Paul Seixas verändert schon vor seinem ersten Start bei der
Tour de France die Diskussion rund um das wichtigste Rennen des Jahres. Nach seiner spektakulären Saison 2026 gilt der erst 19-jährige Franzose längst nicht mehr nur als außergewöhnliches Talent, sondern zunehmend auch als möglicher Faktor im Kampf um die Gesamtwertung.
Der frühere Monumente-Sieger Rolf Sørensen glaubt zwar nicht, dass Seixas
Tadej Pogacar oder
Jonas Vingegaard bereits in diesem Sommer ernsthaft vom Gelben Trikot verdrängen wird. Dennoch ist der Däne überzeugt, dass der Franzose die Dynamik der Tour de France schon jetzt verändern kann.
„Pogacar und Vingegaard schlafen deswegen nicht schlecht“
„Vingegaard und Pogacar liegen nachts nicht wach, weil er die Tour fährt“, erklärte Sørensen in seiner Analyse für den dänischen Sender TV2.
Diese Einordnung ist entscheidend. In den vergangenen fünf Austragungen der Tour de France belegten Pogacar und Vingegaard jeweils die ersten beiden Plätze im Gesamtklassement. Ihre Rivalität prägt die moderne Ära der Rundfahrt, während der Rest des Pelotons de facto um Rang drei kämpft.
Mit Seixas stößt nun jedoch ein Fahrer in diese Konstellation, der die bisherigen Kräfteverhältnisse zumindest beeinflussen könnte.
Der Franzose reist nach einer außergewöhnlichen Frühjahrssaison zur Tour. Er gewann La Flèche Wallonne, dominierte die Baskenland-Rundfahrt mit drei Etappensiegen und dem Gesamterfolg und wurde sowohl bei Strade Bianche als auch bei Lüttich–Bastogne–Lüttich Zweiter.
Besonders sein Auftritt in Lüttich sorgte im Peloton für Aufsehen. Seixas war dort der einzige Fahrer, der Tadej Pogacar an der Côte de La Redoute zunächst folgen konnte, ehe er das Rennen schließlich hinter dem Weltmeister beendete.
Sørensen sieht neue taktische Dynamik
Für Sørensen reicht dieses Niveau bereits aus, um Seixas in den Bergen taktisch relevant werden zu lassen.
„Wenn er so fährt wie bisher und das in der zweiten und dritten Woche halten kann, dann ist er in kurzem Abstand an ihnen dran“, sagte der Däne. „Dann müssen sie anfangen, genauer nachzudenken. Zwei Fahrer sind das eine, drei sind etwas anderes. Da ist eine weitere Mannschaft, die das Rennen prägen kann.“
Gerade in den Hochgebirgen könnte diese zusätzliche Dynamik eine wichtige Rolle spielen. Hinter Pogacar und Vingegaard erscheint der Kampf um den letzten freien Podiumsplatz ohnehin bereits außergewöhnlich dicht.
Remco Evenepoel, Florian Lipowitz und Juan Ayuso haben sich im Verlauf der Saison allesamt als ernsthafte Kandidaten für die Top drei positioniert.
Evenepoel sammelte 2026 bereits bedeutende Siege, muss seine Konstanz im absoluten Hochgebirge aber weiterhin bestätigen. Lipowitz entwickelte sich derweil leise zu einem der stärksten Rundfahrer im Peloton – unter anderem mit Rang zwei hinter Seixas bei der Baskenland-Rundfahrt und Platz zwei bei der Tour de Romandie hinter Pogacar.
Ayuso zeigte zwar ebenfalls sein enormes Potenzial, wurde jedoch durch Stürze und gesundheitliche Probleme immer wieder zurückgeworfen.
Mitten in dieses ohnehin hochklassige Feld stößt nun zusätzlich Seixas.
„Er fährt wie ein Profi mit zehn Jahren Erfahrung“
Sørensen gab offen zu, anfangs Zweifel an der Entscheidung gehabt zu haben, einen 19-Jährigen direkt zur Tour de France zu schicken.
Die Leistungen des Franzosen hätten seine Meinung jedoch komplett verändert. „Zu Jahresbeginn dachte ich, es könnte klug sein, wenn er in seinem ersten Jahr als 19-Jähriger die Tour nicht fährt. Aber nachdem ich gesehen habe, wie er die Rennen, die er bestritten hat, komplett dominiert, habe ich meine Meinung radikal geändert“, erklärte er.
Besonders beeindruckt zeigt sich Sørensen von der Rennreife des Franzosen. „Ich habe gesehen, wie er Rennen bestreitet, und er fährt, als wäre er seit zehn Jahren Profi“, sagte der frühere Sieger der Flandern-Rundfahrt und von Lüttich–Bastogne–Lüttich. „Er positioniert sich im Peloton richtig, macht keine Fehler und gewinnt mit großen Abständen. Bei der Baskenland-Rundfahrt, einem unglaublich schweren Rennen, kamen sie nicht an ihn heran. Und dann hat er es fast geschafft, mit Pogacar bis zum Schluss mitzugehen. Er gewinnt die Flèche Wallonne. Was wir sehen, ist einzigartig.“
Trotz aller Begeisterung sieht Sørensen Seixas noch nicht unmittelbar als Tour-Sieger. Gleichzeitig macht der Däne keinen Hehl daraus, wie hoch er dessen langfristiges Potenzial einschätzt.
„Körperlich denke ich nicht, dass er Probleme haben wird“, sagte Sørensen. „Ich bin fast so weit zu sagen, dass er eines Tages die Tour de France gewinnen wird.“
Die Euphorie rund um Seixas hat in den vergangenen Monaten enorme Ausmaße angenommen. Sørensens Analyse bleibt dabei bewusst differenziert: Der Däne erwartet nicht, dass der Franzose Pogacar oder Vingegaard bereits in diesem Sommer entthront.
Seine Einschätzung deutet jedoch auf etwas hin, das für die Zukunft der Tour de France womöglich ähnlich bedeutend sein könnte: Der Sport hat möglicherweise bereits den nächsten Fahrer gefunden, der eines Tages zu den dominierenden Figuren der größten Rundfahrt der Welt aufschließen kann.