Der Giro d’Italia 2026 ist vorbei. Drei Wochen Rennaktion mit viel Feuerwerk, aber auch einer Gesamtwertung, die so einseitig wirkte wie 2024, als Tadej Pogacar sechs Etappen gewann. Diesmal holte
Jonas Vingegaard fünf Siege und dominierte das Rosa Trikot die gesamte Zeit, auch wenn er es nur eine Woche trug. Im Verlauf des Giros sind mir einige Dinge aufgefallen, die zu ein paar spannenden Schlussfolgerungen führten.
Das Rennen bot viel Gutes, aber auch Tage mit wenig Zug. Auf RadsportAktuell und Cyclinguptodate.com gab es tägliche Diskussionen, in denen mehrere unserer Autoren, mich eingeschlossen, ihre Sicht auf das Tagesgeschehen teilten. Im größeren Bild blieben jedoch ein paar Punkte wie ein Jucken, das sich nicht kratzen ließ. Manches ist positiv, manches weniger, und manches verweist auf ernsthafte Probleme bei aktuellen WorldTour-Teams.
Lässt sich argumentieren, dass Jonas Vingegaard gegen Tadej Pogacar konkurrenzfähig sein wird?
Das ist wohl der positivste Punkt, auch wenn mein Eindruck beim breiten Publikum wenig Anklang fand. Jonas Vingegaard erreichte bei dieser Corsa Rosa ein sehr hohes Niveau. Nicht sofort, denn in der ersten Rennhälfte glänzte wenig.
Felix Gall ist ein großartiger Kletterer, doch die Abstände am Blockhaus und am Corno alle Scale summierten sich auf nur 25 Sekunden zum Österreicher. Mit Blick auf das Duell gegen Tadej Pogacar im Juli reicht das nicht. Das kann ja auch eine Unterschätzung von Felix Gall sein, sagte ich den Kollegen
Auch das
Zeitfahren war vom Dänen eher schwach. Keine Überraschung bei angeblichen 58 kg, doch im Vergleich zu früheren TTs verständlich, dass es manche überrascht. Das ist aber ein reales Thema: Bei der Tour 2025 verlor er im flachen Zeitfahren deutlich. Und obwohl die Tour-Organisatoren dieses Jahr vor einem „richtigen“ Zeitfahren zurückschreckten, muss er gegen Pogacar unter normalen Umständen auch dort die Verluste begrenzen.
Vingegaard gewann zuvor zweimal, doch erst auf Etappe 14 kletterte er so, wie ich es erwartet hatte
Auf Etappe 14 änderte sich der Blick auf Vingegaard.
Visma plante klar, das Rennen ab diesem Tag zu attackieren, und offenbar trafen alle Fahrer den Formgipfel exakt. Perfekte Umsetzung: Sepp Kuss mit einem mythischen Sieg
am 19. Tag, der Transfer von Davide Piganzoli als Volltreffer bei sonst schmalem Budget im Vergleich zu anderen Teams; und Victor Campenaerts, der nicht nur kletterte wie nie, sondern auch die Teamstimmung und Außenwirkung in den sozialen Medien hochhielt – außer wenn er in eine Bidon pinkelte. Einige nannten es „Peedon“. Der Begriff wurde gerne ins Wörterbuch übernommen.
Wir verfolgen die Leistungs-Schätzungen von ‘
Na1chaca’. Aus meiner Sicht sind sie glaubwürdig, zumal Vingegaard selbst die Plateau-de-Beille-Werte in der Vergangenheit als ziemlich genau bezeichnete. Wenn man bedenkt, dass das vielleicht die beste Kletterleistung der Radsportgeschichte war, hat das Gewicht. Es schafft eine solide Basis, um Erwartungen zu kalibrieren, was Vingegaard im Sommer gegen den Weltmeister leisten kann.
- In Pila fuhr Vingegaard 40:39 Minuten bei 6,39 W/kg
- In Carì 6,77 W/kg für 30:50 Minuten
- In Piancavallo 6,81 W/kg für 36:15 Minuten
Keine dieser Etappen war bis dahin brutal oder extrem hart gefahren. Doch es gibt zwei Notizen, die all jene hoffen lassen, die im Juli nicht Pogacars Solo-Bergfestival sehen wollen.
