Remco Evenepoel hat nach seinem starken Debüt bei der Flandern-Rundfahrt seine Form erneut bestätigt und setzt seine Entwicklung in einer Saison fort, die für seine Karriere einen entscheidenden Wendepunkt markiert. Der Wechsel zu
Red Bull - BORA - hansgrohe verfolgt klar das Ziel, ihn langfristig in die Position zu bringen, Tadej Pogačar herauszufordern. Wenige Tage vor dem Amstel Gold Race und seinem Renncomeback sprach der Belgier über sportliche Ambitionen und persönliche Entwicklungen.
„Ich will die beste Version meiner selbst erreichen, die ich je gesehen habe – die ich noch nicht gesehen habe. Auf dem Rad und als Mensch. Es gibt viel, das ich lernen kann. Ich glaube, es gibt großen Raum für Entwicklung, und ich denke, ich bin im richtigen Umfeld, um mein Ziel anzugehen“, sagte Evenepoel im Interview mit
Gazzetta dello Sport.
Neustart im neuen Umfeld – Fokus auf Entwicklung und Tour-Perspektive
Der Wechsel zu Red Bull - BORA - hansgrohe ist vor allem auf seine weitere Leistungsentwicklung ausgerichtet. Nach Jahren bei Soudal - Quick-Step schien ein neues Trainingsumfeld notwendig, um den nächsten Schritt zu machen. Neue Trainerstrukturen, veränderte Abläufe und eine stärkere Unterstützung im Hochgebirge könnten entscheidend sein im Hinblick auf sein langfristiges Ziel: den Sieg bei der Tour de France – auch wenn seine stärksten Auftritte in dieser Saison bislang nicht auf den langen Anstiegen stattfanden.
Remco Evenepoel sieht im Wechsel zu Red Bull - BORA - hansgrohe den entscheidenden Schritt für seine weitere Entwicklung Richtung Tour-de-France-Sieg
„Mit diesem Team entdecke ich auch neue Seiten an mir; es war wirklich der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung. Jedes Rennen ist eine Gelegenheit zu sehen, wie der Prozess voranschreitet. Der Wechsel von Trainer und Teamkollegen gibt mir vor allem zusätzliche Motivation. Ich muss natürlich mehr Englisch sprechen. Es gibt großartige Kommunikation, Verbindungen und Austausch zwischen allen Aspekten meiner Vorbereitung.“
Balance finden und Überlastung vermeiden
Evenepoel bewegt sich weiterhin auf höchstem sportlichen Niveau und vereint mit 26 Jahren fahrerische Klasse, Erfahrung an der Spitze und Routine im Umgang mit den Anforderungen des Profialltags. „… In jedem Fall fokussiere ich mich in erster Linie auf mich selbst, auf das, was ich leisten kann. Und im Vergleich zu früheren Saisons ist mein Plan, mehr zu fahren.“
Gerade in einer Zeit, in der viele Profis wegen der enormen Belastungen immer früher ihre Karriere beenden und Topteams Talente bereits im Teenageralter verpflichten, wird die richtige Balance entscheidend.
„Jeder von uns hat eine andere Vorstellung davon, wie man lebt und die Balance mit dem Radsport findet. Wenn es nötig ist, bin ich zu 200 % Profi. Aber es gibt auch Momente, in denen ich ‚abschalte‘, besonders zuhause mit meiner Frau Oumi“, erklärte er. „Wenn ich vom Training komme, fragt sie, wie es lief, und dann war’s das – wir reden nicht mehr über Radsport. Wenn du zu sehr auf Radsport fixiert bist, riskierst du, die Kontrolle über dein Privatleben zu verlieren.“
Auch seine Religion spielte laut Evenepoel eine wichtige Rolle während seiner Genesungsphase im Winter 2025, nachdem er nach einer Kollision mit einem Postauto im Training monatelang mit schweren Verletzungen ausgefallen war.
„Ja, es ist kein Geheimnis, dass Oumi und ich seit unserer Hochzeit 2022 dieselbe Religion teilen (Islam, Anm.). Ich lerne Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr dazu… und das macht mich glücklich.“
„Radsport ist nicht für immer. Ehemann sein, Vater sein… das ist mehr. So sehe ich das, und ich muss sagen, diese Philosophie finde ich auch im Team wieder. Wir sind sehr ernsthaft, aber wenn die ‚Arbeit‘ erledigt ist, musst du die Momente genießen“, ergänzte er. „Das dürfen wir nicht vergessen, und je mehr du die guten Zeiten genießt, desto besser kannst du mit den schlechten umgehen.“
Rückschläge im Frühjahr – und neue Ziele im Blick
In dieser Saison musste Evenepoel bereits Rückschläge verkraften. Bei der UAE Tour lief nicht alles nach Plan, und auch sein Sturz bei der Katalonien-Rundfahrt verhinderte den vorgesehenen großen Klettertest des Frühjahrs. Dort wollte er sich gemeinsam mit Teamkollege Florian Lipowitz sowie Jonas Vingegaard messen.
Umgang mit Erwartungen – und Lob für Giulio Pellizzari
Im Verlauf seiner Karriere hat Evenepoel gelernt, mit dem enormen medialen Druck in Belgien umzugehen, der ihn bereits seit seiner Juniorenzeit begleitet. „Ich denke schon. Ich bin jetzt seit sieben oder acht Jahren im Profiradsport, das hilft. Schon bei meinem Debüt stand ich im Mittelpunkt, aber heute sind Druck und Erwartungen kein Problem mehr.“
Im Gespräch ging es auch um
Giulio Pellizzari, seinen aufstrebenden Teamkollegen, der in diesem Frühjahr mit starken Leistungen überzeugte und als möglicher Podiumsanwärter beim Giro d’Italia gilt.
„Ich habe ihn bei den Winter-Trainingslagern kennengelernt, und in der Valenciana sind wir erstmals zusammen gefahren. Er ist etwas jünger als ich, aber wir haben dieselbe Energie“, sagte Evenepoel. „Er ist fröhlich, hebt die Stimmung, ist sehr sympathisch. Als Fahrer… der Moment, in dem er ans Giro-Podium denken kann, ist ganz nah. Und wenn du bereit bist für die Top drei, kannst du auch auf Sieg fahren. Er hat eine große Zukunft vor sich, um einer der besten Grand-Tour-Fahrer der Welt zu werden.“
Der Olympiasieger sowie amtierende Welt- und Europameister im Zeitfahren wurde außerdem auf einen möglichen Angriff auf den Stundenweltrekord angesprochen, der aktuell von Filippo Ganna gehalten wird. Entsprechende Spekulationen dämpfte er jedoch deutlich.
„Definitiv nicht in diesem Jahr, auch nicht 2027. Und außerdem habe ich nie viel Zeit auf der Bahn verbracht. Wir haben jemanden wie Dan Bigham im Staff, der auch Stundenrekordhalter war, aber… Was mich betrifft: Wenn es passiert, dann nicht vor 2030“, stellte er klar.