„Durch den Radsport war ich jemand geworden, der ich nicht sein wollte“ – Tom Boonen spricht offen über seine Therapie

Radsport
durch Nic Gayer
Tom Boonen jubelt mit ausgebreiteten Armen über einen Sieg
Tom Boonen gehört zu den größten Klassikerspezialisten der Radsportgeschichte. Doch der außergewöhnliche Erfolg des Belgiers hatte auch persönliche Schattenseiten. Heute, im Alter von 46 Jahren, spricht die Radsportlegende offen darüber, wie sehr ihn das Leben als Profi geprägt hat und warum er schließlich therapeutische Hilfe in Anspruch nahm. Über viele Jahre habe er in einer abgeschotteten Radsportblase gelebt – in einer „Welt, die nicht real ist“, wie er selbst sagt.
Kaum ein Fahrer hat den Radsport seiner Generation so nachhaltig geprägt wie Boonen. Seine Profikarriere begann er 2002 beim damaligen US Postal Service Team, wo er unter anderem an der Seite von Lance Armstrong fuhr. Anschließend wechselte er zu Quick-Step und blieb der belgischen Mannschaft bis zu seinem Karriereende im Jahr 2017 treu.

Über 100 Profisiege: Tom Boonens außergewöhnliche Karriere

In seiner Laufbahn sammelte Boonen Erfolge, von denen die meisten Profis nur träumen können. 2005 krönte er sich zum Weltmeister auf der Straße. Hinzu kamen vier Triumphe bei Paris-Roubaix und drei Siege bei der Flandern-Rundfahrt, mit denen er sich einen festen Platz unter den erfolgreichsten Klassikerfahrern aller Zeiten sicherte.
Tom Boonen und sein langjähriger Rivale Fabian Cancellara bei Paris-Roubaix.
Tom Boonen gewann viermal Paris-Roubaix, dreimal die Flandern-Rundfahrt und wurde 2005 Straßenweltmeister. Heute spricht der 46-jährige Belgier offen darüber, wie sehr ihn das Leben in der Radsportblase geprägt hat und warum ihm eine Therapie bei der Verarbeitung seiner Erfahrungen half.
Auch bei der Tour de France hinterließ der Belgier seine Spuren. Sechsmal gewann er eine Etappe der Frankreich-Rundfahrt und sicherte sich zudem das Grüne Trikot der Punktewertung.
Insgesamt feierte der aus Mol stammende Boonen während seiner Profikarriere mehr als 100 Siege. Damit gehörte er nicht nur zu den herausragenden Fahrern der 2000er- und 2010er-Jahre, sondern entwickelte sich auch zu einer der prägendsten Persönlichkeiten des internationalen Radsports. Besonders bei den großen Monumenten setzte er Maßstäbe, die seine sportliche Ära entscheidend mitbestimmten.

„Sechzehn oder siebzehn Jahre lang habe ich in einer Welt gelebt, die nicht real war“

Als Boonen nach seinem letzten Paris-Roubaix im Frühjahr 2017 seine Karriere beendete, begann für ihn ein völlig neuer Lebensabschnitt. Plötzlich fehlte das vertraute Umfeld einer Profimannschaft, die sich jahrelang um nahezu alle organisatorischen und sportlichen Aspekte seines Alltags gekümmert hatte. Der Übergang in ein selbstbestimmtes Leben außerhalb des Pelotons erwies sich als deutlich schwieriger, als es von außen erscheinen mochte.
„Sechzehn oder siebzehn Jahre lang habe ich in einer Welt gelebt, die nicht real war“, erklärte Boonen in der VTM-Sendung Happy Hour.
Der ehemalige Weltmeister beschrieb eindringlich, wie umfassend das Leben als Radprofi seine persönliche Identität beeinflusst hatte. „Sechzehn oder siebzehn Jahre seines Lebens verbringt man in einer Welt, die nicht real ist – einer Welt, der man alles widmet und für die man alles tut. Aber davon muss man sich erholen. Ich brauchte Zeit, um wieder zu mir zu finden“, berichtete er.
Um die Veränderungen nach seinem Karriereende zu verarbeiten und sich selbst außerhalb des Spitzensports neu zu orientieren, entschied sich Boonen schließlich für eine Therapie. Rückblickend sieht er darin einen wichtigen Schritt seiner persönlichen Entwicklung.
Dabei geht seine Selbstreflexion weit über die Schwierigkeiten beim Übergang vom Profisport in den Alltag hinaus. Boonen ist überzeugt, dass ihn die jahrelangen Anforderungen und Erwartungen des Radsports auch als Menschen verändert hatten.
„Ich denke, durch den Radsport war ich jemand geworden, der ich nicht bin – oder jemand, der ich nicht sein wollte. Ich bin sehr zufrieden damit, wo ich heute in meinem Leben stehe. Die Therapie hat mir sehr gutgetan.“

