensive sorgt für Zweifel an der Teamhierarchie
Radsport
LIDL-Trek gehört längst zu den finanzstärksten Mannschaften im professionellen Radsport. Mit Blick auf die Saison 2027 dürfte der ohnehin hochkarätig besetzte Kader noch einmal deutlich an Qualität gewinnen. Doch die aggressive Transferpolitik des deutschen Teams wirft zunehmend Fragen auf: Wie sollen die zahlreichen Spitzenfahrer ihre persönlichen Ambitionen verwirklichen, wenn sie sich bei den wichtigsten Rennen gegenseitig die Führungsrollen streitig machen? Im aktuellen Podcast von CyclingUpToDate diskutierten Ruben Silva und Gavin Quinn über den rasanten Aufstieg der Mannschaft und die möglichen Folgen ihrer immer länger werdenden Liste an Kapitänen.
„Es ist einfach eine unglaubliche Situation, in der es scheint, als könne praktisch jeder dazukommen“, erklärte Silva im Podcast. Besonders bemerkenswert sei dabei, dass LIDL-Trek wiederholt Fahrer verpflichtet, die eigentlich noch bei anderen Mannschaften unter Vertrag stehen. Gleichzeitig verlassen Profis trotz langfristiger Vereinbarungen das Team, während andere ihre Karrieren vorzeitig beenden. Die ungewöhnliche Dynamik auf dem Transfermarkt verdeutlicht, wie umfassend die Mannschaft ihren Kader derzeit umgestaltet.
Ayuso, Gee und Skjelmose: LIDL-Treks neue Transferpolitik verändert die Hierarchie
In den vergangenen Jahren hat sich LIDL-Trek zu einem der einflussreichsten Akteure auf dem internationalen Transfermarkt entwickelt. Eine entscheidende Grundlage dafür bildet das deutlich gestiegene Budget, das insbesondere durch das Engagement des Handelskonzerns Lidl ermöglicht wurde. Bereits im vergangenen Winter sorgte die Mannschaft für Aufsehen, als sie Juan Ayuso aus seinem bestehenden Vertrag herauslöste. Auch Derek Gee beendete seine Vereinbarung mit Israel - Premier Tech vorzeitig, um sich dem deutschen Team anzuschließen.
Mit Ayuso und Gee kamen zwei weitere ambitionierte Rundfahrer zu einer Mannschaft, die mit Mattias Skjelmose und Giulio Ciccone bereits über etablierte Kapitäne für anspruchsvolle Etappenrennen und Grand Tours verfügte. Die neuen Verpflichtungen blieben deshalb nicht ohne Auswirkungen auf die bisherige Rollenverteilung. Sowohl Skjelmose als auch Ciccone reagierten wenig begeistert auf die veränderte Transferstrategie.
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Ciccone gab seine Ambitionen auf die Gesamtwertung für 2026 auf. Beim Giro d'Italia verlor der Italiener zudem bereits am ersten Tag im Rosa Trikot die Gesamtführung, weil seine Mannschaft die Podiumsambitionen von Derek Gee nicht zugunsten des bisherigen Kapitäns zurückstellen wollte. Inzwischen hat Ciccone LIDL-Trek verlassen, obwohl sein Vertrag ursprünglich noch bis 2029 gültig gewesen wäre.
Auch für Skjelmose verlief die Saisonplanung anders als zunächst vorgesehen. Dem Dänen war ursprünglich die alleinige Kapitänsrolle beim Giro d'Italia 2026 zugesichert worden. Stattdessen wurde er für die Tour de France eingeplant, wo er Juan Ayuso unterstützen sollte. Dank seiner starken eigenen Leistungen entwickelte sich Skjelmose dort letztlich jedoch zu einem gleichberechtigten Kapitän an der Seite des Spaniers. Ayusos Verletzung im Frühjahr hatte ihm darüber hinaus die Möglichkeit eröffnet, bei den Ardennenklassikern selbst die Führungsrolle zu übernehmen.
