Vom Karriereende zum Regenbogentrikot? Michael Woods will unerwartete Chance bei der Heim-WM nutzen: „Jetzt erkenne ich, dass ich kein Hochstapler bin“

Radsport
durch Nic Gayer
Mittwoch, 23 September 2026 um 18:00
michaelwoods
Michael Woods hatte sich bereits damit abgefunden, dass seine letzte Chance auf einen großen Auftritt vor heimischem Publikum mit dem Ende seiner WorldTour-Karriere verstrichen war. Doch zwölf Monate später bereitet sich der 39-Jährige in Montreal auf einen letzten Angriff auf das Regenbogentrikot vor. Nachdem Derek Gee-West, der ursprünglich als kanadischer Kapitän vorgesehen war, für das Straßenrennen der Radsport-WM am Sonntag ausgefallen ist, rückt Woods unverhofft wieder in den Mittelpunkt.
Der Kanadier hatte seine Profikarriere Ende 2025 nach einer schwierigen Saison beendet, die von Stürzen, Verletzungen und einem Leistenbruch geprägt gewesen war. Ausgerechnet der erhoffte Abschiedsauftritt beim GP de Montreal blieb ihm dadurch verwehrt.

Ein zweiter Frühling?

Doch statt dem Radsport vollständig den Rücken zu kehren, bestritt Woods 2026 weiterhin Gravel- und Mountainbikerennen und hielt sich damit in einer Verfassung, die eine zunächst unwahrscheinlich erscheinende Teilnahme an der Radsport-WM möglich machte. Ein siebter Platz bei den kanadischen Straßenmeisterschaften bestärkte ihn in der Überzeugung, auch auf höchstem Niveau noch konkurrenzfähig zu sein. Beim jüngsten GP de Montreal unterstrich er seine Form mit Rang 18 und überquerte als bester Kanadier die Ziellinie.
Michael Woods im Einsatz für Kanada.
Michael Woods bekommt bei der Radsport-WM 2026 in Montreal doch noch seinen erhofften Abschiedsauftritt vor heimischem Publikum. Nach dem Ausfall von Derek Gee-West könnte der 39-Jährige im Straßenrennen eine größere Rolle übernehmen.
Im Gespräch mit Cycling News erklärte Woods vor der Radsport-WM, wie sich für ihn nach und nach doch noch die Möglichkeit eines letzten großen Auftritts vor heimischem Publikum eröffnet hatte.
„Ich wollte meine Karriere unbedingt in Montreal beenden“, gestand Woods. „Letztes Jahr war das nicht möglich, weil ich einen Leistenbruch hatte und operiert werden musste. Das hat mich völlig niedergeschlagen. Es war ein so enttäuschendes Ende meiner Karriere. Dann habe ich mir die Auswahlkriterien angesehen und festgestellt, dass ich im vergangenen Jahr noch genügend Punkte gesammelt hatte, um startberechtigt zu sein. Da dachte ich mir: Wenn ich ein gewisses Fitnessniveau halten und auch tatsächlich nachweisen kann, dass ich noch in Form bin, dann möchte ich bei diesen Rennen an den Start gehen.“

Michael Woods entdeckt nach seinem Karriereende die Leidenschaft für den Rennsport neu