Zwischen Triumphen, schweren Stürzen und persönlichen Verlusten

Dass Boonens Karriere nicht ausschließlich aus großen Siegen und euphorischen Momenten bestand, zeigt ein Blick auf die Jahre zwischen 2002 und 2017. Neben seinen zahlreichen Erfolgen musste der Belgier immer wieder schwere Stürze, Verletzungen und persönliche Verluste verkraften. Besonders einschneidend war der Tod von Wouter Weylandt, mit dem er bei Quick-Step über viele Jahre das Team geteilt hatte.
Auch die Schlussphase seiner Laufbahn war von außergewöhnlichen Gegensätzen geprägt. Im Oktober 2015 stürzte Boonen bei der Abu Dhabi Tour schwer und erlitt einen Schädelbruch. Nur wenige Monate später, im April 2016, fehlte ihm bei Paris-Roubaix lediglich ein winziger Schritt zum historischen fünften Sieg.
Noch im selben Jahr stand der Belgier bei seiner letzten Radsport-WM erneut auf dem Podium. Elf Jahre nach seinem ersten Weltmeistertitel und nur wenige Monate vor dem Ende seiner Karriere bewies er damit ein letztes Mal, dass er weiterhin zur absoluten Weltspitze gehörte.
Doch gerade diese ständigen Wechsel zwischen sportlichen Höhepunkten und schweren Rückschlägen hinterließen Spuren. Boonen beschrieb den Alltag eines Spitzenprofis als eine außergewöhnliche Lebensform, in der sich sportlicher Erfolg, öffentlicher Druck und persönliche Abhängigkeiten miteinander vermischen.
„Traumatisch ist nicht das richtige Wort. Aber dieses Leben ist geprägt von extremen Höhen und Tiefen. Man wird aus der realen Welt herausgerissen und in diese Radsportblase gestoßen, in der einem alles abgenommen wird und man für so viele Menschen zum Helden wird.“

„Es hilft wirklich“ – Boonen empfiehlt, professionelle Hilfe anzunehmen

In der Sendung sprach Boonen nicht nur über seine eigenen Erfahrungen, sondern setzte sich ausdrücklich dafür ein, therapeutische Unterstützung als Möglichkeit zur persönlichen Aufarbeitung ernst zu nehmen. Für ihn selbst hätten die Gespräche in den vergangenen Jahren einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, Erlebnisse aus seiner Karriere und die Veränderungen danach besser zu verstehen.
„Die Sitzungen dauern eine oder manchmal zwei Stunden. Man geht fünfzehn, zwanzig oder dreißig Mal hin, und irgendwann zeigen sich die Ergebnisse“, erklärte der frühere Klassikerstar.
Dabei betonte er, dass jeder Mensch einen eigenen Weg finden müsse und sich persönliche Veränderungen nicht nach einem festen Schema vollziehen ließen. Seine positiven Erfahrungen hätten ihn jedoch davon überzeugt, dass es sich lohne, Unterstützung anzunehmen, wenn belastende Erlebnisse allein nur schwer zu verarbeiten seien.
„Der Weg ist natürlich für jeden anders. Aber ich würde es jedem empfehlen – wenn man etwas erlebt hat, das einen belastet, oder aus welchem Grund auch immer. Es hilft wirklich. So konnte ich all das verarbeiten, was ich allein nicht verdauen konnte.“
Fast ein Jahrzehnt nach seinem Abschied vom professionellen Radsport blickt Boonen damit nicht nur auf eine außergewöhnliche sportliche Laufbahn zurück. Seine Aussagen zeigen auch, wie tiefgreifend die jahrelange Konzentration auf Höchstleistungen das Leben eines Athleten verändern kann – und wie wichtig es für ihn persönlich war, nach dem Ende seiner Karriere wieder zu sich selbst zu finden.
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