„Selbst in meiner besten Form hätte ich mit Pogacar nicht mithalten können“ – Nairo Quintana zieht zum Karriereende Bilanz
Radsport
Nairo Quintana verabschiedet sich nach einer außergewöhnlichen Laufbahn vom professionellen Radsport. Der Kolumbianer, der über mehr als ein Jahrzehnt zu den prägenden Persönlichkeiten des internationalen Pelotons gehörte, blickt mit großer Zufriedenheit auf seine Karriere zurück. Seine Laufbahn war geprägt von prestigeträchtigen Siegen, der Begeisterung seiner Landsleute und unvergesslichen Duellen mit den besten Fahrern der Welt. Zum Abschied spricht der 36-Jährige über seine Rivalität mit Chris Froome, die außergewöhnliche Stärke von Tadej Pogacar und die Frage, ob ihn der verpasste Gesamtsieg bei der Tour de France bis heute beschäftigt.
In einem ausführlichen Interview mit MARCA ließ der Kletterspezialist des Movistar Teams seine Karriere Revue passieren. Dabei erinnerte er sich nicht nur an seine größten Erfolge, sondern auch an schwierige Phasen und sprach über die neuen Projekte, denen er sich nach seinem Rücktritt widmen möchte.
„Die Menschen lieben diesen Sport“ – Quintanas besonderer Abschied in Kolumbien
Besonders emotional war für Quintana der Abschied in seiner Heimat Kolumbien. Denn bei allem sportlichen Erfolg sind es nicht allein die Siege und Titel, die für ihn den Wert seiner Karriere ausmachen. Mindestens ebenso wichtig ist die tiefe Verbundenheit mit den Fans und das Gefühl, den Menschen in seinem Heimatland über viele Jahre Freude und Hoffnung geschenkt zu haben.

Nairo Quintana verabschiedet sich mit 36 Jahren vom professionellen Radsport. Der frühere Sieger des Giro d'Italia und der Vuelta a Espana blickt auf seine Duelle mit Chris Froome, den unerfüllten Traum vom Tour-de-France-Sieg und die außergewöhnliche Stärke von Tadej Pogacar zurück.
„Ich bin sehr, sehr glücklich. In unserem Land wurde der Radsport gelebt und geliebt. Die Menschen lieben diesen Sport. Es ist ein Land, das dringend Gründe zum Feiern braucht. Genau das konnten wir den Menschen in all den Jahren als Rennfahrer geben.“
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„Die Unterstützung der Fans bleibt“ – was Quintana von seiner Karriere mitnimmt
Wenn Quintana auf seine Jahre im Profipeloton zurückblickt, stehen für ihn vor allem die Menschen im Mittelpunkt, die ihn auf seinem Weg begleitet haben. Die Begeisterung und Zuneigung seiner Anhänger bedeuten ihm mindestens ebenso viel wie die großen sportlichen Erfolge, die seinen Namen weltweit bekannt gemacht haben.
„Das Beste waren all die Menschen, die mich unterstützt haben, und die Zuneigung, die sie mir entgegengebracht haben. Das war wunderbar. Die Titel sind natürlich wichtig, denn sie bleiben bestehen. Aber auch die Unterstützung der Fans bleibt.“
Natürlich verlief seine Karriere nicht ausschließlich erfolgreich. Auch Quintana musste Rückschläge und schwierige Lebensphasen bewältigen. Umso wichtiger ist ihm, dass er seine Laufbahn auf eine Weise beenden konnte, die seiner besonderen Verbindung zum kolumbianischen Radsport gerecht wurde.
„Und das Schlechte? Ja, es gab wirklich schwierige Zeiten. Aber wir konnten weitermachen und dieses Kapitel so abschließen, wie wir es getan haben: mit einem letzten Rennen in Italien und einem großartigen Fest für den kolumbianischen Radsport, umgeben von unseren Freunden und Fans. Das war etwas ganz Besonderes.“
Statt die schmerzhaften Momente in den Vordergrund zu stellen, erinnert sich Quintana deshalb lieber an diesen emotionalen Abschluss. Nach seinem letzten Rennen in Italien konnte er seine Karriere gemeinsam mit Freunden und Fans in Kolumbien feiern – ein Abschied, der für ihn weit über die sportlichen Ergebnisse hinausging.
