Enric Mas steht vor einer richtungsweisenden Entscheidung für die Saison 2027. Nach seinem Triumph bei der
Vuelta a Espana 2026 hat der Spanier eindrucksvoll bewiesen, dass er weiterhin zu den stärksten Rundfahrern der Welt gehört. Auch sein zweiter Platz hinter Paul Seixas bei der Lombardei-Rundfahrt unterstrich seine wiedergewonnene Klasse. Für
Movistar Team stellt sich deshalb eine entscheidende Frage: Bei welchen Rennen kann der 31-Jährige seine Stärken am besten ausspielen und erneut um die größten Titel kämpfen?
Die Antwort muss keineswegs automatisch
Tour de France lauten. Während die Strecke der Frankreich-Rundfahrt 2027 bereits feststeht, verdichten sich auch die Hinweise auf den Charakter des kommenden
Giro d'Italia. Für Mas könnte eine Kombination aus Giro und Vuelta die sportlich sinnvollere Wahl sein. Ein Verzicht auf die Tour wäre zwar angesichts ihres Prestiges und ihrer enormen medialen Bedeutung ein bemerkenswerter Schritt, könnte seine Chancen auf einen weiteren Grand-Tour-Gesamtsieg jedoch verbessern.
71 Kilometer Zeitfahren: Warum die Tour de France 2027 für Mas zum Problem werden könnte
Die Tour de France 2027 wird vom 2. bis 25. Juli ausgetragen und stellt insbesondere die klassischen Bergspezialisten vor eine schwierige Herausforderung. Auf dem Programm stehen zwei Einzelzeitfahren mit einer Gesamtdistanz von 71 Kilometern. So viele Kilometer gegen die Uhr gab es bei der Frankreich-Rundfahrt zuletzt 2012. Für Fahrer, die ihre größten Vorteile am Berg haben, könnte diese Streckenführung zu einem entscheidenden Nachteil werden.
Enric Mas gewann 2026 die Vuelta a Espana und soll 2027 erneut um einen Grand-Tour-Gesamtsieg kämpfen. Angesichts der zeitfahrlastigen Tour-Strecke könnte für den Movistar-Kapitän eine Kombination aus Giro d'Italia und Vuelta die bessere Wahl sein.
Bereits auf der siebten Etappe wartet ein 38 Kilometer langes Einzelzeitfahren von Blois nach Chambord. Der zweite Kampf gegen die Uhr folgt auf der 16. Etappe in Toulouse und führt über weitere 33 Kilometer. Für Mas bedeutet das eine erhebliche Herausforderung. Zwar ist der Mallorquiner keineswegs ein schwacher Zeitfahrer, doch gegenüber Konkurrenten, die ihre Kletterqualitäten mit besonders starken Leistungen gegen die Uhr verbinden, könnte er wertvolle Zeit verlieren.
Die Organisatoren haben insgesamt sechs Bergetappen vorgesehen. Allerdings enden lediglich drei davon mit einer Bergankunft: am Grand Colombier, in Les Saisies und am Col du Portet. Während die Alpen bereits in der ersten Rennhälfte durchfahren werden, stehen die Pyrenäen vor allem in den letzten Tagen im Mittelpunkt. Insbesondere die Ankunft am Col du Portet könnte für den Ausgang der Gesamtwertung entscheidend werden.
An der Schwierigkeit der Strecke besteht dennoch kein Zweifel. Insgesamt rechnen die Veranstalter mit 53.450 Höhenmetern. Allerdings bietet nicht jeder Anstieg einem Fahrer wie Mas automatisch die Gelegenheit, größere Zeitabstände herauszufahren. Sollte er in den beiden langen Einzelzeitfahren Rückstände kassieren, müsste er diese in den Bergen durch offensive Fahrweise wieder aufholen. Das könnte Angriffe aus größerer Entfernung und ein höheres taktisches Risiko erforderlich machen.
Genau darin liegt das Problem für Movistar: Die Tour bietet zwar zahlreiche anspruchsvolle Anstiege, doch die Kombination aus langen Zeitfahren und vergleichsweise wenigen Bergankünften könnte Fahrern mit einem ausgewogeneren Leistungsprofil entgegenkommen. Für Mas wäre es deshalb möglicherweise sinnvoller, seine Saisonplanung nicht ausschließlich am größten Rennen des Kalenders auszurichten.
