Die Tour de France 2026 hat ihren zweitplatzierten Fahrer und den wichtigsten Herausforderer von Tadej Pogačar verloren. Jonas Vingegaard stürzte auf dem Weg zur Bergankunft am Plateau de Solaison schwer und musste das Rennen aufgeben. Der Däne wurde mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem gestützten Arm in das medizinische Fahrzeug gebracht. Eine offizielle Diagnose lag zunächst nicht vor, doch die Bilder ließen eine mögliche Schlüsselbeinverletzung befürchten.
Der Unfall ereignete sich in einer Rechtskurve, als Visma-Lease a Bike das Tempo im Peloton hochhielt. Drei Teamkollegen unmittelbar vor Vingegaard kamen ohne größere Schwierigkeiten durch die Kurve. Vingegaard selbst bremste jedoch deutlich stärker.
Statt die Kurve wie seine Mannschaftskollegen zu durchfahren, richtete sich sein Rad auf. Der Däne fuhr nahezu geradeaus und prallte gegen den Bordstein. Er ging sofort zu Boden und blieb liegen. Schon in diesem Moment war zu erkennen, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Sturz mit einigen Schürfwunden handelte.
Auch Isaac del Toro wurde in den Zwischenfall verwickelt und kollidierte offenbar mit einem Zuschauer. Der UAE-Fahrer konnte das Rennen jedoch fortsetzen. Für Vingegaard war die Tour dagegen beendet.
A replay of the Jonas Vingegaard crash. The end of his 2026 Tour de France. What a shame. I feel for him. It’s so bloody awful. Damn!#TDF2026pic.twitter.com/WKRPphxmGd
Zunächst herrschte noch die Hoffnung, dass der zweimalige Tour-Sieger wieder auf sein Rad steigen könnte. Diese Hoffnung verschwand schnell. Vingegaard saß mit einer deutlichen Grimasse am Straßenrand und wurde medizinisch versorgt.
Wenig später stieg er mit einem Verband beziehungsweise einer Schlinge um den Arm in das medizinische Fahrzeug. Visma-Lease a Bike stellte seine Arbeit an der Spitze des Pelotons sofort ein. Die Mannschaftskollegen des Dänen waren sichtlich geschockt, und das zuvor hohe Tempo fiel vollständig zusammen. Der Däne musste die Tour nach dem Sturz endgültig verlassen.
Die Art des Aufpralls und die Haltung seines Arms führten unmittelbar zum Verdacht auf einen Schlüsselbeinbruch. Solange das Team oder die Rennärzte keine Untersuchungsergebnisse veröffentlicht haben, darf daraus jedoch keine bestätigte Diagnose gemacht werden.
Fest steht nur: Vingegaard war nicht in der Lage, die Etappe fortzusetzen.
Nach dem Aus von Vingegaard übernahm Red Bull-BORA-hansgrohe die Verantwortung im Peloton. Damit rückten Remco Evenepoel und Florian Lipowitz plötzlich noch stärker in den Mittelpunkt des Rennens.
Für Evenepoel verbessern sich durch Vingegaards Aufgabe die Aussichten auf einen Podiumsplatz erheblich. Der Belgier hätte diesen sportlichen Vorteil selbstverständlich lieber auf der Straße erkämpft. Kein ernsthafter Konkurrent möchte im Gesamtklassement aufsteigen, weil einer seiner größten Rivalen verletzt aus dem Rennen ausscheidet.
Auch Lipowitz erhält nun eine größere Chance, sich im Kampf um die Spitzenplätze zu behaupten. Dennoch trat die sportliche Rechnung in den Minuten nach dem Sturz völlig in den Hintergrund. Der Schock im Feld war deutlich sichtbar.
Vor dem Unfall hatte Visma das Rennen noch mit großer Entschlossenheit kontrolliert. Matteo Jorgenson, Bruno Armirail und Victor Campenaerts investierten im Tal viel Kraft, um den Rückstand auf die Ausreißer zu verkleinern. Offenbar wollte Vingegaard am schweren Schlussanstieg noch einmal angreifen.
Sekunden später war dieser Plan bedeutungslos.
