„Es fehlten regelmäßig Menschlichkeit und Flexibilität“ – Ex-Profi Bert De Backer rechnet mit Picnic PostNL ab

Radsport
durch Nic Gayer
Picnic Post NL
Bei Picnic PostNL liegen sportlicher Erfolg und negative Schlagzeilen derzeit besonders nah beieinander. Erst hatte Frits Biesterbos dem niederländischen Team seinen ersten WorldTour-Etappensieg der Saison 2026 beschert, doch nur einen Tag später rückte die Mannschaft aus ganz anderen Gründen in den Mittelpunkt. Am Donnerstag veröffentlichte NOS die Ergebnisse einer umfangreichen Untersuchung, für die insgesamt 71 aktuelle und ehemalige Fahrer sowie Mitarbeiter der Organisation befragt worden waren.
Mehrere Befragte berichteten von einer „Kultur der Angst“ und einem Klima des „Misstrauens“. Einige gingen sogar so weit, die Führungsmethoden innerhalb der Mannschaft mit einer „Diktatur“ zu vergleichen. Besonders deutlich äußerte sich der frühere Straßenkapitän Martijn Tusveld. Nun hat sich mit Bert De Backer ein weiterer ehemaliger Fahrer zu Wort gemeldet, der die internen Strukturen aus eigener Erfahrung kennt. Der heutige Sporza-Experte stand von 2009 bis 2017 bei der Mannschaft unter Vertrag und zeigte sich von den Enthüllungen nur bedingt überrascht. „Es war heftig zu hören, wie sehr das viele Fahrer getroffen hat“, erklärte er in der Sendung De Ochtend auf Radio 1.

Bert De Backer erlebte die erfolgreichste Ära des Teams

Während seiner neun Jahre bei der Mannschaft war De Backer unmittelbar am sportlichen Aufstieg der Organisation beteiligt. Aus einem ProTeam aus dem Mittelfeld entwickelte sich ein etabliertes WorldTour-Team, das sich mit den besten Mannschaften der Welt messen konnte. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Erfolgs war die gezielte Entdeckung und Förderung junger Talente. Mit Marcel Kittel, John Degenkolb, Tom Dumoulin und Warren Barguil brachte die Mannschaft mehrere spätere Spitzenfahrer hervor und entwickelte rund um diese Kapitäne ein äußerst erfolgreiches sportliches Konzept.
De Backer betonte allerdings, dass seine persönlichen Erfahrungen vor allem aus der erfolgreichsten Phase des Projekts stammen. Er verließ die Mannschaft nach der Saison 2017, in der Dumoulin mit seinem Triumph beim Giro d'Italia den einzigen Grand-Tour-Gesamtsieg der Teamgeschichte gefeiert hatte. „Eines möchte ich klarstellen: Ich fuhr in der erfolgreichen Phase des Teams“, stellte der Belgier ausdrücklich fest.
Schon damals basierte das Erfolgsmodell auf einer äußerst systematischen Arbeitsweise und einer strikten Führung durch das Management. Zunächst schien dieser Ansatz hervorragend zu funktionieren. Doch im weiteren Verlauf entschieden sich sämtliche Kapitäne dafür, ihre Karrieren bei anderen Mannschaften fortzusetzen.
Aus Sicht von De Backer wurde gerade die kompromisslose Herangehensweise, die das Team einst stark gemacht hatte, zunehmend zu einem Problem. „Danach hielten sie an starren Plänen fest, um diesen Erfolg zu wiederholen. Ich habe den Eindruck, dass sie dabei extrem unflexibel blieben. Schon zu meiner Zeit fehlten regelmäßig Menschlichkeit und Flexibilität.“
Zu Beginn der 2020er-Jahre geriet das einst so erfolgreiche Projekt schließlich immer stärker ins Wanken. Der Radsport-Weltverband UCI verweigerte der Mannschaft eine dreijährige WorldTour-Lizenz. Inzwischen kämpft Picnic PostNL darum, in der UCI-Rangliste zumindest unter die besten 30 Teams zu kommen. Dabei steht die Organisation im Wettbewerb mit Mannschaften, die angesichts ihrer früheren Erfolge eigentlich deutlich hinter ihr liegen sollten.