Vuelta a Espana 2027: Die Titelverteidigung muss oberste Priorität haben
Ein Rennen dürfte dagegen praktisch unverzichtbar sein: die Vuelta a Espana. Nach seinem Gesamtsieg 2026 wird Mas als Titelverteidiger an den Start gehen wollen. Der Triumph bei seiner Heimatrundfahrt war nicht nur ein persönlicher Meilenstein, sondern auch für Movistar Team von enormer Bedeutung. Die spanische Mannschaft feierte damit ihren ersten Grand-Tour-Gesamtsieg seit Richard Carapaz' Erfolg beim Giro d'Italia 2019.
Mit dem Gesamtsieg und seinem Etappenerfolg am Alto de Aitana bewies Mas, dass er auch nach Jahren ohne Grand-Tour-Triumph weiterhin in der Lage ist, eine dreiwöchige Rundfahrt für sich zu entscheiden. Die Vuelta sollte deshalb den zentralen Orientierungspunkt seiner Vorbereitung auf 2027 bilden. Dort bietet sich ihm die Gelegenheit, seinen Titel zu verteidigen und seine wiedergewonnene Stellung unter den besten Rundfahrern zu festigen.
Allerdings bringt die Rolle des Titelverteidigers neue Herausforderungen mit sich. Seine Konkurrenten kennen nun die Stärken des Spaniers noch genauer und können ihre Taktik gezielt darauf abstimmen. Dennoch hat Mas auf heimischem Terrain bereits gezeigt, dass er sich gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen kann. Sein zweiter Platz bei der Lombardei-Rundfahrt deutet zudem darauf hin, dass er nicht nur bei Grand Tours, sondern auch bei den wichtigsten Eintagesrennen wieder um Siege kämpfen kann.
Für Movistar geht es deshalb um weit mehr als die Frage, bei welcher Grand Tour der Kapitän antritt. Die Mannschaft muss den sportlichen Aufschwung aus der Saison 2026 nutzen und ihre Ressourcen so einsetzen, dass Mas möglichst gute Voraussetzungen für einen weiteren Gesamtsieg erhält. Die Titelverteidigung bei der Vuelta wäre dabei das naheliegende Hauptziel.
Giro d'Italia 2027: Hochgebirge statt langer Zeitfahren als große Chance
Als Alternative zur Tour de France rückt der Giro d'Italia zunehmend in den Mittelpunkt. Die offizielle Streckenpräsentation ist für den 3. November angesetzt. Schon jetzt deuten erste Berichte darauf hin, dass die Italien-Rundfahrt 2027 besonders anspruchsvolle Etappen in den Alpen und Dolomiten bieten könnte. Unter den möglichen Anstiegen werden der Mortirolo, der Gavia und der Zoncolan genannt.
Auch eine außergewöhnlich schwere Schlusswoche steht im Raum. Demnach könnte eine Etappe nahezu 6.000 Höhenmeter umfassen. Sollten sich diese Informationen bestätigen, wäre der Giro für einen ausgeprägten Kletterer wie Mas möglicherweise deutlich attraktiver als die Tour de France.
Eine Strecke mit zahlreichen langen Hochgebirgsanstiegen würde dem Spanier ermöglichen, seine größten Stärken gezielt einzusetzen. Statt auf insgesamt 71 Zeitfahrkilometern gegen Spezialisten bestehen zu müssen, könnte er sich auf jene Etappen konzentrieren, auf denen er seine entscheidenden Vorteile besitzt. Wie groß dieser Unterschied tatsächlich ausfällt, hängt allerdings von der endgültigen Streckenführung und insbesondere vom Umfang der Zeitfahren beim Giro ab.
Von besonderer Bedeutung wäre eine schwere letzte Rennwoche. Bei einer dreiwöchigen Rundfahrt können mehrere aufeinanderfolgende Hochgebirgsetappen die Gesamtwertung noch einmal grundlegend verändern. Wenn die Ermüdung nach mehr als zwei Wochen Renneinsatz zunimmt, gewinnen Ausdauer, Regenerationsfähigkeit und Kletterstärke zusätzlich an Bedeutung. Ein solches Szenario könnte Mas entgegenkommen.
Allerdings ist Vorsicht geboten: Die genannten Anstiege und Etappendetails sind bislang nicht offiziell bestätigt. Erst die Streckenpräsentation am 3. November wird zeigen, welche Berge tatsächlich auf dem Programm stehen, wie viele Kilometer gegen die Uhr gefahren werden müssen und wie sich die entscheidenden Etappen verteilen. Die bisher bekannten Hinweise machen den Giro dennoch zu einer ernsthaften Option für die Saisonplanung des Movistar-Kapitäns.