Mauro Schmid allein vor dem Plateau de Solaison
An der Spitze des Rennens näherte sich Mauro Schmid unterdessen als Solist dem entscheidenden Anstieg. Der Schweizer lag rund 20 Sekunden vor einer starken Verfolgergruppe mit unter anderem Tom Pidcock, Adam Yates, Quinn Simmons, Yannis Voisard, Ewen Costiou und Einer Rubio.
Das Peloton folgte zeitweise mit rund drei Minuten Rückstand. Nach Vingegaards Sturz war jedoch völlig offen, welche Mannschaft noch bereit war, konsequent um den Etappensieg zu kämpfen.
Bahrain Victorious beteiligte sich an der Tempoarbeit, um Pidcock nicht zu viel Zeit im Gesamtklassement zu überlassen. Doch der gesamte Rennverlauf war durch den Unfall verändert worden.
Der Schlussanstieg zum Plateau de Solaison misst 11,3 Kilometer bei durchschnittlich etwa neun Prozent. Besonders die ersten vier Kilometer sind extrem steil. Schmid stand damit vor einer beinahe unmöglichen Aufgabe: Er musste seinen kleinen Vorsprung gegen mehrere bessere Kletterer und ein weiterhin gefährlich nahes Peloton verteidigen.
Ein enormer Verlust für die Tour de France
Sportlich ist Vingegaards Ausfall ein schwerer Schlag für die gesamte Tour. Vor seinem Sturz lag er auf dem zweiten Platz der Gesamtwertung und war der Fahrer, dem am ehesten zugetraut wurde, Pogačar in den verbleibenden Bergen noch unter Druck zu setzen. Der Slowene hatte das Rennen bereits fest im Griff, doch Vingegaards Anwesenheit sorgte zumindest dafür, dass UAE Team Emirates-XRG aufmerksam bleiben musste.
Mit dem Dänen verliert die Tour nicht nur die Nummer zwei des Gesamtklassements. Sie verliert den wichtigsten Gegenpol zu Pogačar.
Die Rivalität zwischen den beiden prägte die vergangenen Jahre. Vingegaard gehörte zu den wenigen Fahrern, die Pogačar bei einer Grand Tour nicht nur herausfordern, sondern auch besiegen konnten. Selbst wenn der Rückstand bereits groß war, blieb die Möglichkeit eines Angriffs auf einer langen und schweren Alpenetappe bestehen.
Diese Spannung ist nun weitgehend verschwunden.
Evenepoel, Lipowitz, Paul Seixas und die anderen Anwärter kämpfen weiter um das Podium. Doch der direkte Kampf um den Gesamtsieg hat durch den Ausfall des Dänen einen entscheidenden Teil seiner sportlichen Bedeutung verloren.
Vingegaard-Quiz für Radsportkenner
10 Fragen · ≈ 5 Min. · 17 Spieler
um in der Rangliste mitzumachen.
Ein kleiner Fehler mit verheerenden Folgen
Besonders bitter ist, wie unspektakulär der Sturz zunächst aussah. Vingegaards drei Teamkollegen passierten die Rechtskurve unmittelbar vor ihm problemlos. Es gab keine erkennbare Massenkarambolage und keinen offensichtlichen Kontakt mit einem anderen Fahrer.
Vingegaard bremste kräftiger, konnte die Fahrlinie nicht mehr halten und fuhr gerade auf den Bordstein zu. Im Radsport reicht ein solcher Moment aus, um Monate der Vorbereitung und den Kampf um die Tour innerhalb weniger Sekunden zu zerstören.
Die medizinischen Untersuchungen müssen nun zeigen, wie schwer Vingegaard tatsächlich verletzt ist. Für die Tour de France steht die Konsequenz bereits fest: Das Rennen muss ohne seinen zweitplatzierten Fahrer und wichtigsten Pogačar-Herausforderer weitergehen.
Für Vingegaard, Visma-Lease a Bike und die gesamte Tour ist das ein enormer Verlust.
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
Radsport ist für mich mehr als Leidenschaft. Er ist ein komplexer Leistungssport, der Kontext, Genauigkeit und Verantwortung verlangt – genau diesen Anspruch vertrete ich in unserer täglichen Berichterstattung.