„Topfahrer wie Pogacar, Vingegaard oder Del Toro haben keine Schwächen mehr“ – Stefan Küng sieht die Ära rätselhafter Figuren vom Schlag Thibaut Pinot zu Ende gehen

Radsport
Dienstag, 24 Februar 2026 um 21:30
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Für Stefan Küng liegt der Unterschied zwischen Siegen und bloßer Präsenz in den Frühjahrsklassikern nicht mehr nur in der Form. Er ist strukturell. Der Schweizer ist überzeugt, dass die Elite des Radsports zu etwas deutlich Schwererem aufgebrochen ist, mit Stars, die fast immun gegen jene Schwächen wirken, die einst selbst die größten Champions prägten.
Im Gespräch mit Wieler Revue zeichnete Küng ein schonungsloses Bild des modernen Pelotons.
„Die Topfahrer haben keine Schwächen mehr. Ich denke vor allem an Pogacar, aber ebenso an Jonas Vingegaard oder Isaac Del Toro.“
Es ist nicht nur Bewunderung für Talent. Es ist Anerkennung von Vollständigkeit.

Von genial mit Makeln zu nahezu perfekt

Küngs Referenz ist aufschlussreich. Er fuhr bei Groupama - FDJ an der Seite von Thibaut Pinot, einem Fahrer mit atemberaubenden Bergsiegen und einem Monument-Triumph bei Il Lombardia 2018. Pinot war einer der reinsten Kletterer seiner Generation und stand 2014 auf dem Podium der Tour de France.
Doch er hatte auch klar erkennbare Verwundbarkeiten.
Bei der Tour 2014 verlor Pinot Rang zwei im langen Einzelzeitfahren der 20. Etappe, was eine langjährige Wahrnehmung zementierte: Bei all seiner Kletterbrillanz konnte er gegen die Uhr entblößt werden. Diese Dualität, immense Stärke gepaart mit sichtbarer Schwäche, machte ihn fesselnd und unberechenbar.
Küng sieht diesen Archetyp im Schwinden. „Ich bin früher mit Thibaut Pinot gefahren. Er hatte enorme Qualitäten, aber auch Schwächen“, erklärte er. „Die modernen Topfahrer haben keine Schwächen mehr.“
Die Folgerung ist klar. Wo Pinot in den Bergen flog und im Zeitfahren strauchelte, können heutige Leader beides.

Die Blaupause des kompletten Fahrers

Man denke an Tadej Pogacar. In den vergangenen Saisons gewann er die Tour de France, bezwang Kopfsteinpflaster-Monumente wie die Flandern-Rundfahrt, dominierte Il Lombardia und lieferte in Grand Tours entscheidende Zeitfahren. Er ist auf steilen, explosiven Anstiegen, langen Alpenpässen, auf dem Pflaster und gegen die Uhr konkurrenzfähig.
Ähnliches gilt für Jonas Vingegaard. Einst vor allem als reiner Kletterer gesehen, zerlegte Vingegaard im Tour-de-France-Zeitfahren 2023 nach Combloux das Feld, schlug Pogacar um mehr als eine Minute und machte den Gesamtsieg praktisch klar. Sein Zeitfahren, seine Positionierung und die Windkantenresistenz haben sich seit den frühen WorldTour-Jahren deutlich verbessert.
Selbst der jüngste von Küng genannte Name, Isaac Del Toro, hat bereits Breite gezeigt. Ein Giro-d’Italia-Etappensieger und Gesamtdritter im Jahr 2025, holte Del Toro auch hügelige Eintageserfolge wie Milano-Torino und zeigt zunehmende Stärke gegen die Uhr. Sein Profil vereint Grand-Tour-Härte und klassikerhafte Explosivität noch vor seinem 23. Geburtstag.
„Sie können Zeitfahren, sie wissen, wie man sich im Feld positioniert, sie können im Seitenwind fahren“, sagte Küng. „Natürlich können sie sich auf ein starkes Team stützen, aber ihr Skillset ist sehr breit. Das ist ein großer Unterschied im Vergleich zu vor zehn Jahren.“

Der schrumpfende Spielraum in den Klassikern

Für Küng hat diese Entwicklung praktische Folgen.
Der Leader von Tudor Pro Cycling hat seine Karriere auf Konstanz gebaut. Er stand in Paris–Roubaix auf dem Podium, sammelte EM-Titel im Zeitfahren und fuhr in den härtesten Eintagesrennen des Sports immer wieder in die Top Fünf. Er ist fast immer dabei.
Doch im Zeitalter nahezu fehlerfreier Superstars reicht „fast“ komplett selten aus.
Selbst beim Omloop Het Nieuwsblad, wo er im vergangenen Jahr im letzten Kilometer gestellt wurde, weiß Küng um die Quoten. „Neun von zehn Mal werden sie besser sein als ich, aber ich fokussiere mich auf das eine Mal, wenn es passiert, dass einer von ihnen nicht gewinnt. In den Klassikern weißt du nie, was passiert. Das macht diese Rennen so besonders.“
Es ist beides: Realismus und Trotz. „Ich stand in einigen Rennen auf dem Podium, und in fast allen war ich irgendwann in den Top Fünf. Wenn du immer da bist, wird es irgendwann für dich fallen. So ein Moment kann eine Karriere prägen. Die Chance mag gegen Van der Poel und Pogacar sehr klein sein, aber man muss immer weiter glauben.“

Das Ende sichtbarer Schwächen?

Ob die Ära der Pinot’schen Brillanz tatsächlich vorbei ist, bleibt diskutierbar. Auch heutige Champions haben schlechte Tage, Pech oder taktische Fehltritte. Doch was Küng beschreibt, ist schwer von der Hand zu weisen: Der Spielraum, den eine einzelne ausnutzbare Schwäche eröffnete, ist dramatisch geschrumpft.
Zeitfahren hebeln Kletterer nicht mehr zuverlässig aus. Windkanten stellen Bergspezialisten nicht mehr verlässlich bloß. Kopfsteinpflaster sortiert Grand-Tour-Anwärter nicht mehr automatisch aus.
In diesem Sinn sind Küngs Worte weniger Nostalgie als Anpassung. 2026 zu gewinnen heißt nicht mehr, in einer Disziplin stark zu sein. Es heißt, überall stark zu sein.
Für Fahrer wie Küng nimmt diese Realität den Glauben nicht. Sie definiert nur die Wahrscheinlichkeiten neu.
Und in den Frühjahrsklassikern, wo das Chaos weiter regiert, reicht manchmal eine von zehn Chancen.
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