Jonas Vingegaard hat weder die Dimension von Tadej Pogacars Leistungen noch die Herausforderung kleingeredet, die im Sommer bei der
Tour de France auf ihn wartet.
Vor seinem Debüt beim Giro d’Italia erinnerte der Däne jedoch auch daran, dass in der modernen Ära kein Fahrer Pogacar über drei Wochen so konstant unter Druck gesetzt hat wie er.
„Tadej ist vielleicht der Beste aller Zeiten“
„Tadej ist vielleicht der Beste aller Zeiten“, sagte Vingegaard gegenüber
La Gazzetta dello Sport. „Aber ich habe ihn schon geschlagen und ich vertraue darauf, dass ich es wieder kann.“
Jonas Vingegaard will beim Giro d’Italia den letzten fehlenden Grand-Tour-Titel seiner Karriere gewinnen
Diese Aussage klingt 2026 anders als noch vor zwölf Monaten. Pogacar reist weiter als amtierender Tour-de-France-Sieger durch eine Saison, in der er große Teile des Sports dominiert. Vingegaard aber kommt zum Giro mit dem Gefühl, dass ihn gerade diese neue Herausforderung wieder an sein absolutes Topniveau führen kann.
Jahrelang folgte Vingegaards Saisonplanung einem bekannten Muster rund um die Tour de France. 2026 hat er diesen Ansatz bewusst aufgebrochen.
„Mehrere Jahre war mein Rennprogramm sehr ähnlich. Ich spürte die Notwendigkeit, etwas zu ändern“, erklärte er. „Der Giro ist ein großes Ziel, und ich bin überzeugt, dass ich durch diese Wochen auch zur Tour in Topform komme. Aber im Moment gilt mein Fokus allein dem Rosa Trikot.“
Dieser Kurswechsel erklärt nicht nur seinen Zugang zum Giro, sondern auch die Entschlossenheit, mit der
Visma - Lease a Bike die Italien-Rundfahrt angeht. Das Rennen ist für Vingegaard kein verkappter Vorbereitungsblock und kein reduziertes Programm im Grand-Tour-Format. Er benennt den Giro offen als echtes Ziel – und zugleich als Teil eines größeren Plans, im Sommer erneut das Maillot Jaune zu erobern.
Sollte Vingegaard in Rom triumphieren, würde er einen historischen Meilenstein erreichen. Nach zwei Tour-de-France-Siegen und dem Gewinn der Vuelta a España fehlt ihm nur noch der Giro, um alle drei Grand Tours gewonnen zu haben. „Diese Triple Crown zu erreichen, ist ein Ziel für mich … und damit hat es sich“, sagte Vingegaard. „Es bedeutet, ein Stück Geschichte zu schreiben.“
Respekt vor Pogacar, Vertrauen in die eigene Stärke
Die Rivalität zwischen Vingegaard und Pogacar prägt das moderne Grand-Tour-Geschehen wie keine andere. In den vergangenen fünf Austragungen der Tour de France belegten die beiden jeweils die ersten beiden Plätze. Pogacar gewann 2021, 2024 und 2025, Vingegaard siegte 2022 und 2023 zweimal in Folge.
Pogacars jüngste Dominanz hat den Eindruck weiter verstärkt, dass der Slowene aktuell allein über dem Rest des Pelotons steht. Vingegaard widerspricht diesem Bild nicht grundsätzlich. Seine Worte tragen dennoch eine stille Zuversicht – gespeist aus Erfahrung, nicht aus Überheblichkeit.
Denn Vingegaard bleibt der einzige Fahrer seiner Generation, der Pogacar über eine komplette Tour de France wiederholt bezwungen hat. Dieses Wissen bildet den Kern seines Selbstvertrauens vor dem nächsten großen Duell.
Hinzu kommt, dass sich der Däne nach eigener Einschätzung endlich aus den Nachwirkungen seines schweren Sturzes bei der Baskenland-Rundfahrt vor zwei Jahren gelöst hat.
„Ich fürchtete das Schlimmste“
Auf die Frage, ob er körperlich wieder auf seinem besten Niveau sei, gab Vingegaard offen zu, dass der Weg zurück deutlich länger dauerte, als viele von außen vermutet hatten.
„Ja, es war nicht leicht, nach etwas zurückzukommen, das mir das Schlimmste befürchten ließ – sogar die Angst, nie wieder aufs Rad zu steigen“, sagte er. „Es brauchte Zeit. Zwei Jahre, ja.“
Auch die emotionale Dimension dieser Rückkehr wurde im Gespräch deutlich. „Wenn du mich fragst, wo ich Motivation gefunden habe: in der Freude, die mir dieser Sport bereitet“, erklärte der Däne. „Das ist eine Phase, in der ich ernsthaft wieder mit großem Vertrauen nach vorn blicke – mit der Hoffnung, noch besser werden zu können.“
Genau darin könnte der Schlüssel für die kommenden Monate liegen. Der Giro ist für Vingegaard nicht einfach ein weiterer Programmpunkt im Kalender. Es ist das Rennen, von dem er glaubt, dass es ihn neu entfacht hat.
Ein Giro voller Gefahren
Bevor sich der Blick vollständig auf den Juli richtet, gilt Vingegaards Konzentration jedoch Italien – und einer Giro-Strecke, die er als besonders gefährlich und unberechenbar einstuft.
„Ich halte ihn für unvorhersehbarer“, sagte er im Vergleich zu Tour und Vuelta. „Man muss jeden Tag bereit sein, denn die Überraschungen können, mehr als anderswo, überall lauern.“
Der Däne verwies dabei besonders auf die Auftaktetappen in Bulgarien sowie auf Schlüsselprüfungen wie Blockhaus, Corno alle Scale und die Dolomiten-Etappen, auf denen große Zeitabstände entstehen könnten. „In Bulgarien müssen wir auf den Wind achten“, erklärte er. „Unter bestimmten Umständen können sehr große Zeitlücken entstehen.“
Diese Einschätzung fällt in eine Phase, in der das Starterfeld kurz vor dem Giro weiter an Tiefe verloren hat. Joao Almeida, von vielen als einer der größten Herausforderer Vingegaards gesehen, musste krankheitsbedingt absagen. Mikel Landa fehlt nach seinem Sturz bei der Baskenland-Rundfahrt, auch der frühere Maglia-Rosa-Sieger Richard Carapaz sagte nach verzögerter Genesung infolge einer Operation ab.
Diese Ausfälle verstärken den Eindruck, dass Vingegaard als klarer Topfavorit auf das Rosa Trikot anreist. Der Däne selbst will von einem ungefährlichen Gegnerfeld jedoch nichts wissen.
„Es gibt viele“, sagte er auf die Frage nach seinen größten Rivalen. „Adam Yates, Pellizzari, Bernal, O’Connor, Gall. Ich brauche meine beste Version, um zu gewinnen.“
Der Giro mag rund um Vingegaard offener wirken, als es die Favoritenlage zunächst vermuten lässt. Aus Sicht des Dänen verlangt das Rennen dennoch totale Konzentration – lange bevor im Juli das nächste große Kräftemessen mit Pogacar wartet.