Dennoch soll Skjelmose mit seiner Stellung innerhalb der Mannschaft unzufrieden gewesen sein. Bei der Vuelta a Espana erhielt er zwar die Kapitänsrolle, musste in entscheidenden Rennsituationen jedoch weitgehend ohne ausreichende Unterstützung auskommen. Besonders in den Bergen war der Däne häufig auf sich allein gestellt. Nach dem Ausscheiden von Mads Pedersen fehlten ihm zudem auf den hügeligen Etappen wichtige Helfer.
„Zu viele Köche verderben den Brei“ – droht LIDL-Trek ein Überangebot an Kapitänen?
Zuletzt sorgten auch die vorzeitigen Karriereenden von Max Walscheid und Jacopo Mosca für Gesprächsstoff. Möglicherweise schufen ihre Rücktritte zusätzlichen Platz für die jüngsten Neuzugänge. Gleichzeitig setzte LIDL-Trek seine offensive Transferpolitik fort und verpflichtete Filippo Ganna, obwohl der Italiener noch bei Netcompany INEOS unter Vertrag gestanden hatte.
Gavin Quinn sieht diese Entwicklung als Ausdruck eines grundsätzlichen Wandels im professionellen Radsport. „Ich denke, das ist auch eine Folge des Wettrüstens im Radsport. Viele junge Fahrer werden heute schneller in die WorldTour gebracht als vielleicht vor 10, 15 oder 20 Jahren“, erklärte er.
Hinzu kommt die zunehmende Bedeutung langfristiger Verträge, die den Mannschaften zwar Planungssicherheit bieten sollen, gleichzeitig aber ihre Flexibilität auf dem Transfermarkt einschränken können.
„Ja, und mehrjährige Verträge werden vergeben, egal ob an Fahrer in ihrer Blütezeit oder an erfahrene Profis. Für die Fahrer ist es vor allem gut, häufiger als früher durch mehrjährige Verträge abgesichert zu sein. Für Teams wird es aber zum Problem, wenn sie ihren Kader grundlegend verändern wollen. Sie haben dann zehn oder 20 Fahrer mit Mehrjahresverträgen, die sie auf dem Papier nicht loswerden können, selbst wenn sie es möchten.“
Die Aktivitäten von LIDL-Trek zeigen allerdings, dass selbst langfristige Vereinbarungen die umfangreichen Veränderungen im Kader offenbar nicht verhindern. Gleichzeitig entsteht dadurch eine sportliche Konstellation, die für die Teamleitung erhebliche Herausforderungen mit sich bringen könnte.
In den Bergen sollen künftig Juan Ayuso, Derek Gee und Mattias Skjelmose gemeinsam mit Neuzugang Felix Gall um Führungsrollen kämpfen. Für die Grand Tours und die großen Klassiker beanspruchen außerdem Jonathan Milan und Mads Pedersen weiterhin eine zentrale Stellung. Mit Jordi Meeus könnte ein weiterer Fahrer hinzukommen, der selbst regelmäßig auf eigene Rechnung fahren möchte.

Juan Ayuso und Mattias Skjelmose bei der Tour de France 2026: Die beiden LIDL-Trek-Profis standen sinnbildlich für die Herausforderung, mehrere ambitionierte Rundfahrer unter einen Hut zu bringen. Skjelmose entwickelte sich im Rennverlauf vom vorgesehenen Helfer zum gleichberechtigten Kapitän an Ayusos Seite.
Für die Podcast-Experten liegt genau darin die größte Gefahr. „Zu viele Köche verderben den Brei. Das ist wohl der beste Vergleich für den Kader von LIDL-Trek, zumindest im Moment.“
Jordi Meeus neben Milan und Pedersen: Wer soll künftig für wen arbeiten?
Besonders kritisch diskutierten Silva und Quinn die Verpflichtung von Jordi Meeus. Schließlich verfügt LIDL-Trek mit Jonathan Milan und Mads Pedersen bereits über zwei Fahrer, die sowohl bei großen Rundfahrten als auch bei den bedeutenden Frühjahrsklassikern eigene Ambitionen verfolgen. Während Milan vor allem als Sprintkapitän gefragt ist, verbindet Pedersen seine Stärken im Sprint mit großen Zielen auf Kopfsteinpflaster. Meeus bringt ebenfalls Erfahrung auf diesem Terrain mit und könnte damit zu einem weiteren Konkurrenten um die Führungsrolle werden.