Seine Rückkehr ins Renngeschehen bedeutet allerdings keineswegs, dass Woods seinen Rücktritt rückgängig machen möchte. Zum Ende der vergangenen Saison hatte der frühere Tour-de-France-Etappensieger genug von den Strapazen des dicht gedrängten WorldTour-Kalenders. Obwohl er nach einem Höhentrainingslager auf Teneriffa in hervorragender Frühform gewesen war, wurde er bei Milano-Torino durch einen schweren Sturz zurückgeworfen. Beim Versuch, einen Beinling auszuziehen, kam er zu Fall und brach sich das Schlüsselbein.
„Ende letzten Jahres war ich ziemlich ausgebrannt“, erinnerte sich Woods. „Gerade in meinem letzten Jahr hatte ich mit dem Leistenbruch und dem Sturz zu kämpfen. Ich war im Höhentrainingslager auf Teneriffa gewesen, hatte eine überragende Form aufgebaut und das Gefühl, dass es ein richtig gutes Jahr werden könnte. Und dann bin ich bei Milano-Torino gestürzt, als ich versucht habe, einen Beinling auszuziehen. Ich habe mir das Schlüsselbein gebrochen und bin im Krankenwagen wieder aufgewacht. Danach hatte ich einfach genug.“
„Aber dieses Jahr hat meine Liebe zum Sport neu entfacht und mir gezeigt, wie gerne ich eigentlich Rennen fahre. Wenn ich mir die Rennen im Fernsehen anschaue, wird mir wieder bewusst, wie schön dieser Sport ist. Gleichzeitig bin ich unglaublich stolz auf das, was ich in meiner Karriere erreicht habe. Ich habe das Profidasein überhaupt nicht vermisst, aber es war ein großartiges Jahr.“

Michael Woods’ Historie im WM-Straßenrennen:

JahrAustragungsortErgebnis
2014Ponferrada, SpanienDNF
2015Richmond, USA94.
2018Innsbruck, Österreich3. 🥉
2019Yorkshire, GroßbritannienDNF
2020Imola, Italien12.
2024Zürich, Schweiz54.
2026Montréal, KanadaTBA
Statt sich ein weiteres Jahr dem Kampf um WorldTour-Punkte und Profiverträge zu widmen, stellte Woods für 2026 ein völlig anderes Rennprogramm zusammen. Mit Veranstaltungen wie The Traka, der Sea Otter Classic, Unbound und Leadville suchte er neue Herausforderungen abseits des klassischen Straßenradsports.
„Ich habe meine WorldTour-Karriere definitiv beendet. Die WorldTour ist eine ganz andere Hausnummer. Bei 70 Renntagen geht es nicht darum, alle paar Wochen ein- oder zweimal eine gute Leistung abzurufen. Es ist eine permanente Belastung. Und genau davon habe ich mich verabschiedet“, erklärte der Kanadier.
„Was ich dieses Jahr gemacht habe, hat unglaublich viel Spaß gemacht. Ich würde sagen, es war tatsächlich so etwas wie ein Ruhestand. Ich mache genau das, worauf ich Lust habe, und zwar wann immer ich will. Das ist großartig. Ich bin also definitiv im Ruhestand. Glücklicherweise hat mich das alles aber in einer so guten Verfassung gehalten, dass ich weiterhin auf hohem Niveau konkurrenzfähig bin.“

„Ich bin kein Hochstapler mehr“ – Michael Woods blickt auf seinen ungewöhnlichen Karriereweg zurück

Mit seinem Auftritt bei der Radsport-WM in Montreal schließt sich für Woods auch ein Kreis, der bis zu seinem ungewöhnlichen Einstieg in den professionellen Radsport zurückreicht. Als ehemaliger Mittelstreckenläufer auf Elite-Niveau hatte er nicht die klassische Nachwuchslaufbahn über die Junioren- und U23-Kategorien durchlaufen, die für die meisten seiner späteren Konkurrenten selbstverständlich war. Als er schließlich den Sprung in die WorldTour schaffte, war er bereits deutlich über Mitte zwanzig und musste sich in einer Sportart zurechtfinden, in der viele seiner Rivalen schon seit Jahren fest verwurzelt waren.
„Früher habe ich mich bei diesen Rennen wie ein Hochstapler gefühlt, weil ich erst so spät dazugestoßen bin“, erzählte Woods. „Ich hatte nicht jahrelang bei den Junioren und anschließend in der U23 Rennen bestritten oder mir über die Jahre Beziehungen aufgebaut. Ich bin einfach in die WorldTour gekommen und hatte von nichts eine Ahnung.“
„Es war ein bisschen so, als würde ich – jetzt merkt man, wie alt ich bin – Age of Empires spielen und die ganze Karte wäre noch im Dunkeln. Ich wusste überhaupt nichts“, fügte er hinzu. „Und jetzt komme ich hierher und kenne jeden. Ich kenne Fahrer aus jedem Team, unterhalte mich mit allen, auch mit den Betreuern. Es gibt Sportliche Leiter, mit denen ich früher selbst Rennen gefahren bin. Es ist ein seltsames Gefühl, jetzt zu erkennen, dass ich kein Hochstapler bin.“
Woods blickt auf eine erfolgreiche Profikarriere zurück, in der er unter anderem vier Grand-Tour-Etappensiege feierte. Zu seinen größten Triumphen zählt der prestigeträchtige Etappensieg am Puy de Dome bei der Tour de France 2023. Hinzu kommt die Bronzemedaille im Straßenrennen der Radsport-WM 2018 in Innsbruck.

