Einer der bekanntesten Namen des modernen Radsports könnte vollständig aus dem Peloton verschwinden, nachdem führende Verantwortliche des frisch umbenannten Netcompany INEOS Cycling Team bestätigt haben, dass sie bereits nach einem weiteren großen Titelsponsor suchen.
Die britische WorldTour-Mannschaft hat erst in dieser Woche beim Giro d’Italia ihre neuen grünen und grauen Farben präsentiert, nachdem der dänische Software- und KI-Anbieter Netcompany eingestiegen ist. Die jüngsten Aussagen deuten jedoch darauf hin, dass das Rebranding nicht die letzte Stufe der Transformation sein muss.
Im Podcast Leaders Worth Knowing erklärte Tom Hill, Chief Commercial Officer des Teams, man halte bereits Ausschau nach einem zusätzlichen Co-Titelpartner neben Netcompany. „Wir haben Netcompany als unseren ersten namensgebenden Co-Titelpartner, aber wir gehen erneut an den Markt, um einen zweiten Co-Titelpartner zu finden“, so Hill.
Das nährt umgehend die Aussicht, dass der Name INEOS trotz der weiteren Beteiligung von Teameigner Sir Jim Ratcliffe im Hintergrund langfristig aus dem Teamtitel verschwinden könnte. Beim Blick auf mögliche künftige Namensvarianten sprach Hill von „Netcompany-X“, wobei das „X“ für einen weiteren Sponsor stünde. Für Radsportfans wäre das der nächste große Identitätswechsel bei einem der prägenden Teams der Moderne.
Von der Team-Sky-Dominanz zum nächsten Rebranding
Das Team stieg 2010 als Team Sky in die WorldTour ein, mit dem erklärten Ziel, einen britischen Tour-de-France-Sieger zu stellen. Zwei Jahre später erfüllte Bradley Wiggins genau dieses Ziel, ehe Chris Froome die Mannschaft zur dominanten Grand-Tour-Kraft formte.
Zwischen 2012 und 2019 gewann die Organisation sieben Mal die Tour de France – durch Wiggins, Froome, Geraint Thomas und Egan Bernal. Marginal Gains, Kontrollfahrweise und enorme finanzielle Stärke wurden zum Markenzeichen des Sky-Projekts in einer der erfolgreichsten Phasen, die ein Team im modernen Radsport erlebt hat. 2019 folgte nach dem Ende des Sky-Sponsorings der Übergang zu Team INEOS, ein Jahr später wurde daraus
INEOS Grenadiers.
Nun zeichnet sich jedoch die nächste Evolution ab. Hill betonte zwar, dass Ratcliffes Unternehmen dem Projekt langfristig treu bleibt, die Aussagen spiegeln jedoch auch das wachsende finanzielle Wettrüsten an der Spitze des Männer-Radsports wider.
„Ineos wird absolut als langfristiger Unterstützer an Bord bleiben, mit großem Interesse am Radsport. Das hat nie nachgelassen“, sagte Hill. „Sir Jim hat ein sehr leidenschaftliches Interesse am Radsport und war ein hervorragender Förderer und Unterstützer.“
Der moderne Kampf der WorldTour-Superteams
Der größere Kontext ist eine sich rasant wandelnde WorldTour-Landschaft. In den vergangenen Saisons haben UAE Team Emirates - XRG und Team Visma | Lease a Bike um Tadej Pogacar beziehungsweise Jonas Vingegaard die Grand Tours dominiert, während Teams wie Red Bull - BORA - hansgrohe, Lidl-Trek und Decathlon CMA CGM Team ihre Investitionen ebenfalls deutlich erhöht haben.
INEOS hingegen versucht seit einigen Jahren, die frühere Dominanz aus der Team-Sky-Ära wiederzufinden.
Das Team feierte weiterhin große Siege durch Fahrer wie Filippo Ganna, Carlos Rodriguez und Egan Bernal, doch einen Grand-Tour-Triumph gab es seit Bernals Erfolg beim Giro d’Italia 2021 nicht mehr.
Warum die Suche nach einem weiteren Sponsor zählt
Hill verknüpfte die zusätzliche Partnerschaft offen mit den langfristigen sportlichen Zielen. „Letztlich, wenn wir die finanzielle Basis verbreitern können, indem wir weitere Partner an Bord holen, die in das Team investieren, entsteht dieser positive Kreislauf: mehr Investition, bessere Fahrer, mehr Rennen gewinnen, mehr Sponsoren. Das ist für uns jetzt der nächste Schritt.“
Für ein Team, das einst für Stabilität und totale Kontrolle an der Spitze des Sports stand, hängt das nächste Kapitel nun davon ab, wie gut es Identität und Finanzmodell in der rasant eskalierenden Superteam-Ära des Radsports neu aufstellen kann.