Kein Tour-de-France-Sieg: Warum Quintana trotzdem nichts bereut
Eine Frage begleitet Quintana bis zum Ende seiner Karriere: Was wäre gewesen, wenn er die Tour de France gewonnen hätte? Während seiner erfolgreichsten Jahre war der Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt sein großes Ziel. Mehrfach gehörte er zu den stärksten Herausforderern, doch der entscheidende Triumph blieb ihm verwehrt. Während er sowohl den Giro d'Italia als auch die Vuelta a Espana gewinnen konnte, stand er in Paris nie als Sieger im Gelben Trikot.
Ob er seine beiden Grand-Tour-Erfolge gegen einen einzigen Gesamtsieg bei der Tour de France eintauschen würde, beantwortete der Kolumbianer dennoch ohne jedes Zögern mit Nein. Für ihn zählt vor allem die Gewissheit, während seiner Karriere alles versucht und seine Möglichkeiten vollständig ausgeschöpft zu haben.
„Nein. Ich sage immer, dass ich mein Bestes gegeben habe. Die Tour war natürlich immer das Ziel, und am Anfang meiner Karriere kamen wir ihr am nächsten. Ich habe alles dafür gegeben. Wenn ich das getan habe, bringt es nichts, mich zu fragen, was mir gefehlt hat, warum oder wozu. Ich bin mit meiner Karriere sehr glücklich; ich habe 100 Prozent gegeben. Und ich hatte immer Teams hinter mir, die mir halfen, dieses Ziel zu erreichen.“
Quintana betonte damit auch die Bedeutung der Mannschaften, die ihn auf seinem Weg begleitet und bei der Jagd nach dem größten Titel des Radsports unterstützt hatten. Sein persönliches Fazit fällt trotz des unerfüllten Traums eindeutig aus: Er verlässt den Profisport ohne Reue, weil er überzeugt ist, jede Gelegenheit nach bestem Wissen und Können genutzt zu haben.
Eusebio Unzue und Movistar: „Ich bin ihm von ganzem Herzen dankbar“
Kaum eine Verbindung hat Quintanas Karriere so nachhaltig geprägt wie die Zusammenarbeit mit dem Movistar Team und dessen langjährigem Manager Eusebio Unzue. Der Spanier spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Kolumbianers zu einem der besten Rundfahrer seiner Generation. Entsprechend groß ist die Dankbarkeit, die Quintana seinem langjährigen Wegbegleiter entgegenbringt.
Dabei geht es ihm nicht nur um seine persönlichen Erfolge. Aus seiner Sicht hat Unzue mit seiner Arbeit auch einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung und internationalen Anerkennung des kolumbianischen Radsports geleistet.
„Er kennt mich, seit ich zum Team gekommen bin, und wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis. Ich bin ihm unendlich dankbar, denn letztlich hat nicht nur Nairo von ihm profitiert. Auch der kolumbianische Radsport und all das, was er mit aufgebaut hat, all diese großen Erfolge, sind Eusebio und dem Team zu verdanken. Das hat uns verbunden. Ich habe größten Respekt vor Eusebio und bin ihm von ganzem Herzen dankbar. Ich bin sicher, dass unsere Freundschaft noch viele Jahre halten wird.“
Chris Froome: Der große Rivale, der Quintana immer wieder bezwang
Zu den prägendsten Kapiteln seiner Karriere gehören zweifellos die Duelle mit Chris Froome. Über mehrere Jahre lieferten sich die beiden bei den großen Rundfahrten packende Auseinandersetzungen, die eine ganze Ära des internationalen Radsports bestimmten.

Nairo Quintana und Chris Froome bei der Vuelta a Espana 2016.
Quintana räumt offen ein, dass der Brite in diesen Begegnungen meist die Oberhand behielt. Als entscheidende Faktoren nennt er insbesondere die außergewöhnliche Stärke von Froomes Mannschaft und seine eigenen Nachteile im Kampf gegen die Uhr. Im Zeitfahren verlor der Kolumbianer regelmäßig wertvolle Zeit, die er in den Bergen wieder aufholen musste.