Giro und Vuelta statt Tour: Warum die Doppelstrategie sinnvoll sein könnte
Eine Kombination aus Giro d'Italia und Vuelta a Espana würde Mas die Möglichkeit geben, zwei Grand Tours mit unterschiedlichen Zielsetzungen zu bestreiten. Beim Giro könnte er zunächst einen Angriff auf die Gesamtwertung unternehmen, sofern die endgültige Strecke tatsächlich besonders berglastig ausfällt. Anschließend bliebe ihm der Sommer, um sich zu erholen und gezielt auf die Titelverteidigung bei der Vuelta vorzubereiten.
Zugleich würde ein solcher Rennkalender verhindern, dass die Tour de France die gesamte erste Saisonhälfte bestimmt. Die Frankreich-Rundfahrt ist zwar das prestigeträchtigste Rennen des Radsports und zieht die größte mediale Aufmerksamkeit auf sich. Doch allein ihre Bedeutung sollte nicht ausschlaggebend dafür sein, welche Rennen ein Fahrer bestreitet. Entscheidend muss sein, wo seine Chancen auf sportlichen Erfolg am größten sind.
Für Movistar wäre es daher durchaus nachvollziehbar, Mas gezielt bei jenen Grand Tours einzusetzen, deren Streckenprofil seinen Fähigkeiten besonders entgegenkommt. Ein Tour-Verzicht müsste nicht als Rückzug verstanden werden, sondern könnte Ausdruck einer bewussten sportlichen Schwerpunktsetzung sein.
Natürlich wäre auch die Kombination aus Giro und Vuelta mit erheblichen Belastungen verbunden. Zwei dreiwöchige Rundfahrten innerhalb einer Saison verlangen eine präzise Abstimmung von Training, Erholung und Wettkampfprogramm. Selbst eine ideale Streckenführung garantiert keinen Erfolg. Entscheidend wird sein, wie Mas durch die ersten Saisonmonate kommt und ob er seine starke Form aus dem Jahr 2026 bestätigen kann.
Dennoch spricht nach seinem Vuelta-Triumph einiges dafür, die Vorbereitung konsequent auf erneute Grand-Tour-Erfolge auszurichten. Sollte die Italien-Rundfahrt tatsächlich die erwarteten schweren Hochgebirgsetappen bieten, könnte sie sich als sinnvollerer erster Saisonhöhepunkt erweisen als die Tour de France.
Movistar steht vor einer Grundsatzentscheidung für seinen Kapitän
Für Movistar Team bietet die Saison 2027 die Gelegenheit, auf einem der größten Erfolge der jüngeren Teamgeschichte aufzubauen. Mit seinem Vuelta-Gesamtsieg hat Enric Mas bewiesen, dass er weiterhin eine Grand Tour gewinnen kann. Sein zweiter Platz bei der Lombardei-Rundfahrt zeigt zudem, dass seine wiedergewonnene Leistungsfähigkeit nicht auf dreiwöchige Rundfahrten beschränkt ist.
Die Herausforderung für die sportliche Leitung besteht nun darin, diesen Aufschwung in einen möglichst erfolgversprechenden Rennkalender zu übersetzen. Die Tour de France bleibt für Movistar selbstverständlich ein wichtiges Rennen. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass auch Mas dort seine besten Chancen auf ein Spitzenergebnis hat.
Sollte der Giro d'Italia 2027 tatsächlich die erwarteten anspruchsvollen Alpen- und Dolomitenetappen bieten, könnte er für den Spanier die attraktivere Alternative darstellen. Die Vuelta bliebe als Titelverteidigung das wichtigste Saisonziel, während der Giro eine zusätzliche Gelegenheit eröffnen würde, um den Gesamtsieg bei einer Grand Tour zu kämpfen.
| Grand Tour | Empfehlung für Enric Mas | Hauptgrund |
| Giro d'Italia | Auf die Gesamtwertung fahren | Erwartete Bergstrecke mit großen Anstiegen und einer anspruchsvollen Schlusswoche |
| Tour de France | Diese Grand Tour sollte er auslassen | 71 km Einzelzeitfahren und eine Strecke, die stärkeren Zeitfahrern entgegenkommen könnte |
| Vuelta a España | Klare Priorität | Den Titel von 2026 verteidigen und an den Grand-Tour-Erfolg von Movistar Team anknüpfen |
Noch ist keine Entscheidung gefallen. Team und Fahrer werden die endgültige Streckenführung des Giro ebenso berücksichtigen müssen wie die Entwicklung seiner Form während der Wintervorbereitung. Doch eines zeichnet sich bereits ab: Nach seinem erfolgreichen Comeback an der Spitze des Rundfahrtsports muss Enric Mas nicht um jeden Preis zur Tour de France zurückkehren. Für Movistar könnte der mutigere und sportlich sinnvollere Weg 2027 über Italien und Spanien führen.