„Ohne Druck zu fahren ist eine Lüge“ – Ex-Toursieger warnt vor den Gefahren von Paul Seixas’ Tour-Debüt

Radsport
durch Nic Gayer
Mittwoch, 06 Mai 2026 um 19:00
Paul Seixas
Die Entscheidung, Paul Seixas bereits in diesem Sommer zur Tour de France zu schicken, hat im Radsport für enorme Aufmerksamkeit gesorgt. Nach einer spektakulären Saison 2026 gilt der erst 19-jährige Franzose schon jetzt als eines der größten Talente seiner Generation – und für viele sogar als möglicher künftiger Superstar des Sports.
Während zahlreiche Beobachter vor allem das außergewöhnliche Potenzial des Franzosen hervorheben, mahnt Ex-Tour-de-France-Sieger Pedro Delgado jedoch zur Vorsicht. Der Spanier warnt davor, die Risiken zu unterschätzen, die ein so früher Start bei der größten Rundfahrt der Welt mit sich bringen kann.

Delgado sieht enorme mentale Belastung

Seixas hat in dieser Saison bereits La Flèche Wallonne gewonnen, die Baskenland-Rundfahrt dominiert und bei Lüttich–Bastogne–Lüttich hinter Tadej Pogacar Rang zwei belegt. Besonders sein Auftritt an der Côte de La Redoute, wo er Pogacar kurzzeitig folgen konnte, machte ihn endgültig zu einer der großen Geschichten des Jahres.
Paul Seixas sorgt vor seinem ersten Tour-de-France-Start bereits für Diskussionen über Druck und Erwartungen
Paul Seixas sorgt vor seinem ersten Tour-de-France-Start bereits für Diskussionen über Druck und Erwartungen
Für Delgado steht außer Frage, dass Seixas außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt. Dennoch glaubt der Toursieger von 1988, dass der enorme öffentliche Druck zu einem entscheidenden Faktor werden könnte.
„Paul Seixas, der aufstrebende Champion des französischen Radsports, der in der Lage ist, mit Pogacar, der wahren dominierenden Kraft der letzten Jahre, auf Augenhöhe zu fahren, wird die Tour bestreiten“, erklärte Delgado als Analyst bei RTVE. „Einerseits klingt das nach großartigen Nachrichten, aber ich habe meine Vorbehalte.“
Besonders kritisch sieht Delgado die häufig geäußerte Vorstellung, Seixas könne die Tour de France einfach als Lernprozess ohne große Erwartungen absolvieren.

„Du wirst unweigerlich ins Rennen hineingezogen“

„Ohne Druck zu fahren ist eine Lüge. Er wird unter enormem Druck starten“, warnte Delgado. „Vielleicht sagt das Team zu ihm: ‚Bleib ruhig‘, aber du bist bei der Tour, dem Traumrennen. Alle reden über dich, alle feuern dich an, du siehst dich nahe an den Besten … du wirst unweigerlich ins Rennen hineingezogen.“
Der Spanier zweifelt dabei weniger an den körperlichen Voraussetzungen des Franzosen als vielmehr an den psychologischen Herausforderungen einer dreiwöchigen Grand Tour.
„Neunzehn Jahre, das ist sehr jung. Physisch traue ich ihm das zu. Mental wirkt er sehr fokussiert, aber diese Idee, ohne Druck zu fahren, weiß ich nicht, inwieweit das der Realität entspricht.“
Delgado verwies zudem auf die besondere Härte einer Grand Tour, die junge Fahrer oft erst während des Rennens wirklich verstehen würden.
„Ich denke, er wird eine wirklich starke erste Woche hinlegen, und dann müssen wir sehen, was in Woche zwei und drei passiert“, sagte er. „Die Routine, die Monotonie des täglichen Rennens. Das ist eine echte Zeitbombe für einen Fahrer. Die erste Woche ist Euphorie, in der zweiten setzt die Müdigkeit ein, und in der dritten fühlst du dich wie am Ende.“

Angst vor langfristigen Folgen

Die Sorgen Delgados beziehen sich dabei nicht nur auf körperliche Erschöpfung. Vielmehr fürchtet er, dass eine schwierige Tour nachhaltige Auswirkungen auf Seixas’ mentale Entwicklung haben könnte.
„Meine Sorge bei diesem Fahrertyp ist, welche Folgen es hinterlassen könnte, diese bittere Erinnerung an ein dreiwöchiges Rennen, die ihm das aktuell extrem hohe Selbstvertrauen rauben kann“, erklärte der Spanier.
Aus diesem Grund hätte Delgado ein späteres Grand-Tour-Debüt bevorzugt. Seiner Meinung nach wäre die Vuelta a España der deutlich geeignetere Einstieg gewesen.
„Für mich wäre das Ideal gewesen, die Vuelta a España zu fahren“, sagte er. „Dort lernst du, was ein dreiwöchiges Rennen ist, du fährst ohne Druck, lernst die Routine und verstehst, wie es sich anfühlt, in der Schlusswoche mit leerem Tank anzukommen.“

Der französische Druck macht alles noch komplizierter

Zusätzlich verschärft wird die Situation laut Delgado durch Seixas’ Nationalität. Frankreich wartet seit Jahrzehnten auf einen neuen heimischen Tour-Sieger – entsprechend groß seien die Erwartungen an jedes außergewöhnliche Talent.
„Es stimmt, dass die Tour für einen französischen Fahrer der ultimative Traum ist, aber ich denke, er sollte warten, um keine bittere Erinnerung zu riskieren“, sagte Delgado. „Wäre er Spanier, Italiener oder Deutscher, könnte er wahrscheinlich ohne diesen Druck fahren. Aber als Franzose, mit dem Bedürfnis des Landes nach einem Champion, wird es kein Fahren ohne Druck geben.“
Schon die nackten Zahlen zeigen, wie außergewöhnlich die Situation rund um Seixas ist. Mit 19 Jahren und 283 Tagen wird der Franzose laut Pro Cycling Stats der jüngste Fahrer bei der Tour de France seit 1932 sein. Seitdem nahm mit Danny van Poppel im Jahr 2013 nur ein weiterer Teenager an der Frankreich-Rundfahrt teil.
Allein das unterstreicht bereits, wie außergewöhnlich die Erwartungen und die Aufmerksamkeit rund um Paul Seixas sind – noch bevor seine erste Tour überhaupt begonnen hat.
Klatscht 0Besucher 0
loading

Gerade In

Beliebte Nachrichten

Loading