„Er hat mich geschlagen, ja. Sie hatten das stärkste Team, und im Zeitfahren war ich deutlich im Nachteil. Das war für mich immer ein Handicap. Trotzdem konnte ich mein Bestes geben, mich verteidigen und eine gute Position sichern.“
Doch die sportliche Rivalität hat Quintanas Verhältnis zu Froome nicht dauerhaft bestimmt. Vielmehr entwickelte sich über die Jahre eine gegenseitige Wertschätzung, die für den Kolumbianer zu den besonders schönen Seiten des Profisports gehört.
„Er war hier, und wir haben miteinander gesprochen. Über die Rivalität hinaus ist das Schöne an diesem Sport, dass man Freunde findet. Auch die Fans wollten ihn sehen, denn viele Menschen ließen sich von diesen Fahrern inspirieren und motivieren, weiterzumachen. Schließlich braucht dieses Land Gründe zum Feiern und mutige Vorbilder, die den Menschen im Alltag Kraft geben können.“
„Unmöglich, völlig unmöglich“ – Quintana über einen Vergleich mit Tadej Pogacar
Besonders bemerkenswert fällt Quintanas Einschätzung aus, wenn er auf die aktuelle Generation der Spitzenfahrer angesprochen wird. Konkret ging es um die Frage, ob der Kolumbianer in seiner herausragenden Form des Jahres 2015 mit dem heutigen Tadej Pogacar hätte mithalten können.
Seine Antwort ließ keinerlei Raum für Zweifel. Selbst auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er zu den besten Kletterern der Welt gehörte, sieht Quintana keine realistische Möglichkeit, dem Slowenen auf Augenhöhe zu begegnen.
„Nein. Unmöglich, völlig unmöglich. Selbst in meiner besten Zeit hätte ich nicht mithalten können. Ich hatte meine damaligen Werte und konnte sie in den vergangenen Jahren sogar noch verbessern. Doch in der Gesamtwertung fiel ich immer weiter zurück. Damals konnte ich mit meiner Leistung sehr gute Rennen fahren und mich behaupten.“
Damit beschreibt Quintana eine Entwicklung, die er in seinen letzten Profijahren unmittelbar miterlebt hat. Obwohl er seine eigenen Leistungswerte teilweise sogar steigern konnte, reichte das zunehmend nicht mehr aus, um in den Gesamtwertungen mit den stärksten Fahrern mitzuhalten. Die Anforderungen an der absoluten Weltspitze hatten sich aus seiner Sicht deutlich verändert.
„Später fand ich selbst mit mehr Leistung meine Rolle als Helfer und konnte das Team unterstützen. Dann kam der Zeitpunkt aufzuhören. Wir trafen die Entscheidung vor zwei Jahren und verkündeten dieses Jahr bei der Volta a Catalunya, dass es meine letzte Saison sein würde. Mit 36 Jahren und nach einer langen Karriere war es an der Zeit, mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen, mich zu erholen und neue Projekte in Angriff zu nehmen.“
Sein Rücktritt war somit keine kurzfristige Entscheidung. Bereits zwei Jahre zuvor hatte Quintana gemeinsam mit seinem Umfeld beschlossen, dass 2026 seine letzte Saison werden sollte. Bei der Volta a Catalunya wurde der Abschied schließlich öffentlich bekannt gegeben. Nun möchte der Kolumbianer die Gelegenheit nutzen, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, sich von den Belastungen des Profisports zu erholen und neue Aufgaben anzugehen.
Movistars junge Generation: Quintana setzt auf Castrillo, Romeo und Co.
Auch die sportliche Zukunft seiner bisherigen Mannschaft verfolgt Quintana mit großem Interesse. Besonders positiv bewertet er die Entwicklung der jungen Fahrer, in die Movistar in den vergangenen Jahren investiert hat. Nach seiner Einschätzung beginnen sich diese Entscheidungen nun zunehmend auszuzahlen.