Welche Möglichkeiten der Belgier künftig erhält und ob er sich gegebenenfalls mit einer Helferrolle zufriedengeben muss, bleibt offen. Silva sieht darin ein grundlegendes Problem der Kaderzusammenstellung.
„Wenn Jordi Meeus, Jonathan Milan und Mads Pedersen im selben Team fahren, können sie nicht Erster, Zweiter und Dritter werden“, gab er zu bedenken. „Und wer soll bei einer belgischen Frühjahrsklassik einem Ausreißer hinterherjagen? Man braucht ein Team mit drei oder vier Fahrern, deren einzige Aufgabe es an diesem Tag ist, ein oder zwei Kapitäne zu unterstützen – nicht vier Kapitäne und zwei oder drei Helfer.“
Grundsätzlich ließen sich mehrere Spitzenfahrer innerhalb einer Mannschaft auf unterschiedliche Rennen verteilen. Doch wenn sämtliche Profis ihre Bestform erreichen und entsprechend hohe Erwartungen mitbringen, könnte die Konkurrenz um Startplätze und Führungsrollen schnell zu internen Spannungen führen.
Meeus gewann bereits einen Sprint auf den Champs-Elysees und gehörte bei Red Bull - BORA - hansgrohe in den vergangenen Jahren zu den wichtigsten Sprintoptionen. Entsprechend schwer dürfte es sein, ihn dauerhaft auf eine unterstützende Rolle festzulegen.
„Wie erfüllt man die Erwartungen von vier solchen Fahrern? Das bereitet der Teamleitung große Probleme“, argumentierte Quinn. „Und ich verstehe wirklich nicht, warum einer oder zwei dieser Neuzugänge Helfer sein sollten.“
Silva sieht vor allem die große Ähnlichkeit zwischen den sportlichen Profilen der einzelnen Kapitäne kritisch. Das gelte sowohl für die Rundfahrer als auch für die Sprinter.
„Das Problem ist, dass Meeus genau derselbe Fahrertyp ist wie Milan und Pedersen. Er bringt in dieser Hinsicht nichts Neues ins Team. Ich glaube nicht, dass Meeus für Pedersen oder Milan arbeiten wird, denn seine Stärke liegt genau im Sprint.“
Lennard Kämna und Tao Geoghegan Hart: Zwei Transfers mit enttäuschender Bilanz
Neben den zahlreichen Neuverpflichtungen hinterfragte Silva auch einige frühere Personalentscheidungen von LIDL-Trek. Als Beispiele nannte er Tao Geoghegan Hart und Lennard Kämna, die beide nach schweren Verletzungen zur Mannschaft gekommen waren. Diese Rückschläge hatten ihre Karrieren erheblich beeinträchtigt, und bislang gelang es keinem der beiden, wieder dauerhaft an sein früheres Leistungsniveau anzuknüpfen.
Für Silva verdeutlichen diese Fälle, dass selbst die Verpflichtung hochklassiger Fahrer mit erheblichen Risiken verbunden sein kann. „Beide Verpflichtungen waren Wetten. Ich glaube nicht, dass beide … Ich glaube, keiner von beiden hat eingeschlagen, was bedauerlich ist.“
Differenzierter fällt seine Einschätzung bei einigen der weiteren Neuzugänge aus. Besonders Georg Zimmermann und Gregor Mühlberger könnten seiner Ansicht nach problemlos in die bestehende Mannschaftsstruktur integriert werden, weil ihre sportlichen Rollen klarer definiert seien.
„Zimmermann kann sich dort einfügen. Er ist ein Ausreißerspezialist, das passt. Mühlberger ist bei Decathlon ein wichtiger Helfer. Trotz seiner Klasse hat er seine eigenen Ambitionen schon bisher nicht verfolgt, also passt das.“
Deutlich schwieriger könnte die Situation dagegen für Jordan Jegat werden. Der Franzose beendete die vergangenen beiden Ausgaben der Tour de France jeweils auf dem zehnten Gesamtrang und hat damit bereits bewiesen, dass er bei dreiwöchigen Rundfahrten auf hohem Niveau bestehen kann. Angesichts der zahlreichen etablierten Rundfahrtkapitäne dürfte er bei LIDL-Trek allerdings kaum noch die Möglichkeit erhalten, selbst auf die Gesamtwertung zu fahren.