Erstens: Das Kletterniveau der Tour 2024 war historisch hoch. 2025 lag kaum darüber, wenn überhaupt. Hautacam, wo Pogacar etwas über 35 Minuten 6,74 W/kg trat, ragt heraus. Ja, die Rennhärte war größer, doch Plateau de Beille wurde am Ende einer sehr schweren, 200 Kilometer langen Etappe „überirdisch“ erklommen. Diese Fahrer sind genetische Ausreißer und bringen ihre Top-Leistungen am Ende harter Tage. Folglich lassen sich Vingegaards Giro-Werte bei der Tour replizieren. Das ist konkurrenzfähig.
Zweitens war Vingegaards Formgipfel klar in der zweiten Rennhälfte. Vielleicht startete er „untergekocht“ oder mit gesundem Gewicht. Beides hieße, den Körper hier nicht zu lang ans Limit zu treiben. Mental war es ebenfalls nicht maximal fordernd, da ihn niemand ernsthaft um Rosa attackierte.
Pogacar fuhr in der Tour de Romandie mit ein paar Extra-Kilos. Seine Kletterzeiten dort waren die bescheidensten seit Jahren. 6,8 W/kg über 21 Minuten waren sein Topwert. Vingegaard zeigte bislang 2026 ein höheres Niveau.
Als wir nach Etappe 16 nach Carì argumentierten, dass wir im Sommer tatsächlich einen Kampf sehen könnten, bekamen wir auf X Gegenwind. Unter dutzenden Antworten stachen zwei Argumente heraus: das ständige Verweisen auf Plateau de Beille, wobei vergessen wurde, dass Vingegaard an jenem Tag fast dieselben Watt trat; und „cope harder“, was uns eher amüsierte. Bis heute weißen wir nicht, womit wir „klarkommen“ sollen. Vielleicht finden wir eines Tages die Antwort.
Vingegaard trat Zahlen, die er nicht brauchte. Sein Giro-Sieg war komfortabel, sicher und wohl die leichteste Grand Tour seiner Karriere. Neue Motivation und ein sauberer Anlauf zur Tour können Wunder bewirken. Aus Fansicht hoffen wir darauf. Ich glaube, Paul Seixas wird nicht drei Wochen auf höchstem Level fahren und Remco Evenepoel ist im Hochgebirge schlicht weniger stark. Realistisch ist Vingegaard der einzige Fahrer mit guten Chancen, dem Slowenen das Gelbe Trikot streitig zu machen. 2024 erreichte Pogacar sein Topniveau nach einem Giro, den er ähnlich kontrollierte. Das trägt die These bis Juli.
Die Tour of the Alps ist nicht mehr, was sie war
Die Vuelta a España hat ihre Vuelta a Burgos; die Tour de France ihr Critérium du – Verzeihung, Tour Auvergne – Rhône Alpes; und der Giro d’Italia seine
Tour of the Alps. Oder doch nicht? Haben diese Grand Tours überhaupt noch das „ideale“ Vorbereitungsrennen?
Der Profi-Radsport hat sich gewandelt: Die Topfahrer setzen immer häufiger ausschließlich auf Training zur Vorbereitung auf dreiwöchige Rundfahrten.
Das ist nachvollziehbar: geringeres Risiko für Verletzungen oder Krankheiten; weniger physische oder mentale Ermüdung während der Grand Tour; und Trainingsmethoden, die Rennrhythmus simulieren. Die Tour of the Alps sah keinen Fahrer aus dem diesjährigen Giro-Podium am Start, tatsächlich bestritt keiner von ihnen eine Rundfahrt davor.
Jonas Vingegaard und Felix Gall fuhren bis zur Katalonien-Rundfahrt; Jai Hindley bestritt ein paar Ardennen-Eintagesrennen mit Nebenrolle. Umgekehrt scheint jenen, die die Tour of the Alps fahren, der Giro zunehmend schwerer zu fallen. Blickt man ein Jahrzehnt zurück: Michele Scarponi siegte 2011; Vincenzo Nibali 2013; Richie, Mikel Landa, Geraint Thomas, Thibaut Pinot… Die letzten vier hatten oft Pech mit Stürzen oder Krankheiten, aber sie gewannen in den Alpen vor ihrer großen Giro-Attacke. Die Startliste war stets hochklassig. Vor allem aber schien es, als würden die großen Giro-Favoriten dieses Rennen gewöhnlich fahren – mehr als heute.
