Nils Politt weiß, wie viel Planung in eine
Tour de France-Etappe mit
Tadej Pogacar fließt. Er weiß aber auch, wie schnell diese Pläne flexibel werden, sobald der Leader von UAE Team Emirates – XRG eine Lücke wittert.
Politt startet am Wochenende in Barcelona zu seiner zehnten Tour in Serie, und zur dritten als einer von Pogacars engsten Adjutanten. Seit seinem Wechsel zu UAE 2024 ist der Deutsche auf der Straße Kapitän, Motor und Bodyguard in Personalunion für den Titelverteidiger. Er arbeitet für ihn durch die Klassiker, die Tour und über nervöses Terrain, auf dem Positionierung so viel zählt wie Kletterbeine.
Im Gespräch mit der Sportschau vor der Tour 2026 gewährte Politt Einblicke in die Dynamik im UAE-Bus, wenn Pogacars Attackeninstinkt schon Teil der Tagesordnung ist.
„In der Etappenbesprechung bekommt jeder seine Aufgabe“, sagte Politt. „Wobei es Tage gibt, an denen wir ohnehin wissen, was von uns verlangt wird, und dann fragt unser Sportdirektor: Tadej, wann greifst du diesmal an? Tadej antwortet dann natürlich. Aber manchmal ändert er im Rennen seine Meinung je nach Situation. Das heißt, man muss für ihn nicht zwingend eine ausgefeilte Tagesstrategie entwickeln.“
„Manchmal müssen wir ihn auch bremsen“
Pogacar startet die Tour auf der Jagd nach dem fünften Gelben Trikot. Politt gehört erneut zu den Fahrern, die ihn vor Schwierigkeiten bewahren sollen, bis die Momente kommen, in denen der Slowene selbst den Unterschied macht.
Die eigene Vorbereitung des Deutschen ist genau darauf ausgerichtet: Höhentraining in der Sierra Nevada, die Katalonien-Rundfahrt und nun der Auftakt in Barcelona, wo das Mannschaftszeitfahren gleich zu Beginn Abstände reißen kann. Politt reist zudem als deutscher Zeitfahrmeister an und ist damit einer der Schlüsselakteure von UAE für den ersten großen Test des Rennens.
„Meine Aufgabe ist zu helfen“, sagte er. „Und konkret Tadej Pogacar zu helfen, der in meinen Augen aktuell der beste Berufsradfahrer der Welt ist, der Titelverteidiger. Für die anderen sieben Fahrer meines Teams, UAE Team Emirates – XRG, geht es darum, Tadej aus allem Stress herauszuhalten.“
Dieser Schutz bedeutet mehr, als Pogacar vor Wind, Stürzen oder Positionskämpfen abzuschirmen. Politt beschreibt den Slowenen als entspannt, witzig und prägend für die Atmosphäre im Team. Doch es gibt Momente, in denen UAE seinen Leader vor unnötigen Risiken bewahren muss.
„Tadej fragt mich bei kniffligen Dingen auch mal um Rat“, erklärte Politt. „Manchmal müssen wir ihn bremsen, wenn er zu viel will, etwa wenn er in einem Sprint mitmischen möchte. Das soll er lieber lassen, das ist für einen Gesamtwertungsfahrer viel zu gefährlich.“
Politt hat das aus nächster Nähe über zwei Tour-Saisons mit Pogacar erlebt. Der 32-Jährige war vor seinem Wechsel zu UAE bereits Tour-Etappensieger und deutscher Straßenmeister, doch seine aktuelle Rolle führt ihn mitten hinein in eines der dominanten Teams der Moderne. „Ich genieße die Rolle als Helfer für den besten Fahrer im besten Team der Welt sehr“, sagte Politt. „Zumal wir sehr oft mit Siegen von Tadej belohnt werden. Es ist einfach schön, dabei zu sein, wenn ein Fahrer deines Teams die Tour gewinnt.“
Politt ist in den vergangenen Jahren ein zentraler Helfer Pogacars gewesen
Politt: „Ich kann nur staunen“
Für die UAE-Helfer öffnen sich dennoch gelegentlich Fenster, wie Tim Wellens’ Ausreißersieg im Vorjahr zeigte. Politt macht aber klar, wo die Priorität liegt. Seine eigenen Ambitionen laufen über Pogacars Schutz, die Kontrolle von Etappen und den Einsatz seiner PS, wenn das Team sie am dringendsten braucht.
„Wir können nicht jede zweite Etappe angreifen und in eine Gruppe gehen“, sagte er. „Stattdessen bleiben wir im Feld und kümmern uns dort um Tadej. Als Fahrer kann man auch nicht auf 100 Hochzeiten tanzen. Die Hauptaufgabe ist, den Mann für die Gesamtwertung zu unterstützen.“
Pogacars Dominanz lässt Politt dennoch zur simpelsten Erklärung greifen. Vier Toursiege, das Regenbogentrikot, Frühlingsklassiker-Erfolge und der nächste Anlauf auf Gelb 2026 lassen selbst Teamkollegen von einem Ausnahmeathleten sprechen. „Im Sport gibt es immer diese unerklärlichen Überflieger-Phänomene“, sagte Politt. „Tadej ist eines dieser Phänomene. Ich kann nur staunen.“
Jonas Vingegaard bleibt der größte Gegner. Der Leader von Team Visma | Lease a Bike gewann im Mai den Giro d’Italia und kommt als einziger Fahrer im Feld mit zwei Gelben Trikots gegen Pogacar direkt zum Duell zur Tour zurück.
„Er war beim Giro überragend“, sagte Politt. „Jetzt geht es für ihn darum, sich richtig zu erholen. Jonas ist in den vergangenen Jahren insgesamt viel stärker geworden, er hat hart an sich gearbeitet. Ihn zu schlagen, wird nicht einfach. Aber Tadej hat ein riesiges Repertoire an Möglichkeiten.“
Politt ist überzeugt, dass UAE das stärkste Team im Rennen stellt, um dieses Spektrum zu unterstützen. Um Pogacar gruppieren sich Adam Yates, Tim Wellens, Brandon McNulty, Florian Vermeersch, Felix Grossschartner, Isaac del Toro und Politt selbst. Del Toros Tour-Debüt erweitert die Optionen in den Bergen nochmals.
„Mit dem Mexikaner Isaac del Toro haben wir bei seinem Tour-Debüt einen phänomenalen Helfer für die Berge“, sagte Politt. „Del Toro ist erst 22, hat Mitte Juni die harte Tour Auvergne-Rhône-Alpes gewonnen und kann trotz seiner Helferrolle für Pogacar in die Top fünf der Tour-Gesamtwertung fahren.“
Die erste Prüfung folgt sofort in Barcelona. Das Mannschaftszeitfahren liegt Politts Kraftprofil und gibt UAE zugleich die frühe Chance, Pogacar in Front zu bringen, bevor das Rennen sich öffnet für Attacken, Instinkt und Improvisation, auf die sich die Konkurrenz bereits eingestellt hat.