„Ich glaube, Jordan Jegat muss sich komplett neu ausrichten. Er wird bei den Grand Tours kein Fahrer für die Gesamtwertung sein. Dafür wird es keinen Platz geben. Das kann man vergessen“, urteilte Silva.
Komplettiert wird die Liste der weiteren Neuverpflichtungen durch Igor Arrieta und den zweifachen U23-Europameister Hector Alvarez. Auch sie stoßen damit zu einem Kader, in dem der Konkurrenzkampf um die sportlichen Rollen bereits jetzt außergewöhnlich groß ist.
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Felix Gall vor dem Wechsel zu LIDL-Trek: Gibt er eine ideale Ausgangslage auf?
Besonders skeptisch äußerte sich Silva auch zum bevorstehenden Wechsel von Felix Gall. Der Österreicher hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der stärksten Rundfahrer entwickelt und befand sich bei seiner bisherigen Mannschaft nach Einschätzung des Podcast-Experten bereits in einer nahezu idealen sportlichen Situation.
„Ich glaube, Felix Gall wird mit denselben Ambitionen zum Team stoßen, die er schon jetzt hat. Ich denke … Natürlich kenne ich die Hintergründe nicht, und sie werden ihre persönlichen Gründe haben. Meiner Ansicht nach ist Gall dort, wo er ist, bereits perfekt aufgehoben. Er stand bei zwei Grand Tours auf dem Podium.“
Tatsächlich erlebte Gall 2026 die bislang erfolgreichste Saison seiner Karriere. Mit umfassender Unterstützung seiner Mannschaft fuhr er beim Giro d'Italia auf den zweiten Gesamtrang und belegte bei der Vuelta a Espana Platz drei. Damit etablierte sich der Österreicher endgültig als Anwärter auf Podiumsplatzierungen bei den größten Rundfahrten.
Gleichzeitig hatte Paul Seixas innerhalb der Mannschaft die Verantwortung für die großen Klassiker und den Tour-de-France-Block übernommen. Für Silva ergab sich daraus eine schlüssige Aufteilung der sportlichen Ziele, die auch in den kommenden Jahren hätte fortgeführt werden können.
„Seine Führungsrolle wäre nicht gefährdet, denn er ist nicht der Fahrer, der zur Tour de France muss. Seixas muss zur Tour de France. Wenn sie also einfach den diesjährigen Plan beibehalten, könnten sie realistisch bei allen drei Grand Tours auf dem Podium landen.“
Der Wechsel zu LIDL-Trek bedeutet für Gall somit nicht zwangsläufig bessere sportliche Perspektiven. Zwar schließt er sich einer der finanzstärksten und prominentesten Mannschaften des Pelotons an, muss sich dort jedoch mit mehreren etablierten Rundfahrtkapitänen arrangieren.
Genau darin liegt aus Sicht von Silva und Quinn die entscheidende Herausforderung für LIDL-Trek im Jahr 2027. Die Mannschaft verfügt über die finanziellen Möglichkeiten, zahlreiche Spitzenfahrer zu verpflichten. Ob es ihr allerdings gelingt, aus dieser Ansammlung individueller Klasse eine funktionierende Einheit mit klaren Hierarchien zu formen, dürfte maßgeblich darüber entscheiden, ob die ambitionierte Transferoffensive tatsächlich den erhofften sportlichen Erfolg bringt.

Nic GayerRedakteur
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Für Radsportaktuell.de berichtet er über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf Vorberichten, Rennzusammenfassungen und Analysen, mit denen er Entwicklungen im Peloton klar einordnet.
Bei seiner Arbeit wird Nic von den Kolleginnen und Kollegen der Schwesterplattform CyclingUpToDate unterstützt, wodurch er regelmäßig direkten Zugang zu Teams, Fahrern und offiziellen Terminen erhält. Er arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus. In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.
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