Im Gegenteil: Die Sieger der Tour of the Alps schaffen es zuletzt fast jährlich nicht. 2024 hatte Juan Pedro López den Durchbruch, beim Giro war er unsichtbar. 2025 DOMINIERTE Michael Storer, kam beim Giro – auch wegen Stürzen – nie auf Touren. 2026 schürte Giulio Pellizzari mit dem Sieg hohe Erwartungen und galt als Nummer 2 der Favoritenliste. Nach einer Krankheit fiel auch er aus den Top 10. Die Tour of the Alps ist kein gutes Omen mehr, vor allem aber brauchen die großen GK-Fahrer sie offenbar nicht. Das Rennen verliert, so mein Eindruck, den Status, der es besonders machte.
Pellizzari beendete den Giro 2026 ohne die erhofften Ergebnisse
Die Missachtung der Fahrersicherheit war erschreckend
In der ersten Rennhälfte war das in meinen Augen ein zentrales Thema, das die Diskussionsbeiträge mehrfach dominierte. Auf Etappe 1 gab es einen Massensturz im Schlusskilometer, offenbar weil die inzwischen üblichen Zielabsperrungen ohne ausladende Füße unten in Bulgarien nicht vorhanden waren. 2026, bei einer Grand Tour, ist das inakzeptabel und ein miserabler Start.
Etappe 2 war ebenfalls von einem Sturz geprägt, hier allerdings ohne Schuld der Organisatoren. Etappe 15 in Mailand war aus Fahrersicht auch heikel – weniger mein Eindruck, aber die Profis wissen es besser.
Mein Hauptkritikpunkt: Etappe 6 mit Ziel in Neapel, auf Straßen, die ich aus eigener Zeit in der Stadt gut kenne. Neapel hat in den letzten Jahren mehrfach sichere Sprintankünfte auf der Uferallee geliefert. Sicherheit ist 2026 ein großes Wort, Fans und Fahrer wollen die Crashserie eindämmen. Umso unverständlicher, dass das Finale auf der Piazza del Plebiscito endete.
Das Problem: Der letzte Kilometer bestand größtenteils aus Kopfstein oder großen Platten; dazu mehrere Kurven, darunter eine 180-Grad-Kehre rund 300 Meter vor dem Ziel. Man stelle sich ein hungriges Sprinterfeld vor, mit sichtbarer Ziellinie… Und nun das Ganze im Regen. Fürs Wetter können die Organisatoren nichts, aber Regen ist immer möglich. Eine Route darf nicht so geplant sein, dass sie im Nassen nicht sicher zu fahren ist. Das ist absurd.
Der Sturz auf Etappe 6 zerstörte den erwarteten Massensprint, und jeder sah es kommen
Das Finale war gefährlich, punkt. Selten habe ich einen Crash so vorhersehen können. Wie kann man 300 Meter vor Ziel in einer Grand-Tour-Sprintetappe mit Top-Sprintern und -Anfahrern eine 180-Grad-Kurve auf Kopfsteinpflaster platzieren? Zumal es eine bewährte, sichere Alternative gab, die oft genutzt wurde.
Die Erklärung: ein attraktives, fotogenes Finish. Die Fahrer… „Sie sind Profis, sie kennen das Risiko.“ Mein Einwand, der wohl Common Sense ist: Man sollte keine unnötigen Gefahren schaffen – erst recht nicht, wenn Sicherheit ohnehin ein massives Problem im Sport ist.
Ermöglicht hat das wohl Rennleiter Stefano Allocchio, der zufällig auch UCI-Sicherheitsmanager des Rennens war. Interessant, wie das zusammenpasst…
Netcompany INEOS ist womöglich der größte Feind der Medien
Netcompany INEOS stand in der Vergangenheit oft unter Beobachtung. Vielleicht deshalb agiert das Team sehr verschlossen gegenüber Medien. Was zunächst ein Thema innerhalb der Medienblase war, drang während dieses Giros etwas nach außen.