Namentlich hob er Pablo Castrillo und Ivan Romeo hervor, die sich nach ihren ersten Jahren im Team immer stärker auf höchstem Niveau etablieren. Auch Carlos Canal und Pelayo Sanchez gehören für ihn zu den Fahrern, auf denen die künftigen Erfolge der Mannschaft aufbauen könnten. Sanchez arbeitet derzeit noch daran, nach seinen Verletzungen wieder zu seiner besten Form zurückzufinden.
„Das Team hat mit den Fahrern, auf die es gesetzt hat, wichtige Schritte gemacht, und jetzt zeigen sich die ersten Ergebnisse. Pablo, Ivan Romeo und die ganze Gruppe von Fahrern, die vor drei Jahren dazugekommen ist, etablieren sich nun in der Spitzenklasse. Dazu kommen Canal und Pelayo, der nach seinen Verletzungen gerade an seinem Comeback arbeitet. Ich bin sicher, dass sie sich weiterentwickeln und in ihrer Karriere einen sehr guten Punkt erreichen werden. Sie bringen inzwischen alles mit: Erfahrung, Leistungsstärke und den Beginn ihrer besten Jahre.“
Aus Quintanas Sicht befinden sich diese Fahrer an einem entscheidenden Punkt ihrer Entwicklung. Sie verfügen inzwischen nicht nur über die körperlichen Voraussetzungen für Spitzenleistungen, sondern sammeln zunehmend auch die notwendige Erfahrung und taktische Reife. Entscheidend wird sein, dass Movistar diesen Weg konsequent fortsetzt und seinen jungen Talenten die Möglichkeit gibt, sich dauerhaft in der internationalen Spitze zu etablieren.
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Quintana blickt optimistisch auf die Zukunft des Movistar Teams
Neben der sportlichen Entwicklung der jungen Fahrer äußerte sich Quintana auch zu den wirtschaftlichen Perspektiven seiner bisherigen Mannschaft. Dabei zeigte sich der Kolumbianer zuversichtlich, dass Movistar seine Zukunft langfristig absichern kann.
Er verwies auf mögliche zusätzliche Sponsoren aus dem bestehenden Partnerumfeld und zeigte sich überzeugt, dass die Verantwortlichen entsprechende Möglichkeiten prüfen werden. Auch die Leistungen von Enric Mas wertete er als positives Signal für die weitere Entwicklung des Teams.
„Unter den Partnern gibt es weitere potenzielle Sponsoren, und ich denke, dass das Team daran arbeiten wird. Enric Mas hat dieses Jahr ein gutes Ergebnis erzielt, deshalb glaube ich nicht, dass es Probleme geben wird.“
Damit verabschiedet sich Quintana nicht nur mit einem positiven Blick auf seine eigene Karriere, sondern auch mit Vertrauen in die Zukunft der Mannschaft, mit der er so viele seiner größten Erfolge gefeiert hat. Nach Jahren im Kampf um Grand-Tour-Siege, zahlreichen unvergesslichen Duellen und einer außergewöhnlichen Verbindung zu den Fans beginnt für den 36-Jährigen nun ein neuer Lebensabschnitt – ohne den Druck des professionellen Rennsports, aber mit der Zufriedenheit, auf dem Rad alles gegeben zu haben.

Nic GayerRedakteur
Nic Gayer ist seit 2022 im Journalismus tätig und begann seine Laufbahn als freier Redakteur im Lokaljournalismus für eine Tageszeitung. Für Radsportaktuell.de berichtet er über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf Vorberichten, Rennzusammenfassungen und Analysen, mit denen er Entwicklungen im Peloton klar einordnet.
Bei seiner Arbeit wird Nic von den Kolleginnen und Kollegen der Schwesterplattform CyclingUpToDate unterstützt, wodurch er regelmäßig direkten Zugang zu Teams, Fahrern und offiziellen Terminen erhält. Er arbeitet aus der Nähe von München und steht kurz vor dem Abschluss als Bachelor of Arts in Sportjournalismus. In seiner Berichterstattung legt er großen Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, präzise Einordnung und aktualisiert Inhalte, sobald neue, gesicherte Informationen vorliegen.
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