„Es ist kein Fußball“ – Adrie van der Poel glaubt, dass belgische Fans zu viel Druck auf ihre Stars ausüben

Radsport
Donnerstag, 02 Juli 2026 um 13:00
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Nach objektiven Maßstäben verkörpern Remco Evenepoel und Wout Van Aert die absolute Spitze des Radsports unserer Generation. Dennoch wirkt die öffentliche Wahrnehmung der beiden Stars in Belgien bemerkenswert unterkühlt.
Zumindest ist das das Empfinden von Adrie van der Poel, Vater von Mathieu und David, der enge Verbindungen zu Belgien pflegt, auch wenn er in den Niederlanden lebt.
„Evenepoel und Van Aert haben ein Palmarès, von dem die meisten Fahrer nur träumen können“, sagt Adrie in seiner Analyse für Wieler Revue.
Er stellt fest, dass beide an unrealistisch hohen Maßstäben gemessen werden, die, sobald sie nicht erfüllt werden, eine Welle der Kritik auslösen. „Wenn sie zwei Wochen neben der Spur sind, suchen die Leute sofort nach allem, was sie falsch gemacht haben.“

Für Größe bestraft

Das geht dem niederländischen Ex-Profi gegen den Strich. Er findet, dass die Leistungen dieser Ausnahmekönner viel zu schnell als selbstverständlich abgetan werden.
Und wenn Erwartungen und Realität auseinandergehen, wird der Sturz umso härter. „Das haben sie absolut nicht verdient“, ergänzt er entschlossen.
Mathieu van der Poel bei der Tour de Suisse 2026
Mathieu van der Poel steht scheinbar unter deutlich weniger Druck als seine belgischen Rivalen

Geheime Waffe: niederländischer Pass

Im Gegensatz dazu fährt Adriese Sohn Mathieu scheinbar ohne erkennbaren Druck des niederländischen Publikums. Dabei sind die Erwartungen an den siebenfachen Cross-Weltmeister keineswegs geringer.
„Ich denke, es hilft, dass er einen niederländischen Pass hat“, meint Adrie. Geboren im belgischen Kapellen, hätte Mathieu auch belgische Farben wählen können, oder über die Mutter sogar französische, doch es gab nie ernsthafte Zweifel, dass der Name Van der Poel mit den Niederlanden verbunden bleibt.
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Wout Van Aert verliert den Sprint gegen Neilson Powless

Der Sport ist zu komplex

Zurück zur Rennpraxis kritisiert Adrie jene, die glauben, die Taktik der Fahrer von außen durchschauen zu können. Aus seiner Sicht unterschätzen Außenstehende vor allem die enorme Komplexität großer Rundfahrten. Kritiker vergessen oft, dass ein Rennen kein geradliniges Sportereignis ist.
„Es ist kein Fußball“, betont er. „Es ist nicht A gegen B. Es gibt zwanzig Teams, alle mit eigenen Interessen. Jedes Team hat sein Ziel“, fügt er an. Die einen fahren aufs Gesamtklassement, andere auf Etappensiege, wieder andere auf Sonderwertungen. Das alles führt zu mitunter chaotischer Rennaktion.
Diese taktischen Abwägungen zeigen sich auch deutlich bei den unterschiedlichen Entscheidungen der Topfahrer. So vergleicht er die Sprintarbeit des fehlenden Van Aert mit der von Mathieu. „Wout sprintet auch in Massensprints und bei Zwischensprints“, analysiert Adrie. „Mathieu macht das nicht mehr.“
Aus seiner Sicht ist das eine sehr bewusste Maßnahme zur Energiekonservierung im modernen, gnadenlosen Peloton. „Er denkt: Warum soll ich gegen Jungs wie Milan ein Risiko eingehen? Ich spare lieber Kraft, um zwei Tage später meine eigene Etappe zu gewinnen.“
Gleichzeitig genießt Adrie die schiere Klasse der Konkurrenz, die solche Risiken eingeht oder das Gesamtklassement dominiert. Besonders eindeutig äußert er sich zu Tadej Pogacar: „Was er macht, ist unglaublich beeindruckend.“
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