Aus eigener Erfahrung des Kollegen Ruben Silva: auffällige Funkstille seitens INEOS. Absichtsvoll. Im Winter gab es mehrere Kontaktversuche über verschiedene Kanäle, um mit Fahrern zu sprechen. Null Reaktion.
Wie er erfuhr, ist das weit verbreitet. Aus naheliegenden Gründen nennt er keine Namen, aber Journalisten mit größerer Reichweite berichteten ihn Gleiches. Das Team schottet sich nahezu komplett ab und trieb das beim Giro auf neue Spitzen.
Nicht ironisch: INEOS’ Schutz von Arensman (der in Teilen berechtigt ist) ging so weit, dass selbst der Veranstalter RCS laut
Berichten ziemlich verärgert über das mediale Schweigen des Niederländers war – und das, während er drei Wochen lang um das Podium kämpfte.
Das ist weder Zufall noch eine Ad-hoc-Entscheidung. Laut Daniel Benson verfolgte das Team eine klare Strategie, Arensman medial möglichst aus dem Rampenlicht zu halten.
Diesen Frühling entschied sich Remco Evenepoel für sein Debüt bei der Flandern-Rundfahrt, dementierte dies aber monatelang, bis hin zu offensichtlichen Falschaussagen von ihm und dem Team über seine Planung.
Arensmans Fall bestätigt einen Trend: eine Grauzone, wie Aussagen von Fahrern zu werten sind. Medien transportieren den Sport und seine Sponsoren – die Geldgeber – zu Leserinnen und Lesern weltweit und halten das Ökosystem gesund. Gleichzeitig erschwert man den Zugang für Redaktionen, die hohe Mittel aufwenden, um vor Ort zu sein, und dann abgewiesen werden.
Thymen Arensman kämpfte drei Wochen ums Giro-Podium, doch viel hörten wir nicht von ihm
Manche Teams trafen… fragwürdige Entscheidungen
Lotto-Intermarché, Groupama – FDJ United und Team Picnic PostNL machten beim Giro d’Italia 2026 kaum Schlagzeilen. Kleinere Teams, deren Entscheidungen mich dennoch verblüfften – aus unterschiedlichen Gründen. Vom weniger Schlechten zum Schlechtesten fielen mir mehrere Punkte auf.
Team Picnic PostNL: Max Poole sollte starten, fiel aber krankheitsbedingt aus. Das war ein Handicap. Dennoch durfte man mit Casper van Uden, Etappensieger 2025, auf der Startliste hoffen.
Die Leistung war schwach, eigentlich unsichtbar. Van Udens bestes Resultat war ein zehnter Platz – in der sturzgeprägten Ankunft in Neapel. Das Team ist 2026 auf WorldTour-Niveau in keiner Weise konkurrenzfähig, eher hinter mehreren ProTeams. Die Lücke ist groß.
Das Management zeigt jedoch keine Sorge um UCI-Punkte und lässt die Leader konstant dort fahren, wo die Siegchancen minimal sind. Der Abstieg wirkt sicher – falls das Team überhaupt bis Ende 2028 durchhält. Die ersten sechs Monate haben bereits eine massive Lücke zu den Rivalen gerissen, die realistisch kaum zu schließen ist.
Mein größter Kritikpunkt war die Nominierung von Frank van den Broek, wohl der beste Etappenjäger im Aufgebot. Problem: Er kam ohne Form und mit einem Frühjahrsprogramm, das wie 2022 von einer KI zusammengewürfelt wirkte. Picnics Entscheidung ist beschämend, da braucht man nicht soft zu formulieren.
Er sollte die Klassiker fokussieren. Er fuhr Mailand–Sanremo, zwei Kopfstein-Klassiker, die Baskenland-Rundfahrt, alle drei Ardennen-Klassiker und Eschborn–Frankfurt vor dem Giro. Keine nennenswerten Resultate, kein ordentliches Training zwischen den Rennen, und gegenüber
Wielerflits gab er zu, krank gewesen zu sein und im Monat vor dem Giro nur eine echte Trainingseinheit absolviert zu haben.
