Robin Orins beendet mit nur 24 Jahren seine Karriere: „Mein Kopf und mein Herz sagen Nein“

Radsport
durch Nic Gayer
Robin Orins bei der Ronde van Brugge 2026.
Die WorldTour verliert ein weiteres junges Talent. Robin Orins vom belgischen Team Lotto - Intermarché hat im Alter von nur 24 Jahren seinen Rücktritt vom professionellen Radsport bekannt gegeben. Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Profidebüt zieht der Belgier damit einen Schlussstrich unter seine Laufbahn.
„Ich ziehe mich aus dem Profiradsport zurück“, erklärte Orins in einem emotionalen Instagram-Beitrag. „Es ist Zeit, ein Kapitel zu schließen, das voller Emotionen, Erinnerungen und Lektionen ist – positiver wie negativer. Ein Kapitel, das mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin, und über das noch viele Jahre gesprochen werden wird. Es endet früher als erwartet, aber ohne Reue.“

Vom vielversprechenden Nachwuchstalent zum frühen Karriereende

Seine sportliche Laufbahn führte Orins 2022 zunächst zum Team Elevate p/b Home Solutions Soenens, ehe er zwei Jahre lang für das Entwicklungsteam von Lotto an den Start ging. Dort machte er mit konstant starken Leistungen auf sich aufmerksam und etablierte sich als eines der vielversprechendsten U23-Talente im internationalen Radsport.
Robin Orins bei der Ronde van Brugge 2026.
Robin Orins zieht mit nur 24 Jahren einen Schlussstrich unter seine Profikarriere. Nach einer schwierigen Zeit mit mentalen und körperlichen Problemen will der Belgier ein neues Kapitel beginnen.
Besonders bei den Frühjahrsklassikern stellte der Belgier sein Potenzial unter Beweis. Bei der U23-Ausgabe von Paris-Roubaix erreichte er in beiden Jahren das Podium, während er bei Lüttich-Bastogne-Lüttich der U23 den zweiten Platz belegte. Auch im Kampf gegen die Uhr überzeugte Orins: 2024 krönte er sich zum belgischen U23-Meister im Einzelzeitfahren und fuhr sowohl bei der Radsport-WM als auch bei der Europameisterschaft unter die besten fünf.
„Seit meinem sechsten Lebensjahr sitze ich auf diesem kleinen Fahrrad, und jetzt bin ich 24 … Die Zeit vergeht unglaublich schnell. Ich habe alle Kategorien durchlaufen, um Profi zu werden und mir einen Kindheitstraum zu erfüllen. Ich bin stolz auf meinen Weg. Ich habe Euphorie und Traurigkeit erlebt und eine wunderschöne Sammlung aus Erinnerungen, Momenten und Trophäen aufgebaut.“

Panikattacken und Erschöpfung: Als der Radsport zur Belastung wurde

2025 gelang Orins mit dem Aufstieg in die Profimannschaft von Lotto der lange ersehnte Schritt in den Elitebereich. Doch statt eines unbeschwerten Starts in seine Profikarriere folgte eine schwierige Phase. Erst im Juli bestritt der Belgier sein erstes Rennen. Zuvor hatte er zunehmend die Freude am Radsport verloren und mit häufigen Panikattacken, Appetitlosigkeit sowie mentaler und körperlicher Erschöpfung zu kämpfen. Zwar kehrte er im weiteren Verlauf der Saison 2025 ins Renngeschehen zurück und setzte seine Laufbahn 2026 fort, doch an die hohen Erwartungen, die seine Erfolge im Nachwuchsbereich geweckt hatten, konnte er nicht mehr anknüpfen.
Dabei war der Radsport für Orins über viele Jahre weit mehr gewesen als nur ein sportlicher Wettkampf. „Der Radsport war immer mein Ventil. Ein Ort, an dem die Freude an erster Stelle stand, auch wenn ich ein schlechter Verlierer sein konnte. Alles zu geben und zu sehen, wie meine Eltern, Großeltern und meine Familie lächelten und diese Momente mit mir teilten, war unbezahlbar. Ich habe jeden Tritt in die Pedale genossen.“
Zwischen März und Juni dieses Jahres absolvierte der 24-Jährige wieder ein regelmäßiges Rennprogramm, zu dem auch mehrere WorldTour-Rennen gehörten. Seine letzten Einsätze als Profi bestritt er schließlich bei den belgischen Meisterschaften, wo er im Einzelzeitfahren den 13. und im Straßenrennen den 43. Platz belegte. Nun hat Orins entschieden, seinem Leben abseits des Radsports Vorrang einzuräumen.
„Es gibt nichts Schöneres, als sein Hobby zum Beruf zu machen. Ich habe meinen ersten Profivertrag mit Lotto - Intermarché voller Stolz unterschrieben und nie gedacht, dass es auch mein letzter sein würde. Die Dinge änderten sich schnell. Ich werde diesen Teil meiner Geschichte nicht noch einmal erzählen, aber er führte mich an einen sehr dunklen Ort und ließ mich erkennen, dass es im Leben mehr gibt als den Radsport“, schilderte der Belgier.
Wie schwierig der Weg zurück für ihn war, verdeutlichen auch seine weiteren Worte: „Nach monatelanger Arbeit an mir selbst stand ich wieder auf den Beinen. Doch ich erkannte, wie viel Energie mich das gekostet hatte und wie schwierig es war, den alten Robin wiederzufinden. Egal, wie sehr ich es wollte, die Tiefpunkte kamen zu häufig.“
Auch der Versuch, mit einer veränderten Einstellung wieder Freude an seinem Beruf zu finden, brachte nicht die erhoffte Wende. „In diesem Jahr wollte ich glücklich statt unglücklich zurückkehren. Ich wollte das Fahrrad, die Menschen um mich herum, die Schmerzen und vor allem das Gefühl genießen, wieder erfüllt zu sein. Doch es kam anders als erhofft. Egal, wie hart ich trainierte, mein Körper sagte ‚Nein‘. Jetzt sagen auch mein Kopf und mein Herz ‚Nein‘.“

„Das fühlt sich wie frische Luft an“ – Orins blickt ohne Reue nach vorne

Trotz seines frühen Abschieds vom Profiradsport blickt Orins ohne Reue auf seine Entscheidung. Sein Rücktritt reiht sich allerdings in eine besorgniserregende Entwicklung ein: Immer mehr junge Fahrer beenden ihre Karriere bereits nach wenigen Jahren im Elitebereich. Die enormen körperlichen und mentalen Anforderungen sowie die persönlichen Opfer, die der moderne Profiradsport verlangt, hinterlassen bei zahlreichen Talenten deutliche Spuren.
Für Orins bedeutet der Abschied vor allem die Chance auf einen neuen Lebensabschnitt, den er mit Zuversicht beginnen möchte. „Ehrlich gesagt fühlt sich das wie frische Luft an. Im Leben gibt es mehr als den Radsport, und das möchte ich gemeinsam mit meiner Freundin, meinen Freunden, meinen Eltern und meiner Familie entdecken. Der Radsport wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Jede Narbe, jede Trophäe, jede Träne und jedes Lächeln erzählt eine eigene Geschichte.“
Seinen sportlichen Ehrgeiz will der Belgier dennoch nicht vollständig ablegen. „Das ist nicht das Ende meiner sportlichen Ambitionen. Wie meine Freunde sagen: ‚Ein Fuchs verlernt seine Tricks nicht.‘“
Zum Abschluss seiner emotionalen Abschiedsbotschaft richtete Orins noch einige persönliche Worte an sein Umfeld: „Danke an alle Menschen, die ich liebe.“
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