„Besprechungen dienten nicht dazu, einen Konsens zu finden“

Dass das Verhältnis zwischen Fahrern und Teamführung nicht immer einfach war, hatte De Backer bereits während seiner aktiven Zeit erlebt. Besonders herzlich sei sein eigener Umgang mit dem Management nie gewesen. Solange die sportlichen Ergebnisse stimmten, habe die kompromisslose Arbeitsweise allerdings kaum größere Spannungen verursacht.
Mit zunehmendem zeitlichem Abstand zu den großen Erfolgen entwickelte sich diese Haltung nach seiner Einschätzung jedoch zu einem ernsthaften Hindernis. Immer mehr Fahrer prüften andere Möglichkeiten, bevor sie sich für einen Vertrag bei der Mannschaft entschieden. Dadurch wurde es zunehmend schwieriger, neue Talente für das Projekt zu gewinnen. „Diese Stärke, alles zu 300 Prozent durchzuziehen, wurde letztlich sicher auch zu ihrem Verhängnis“, erklärte De Backer.
Besonders kritisch erinnert sich der Belgier an die internen Besprechungen. Zwar habe es regelmäßig Möglichkeiten zum Austausch gegeben, doch ein wirklich offener Dialog sei seiner Wahrnehmung nach kaum möglich gewesen.
„Die Niederlande sind für offene Diskussionen bekannt. Auch im Team gab es zahlreiche Besprechungen, doch dabei ging es nicht darum, einen Konsens zu finden. Vielmehr suchte man nach einem Weg, die Fahrer dazu zu bringen, der Meinung des Managements zu folgen.“
Damit zeichnet De Backer das Bild einer Organisation, in der Gespräche zwar ausdrücklich vorgesehen waren, abweichende Ansichten jedoch kaum Einfluss auf die Entscheidungen der Verantwortlichen hatten. Die strengen Abläufe ließen den Fahrern seiner Darstellung zufolge nur wenig Raum, eigene Vorstellungen einzubringen.

Selbst De Backer schwieg schließlich: „Ich sagte schneller einfach Ja“

Wie sehr ihn diese Erfahrungen geprägt hatten, zeigte sich nach eigenen Angaben besonders gegen Ende seiner Zeit bei der Mannschaft. Obwohl De Backer sich selbst als jemanden beschreibt, der seine Überzeugungen offen vertritt und auch bereit ist, dafür zu kämpfen, zog er sich in seinem letzten Vertragsjahr zunehmend aus Diskussionen zurück.
Der Grund dafür war seine Überzeugung, dass seine Argumente bei den Verantwortlichen ohnehin kein Gehör finden würden. Anstatt erneut Zeit und Energie in ergebnislose Gespräche zu investieren, habe er schließlich häufiger einfach zugestimmt.
„Ich kämpfe gern für meine Meinung. Doch selbst ich sagte in meinem letzten Vertragsjahr schneller einfach ‚Ja‘, um mir eine weitere Besprechung zu ersparen. Ich kann mir vorstellen, dass diese Vorgehensweise junge Fahrer, die gerade ihren Traum leben, über ihre Grenzen treibt.“
Gerade dieser letzte Punkt bereitet dem ehemaligen Profi rückblickend Sorgen. Wenn bereits ein erfahrener Fahrer wie er irgendwann darauf verzichtet habe, seine Meinung offen zu vertreten, könne der Druck auf junge Talente, die gerade erst im professionellen Radsport Fuß fassen, umso größer sein. De Backers Aussagen ergänzen damit die Berichte aus der NOS-Untersuchung um die Perspektive eines Fahrers, der die Mannschaft noch während ihrer erfolgreichsten Jahre erlebt hat – und schon damals deutliche Schwächen im Umgang mit den Menschen innerhalb der Organisation wahrnahm.
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