Kanadas Aufgebot für das Straßenrennen der Männer bei der Radsport-WM 2026

Guillaume Boivin
Hugo Houle
Michael Leonard
Michael Woods
Nickolas Zukowsky
Pier-André Côté

Eine letzte Chance in Montreal: Woods will bei der Heim-WM noch einmal angreifen

Ursprünglich war vorgesehen, dass Woods bei der Radsport-WM in Montreal als Helfer für Derek Gee-West an den Start geht. Doch nach dessen Sturz beim GP de Montreal und der anschließenden Absage des LIDL-Trek-Profis musste die kanadische Nationalmannschaft ihre Pläne ändern. Guillaume Boivin rückte als Ersatz ins Aufgebot.
Damit geht Woods am Sonntag ohne den ursprünglich vorgesehenen Kapitän ins Straßenrennen und erhält die Gelegenheit, selbst eine größere Rolle zu übernehmen. „Ich möchte so lange wie möglich vorne dabei bleiben und vielleicht sogar versuchen, etwas Besonderes zu erreichen“, erklärte der 39-Jährige. „Mir geht es vor allem darum, dass unsere Nationalmannschaft und das Ahornblatt bei diesem Rennen erfolgreich sind.“
Die Strecke in Montreal verspricht allerdings eine enorme Herausforderung. Auf den mehr als 270 Kilometern des Straßenrennens der Elite-Männer müssen die Fahrer rund 3.800 Höhenmeter bewältigen. Insbesondere die wiederholten Anstiege rund um den Mount Royal dürften dafür sorgen, dass das Peloton im Rennverlauf immer weiter auseinanderfällt und sich das Feld der möglichen Siegkandidaten zunehmend verkleinert.
Woods kennt die Straßen seiner Heimat bestens und hat mit seinem jüngsten Top-20-Ergebnis beim GP de Montreal bereits bewiesen, dass er auch acht Jahre nach seinem Gewinn der Bronzemedaille bei der Radsport-WM 2018 in Innsbruck noch auf höchstem Niveau konkurrenzfähig ist. Eine erneute Rückkehr aus dem Ruhestand kommt für ihn dennoch nicht infrage. Der Kanadier hat bereits ausgeschlossen, den anspruchsvollen WorldTour-Alltag künftig gegen ein vollständiges professionelles Gravel-Rennprogramm einzutauschen. Die Zeiten, in denen er Verträgen, Ranglistenpunkten und Ergebnissen hinterherjagte, sind für ihn endgültig vorbei.
Eigentlich hatte Woods seine Wettkampfkarriere 2025 beenden müssen, ohne sich wie erhofft vor heimischem Publikum verabschieden zu können. Nun bekommt seine Geschichte doch noch ein unerwartetes letztes Kapitel: einen finalen Rennnachmittag am Mount Royal, bei einer Radsport-WM in seiner Heimat und mit einer plötzlich deutlich offeneren Rolle im Trikot der kanadischen Nationalmannschaft.
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