2024 brachte Frank van den Broek Romain Bardet ins Gelbe Trikot der Tour de France. 2026 ist das nicht zu erwarten
Schlimmer noch: Van den Broek stürzte auf Etappe 2 und verletzte die Schulter. Einer der Teamleader schleppte sich durch die gesamte Rundfahrt. Er kam nur viermal in die Top 100 einer Etappe, erreichte nie sein Niveau und half auch Casper van Uden nicht wirklich. Zudem ist es unmöglich, sich so zu erholen und die Tour de France seriös vorzubereiten, um 2024s Auftakt-Coup zu wiederholen.
Van den Broek rückte für den erkrankten Poole nach. Doch in anderthalb Monaten (Information beim E3 Saxo Classic) tat das Team nichts, um ihn für den Giro vorzubereiten, seine Gesundheit zu schützen oder… ich weiß es nicht. Ich weiß schlicht nicht, was sie tun oder wer entscheidet.
Lotto-Intermarché agierte nicht ganz so schlimm, aber ebenfalls rätselhaft. Lennert van Eetvelt war im Frühjahr krank und zeigte vor dem Giro keine Form. Wie 2025 plante man zwei Grand Tours, große Klassiker und Top-Rundfahrten übers Jahr – ohne echte Blöcke. Überall als Leader hin, und hoffen.
Er fand im Giro tatsächlich Form, das sei ihm gegeben, stürzte dann jedoch aus dem Rennen, ohne zählbare Erträge, und seine Tour ist gefährdet. Zudem brachte das Team Arnaud De Lie und Milan Menten an den Girostart, obwohl beide nach dem Lotto Famenne Ardenne Classic auf… gülleverschmutzten Straßen krank waren. Beide erschienen nicht einmal zur Teampräsentation in Bulgarien, schleppten sich durch die ersten Tage ohne Ergebnisse und wurden viel länger im Rennen behalten, als es vernünftig war. Das Team passte sich der gesundheitlichen Lage nicht an und beendete den Giro mit nur vier Fahrern.
Arnaud De Lie litt bei seinem Giro-Debüt durchgehend unter Krankheit
Zuletzt Groupama – FDJ, das mit allen acht Fahrern durchkam. Johan Jacobs und Axel Huens attackierten häufig, um in eine glückliche Gruppe zu rutschen, Rémi Cavagna probierte es in der Schlusswoche ebenfalls. Über lange Strecken verpasste das Team ohne GK-Ambitionen, mit sehr limitierten Sprintoptionen und ehrlich gesagt ohne andere realistische Ziele jene Ausreißergruppen, die Erfolg bringen konnten.
Auf Etappe 15 fiel auf, dass alle drei genannten Teams den Fluchtzug auf einer flachen Etappe verpassten. Es überrascht, wenn Teams, die anders kaum Etappen gewinnen können, nicht alles investieren, um in die Gruppe zu kommen. Bemerkenswert, dass alle drei diese Chance verpassten. Bei der Qualität des Fluchtzugs hätten sie realistisch den Tag und damit ihren Giro retten können.
Besonders staunte ich über Etappe 13, ein Tag, an dem jedem klar war, dass die Flucht den Etappensieg ausfährt. In einer 15er-Gruppe hatten sie drei Fahrer – gut gelöst. Das Material war da, und selbst ohne Sieg bestand eine realistische Chance, mit mehreren Optionen taktisch Druck zu machen.
Stattdessen „verbrannten“ sie Johan Jacobs und Axel Huens, ließen sie an der Spitze für einen Lead-out in den Schlussanstieg arbeiten. Josh Kench war die Karte, ein Fahrer ohne nachgewiesene Endschärfe gegen Männer wie Alberto Bettiol oder Andreas Leknessund, die um den Sieg fuhren. Es ist schlimmer, als es klingt. Kench ist solide und zeigte beim Giro gute Ansätze.
Aber der Sportdirektor muss die Mannschaft zum Ergebnis führen oder zumindest die Siegchance maximieren. An diesem Tag tat man das Gegenteil. In einer 15er-Gruppe wurden sie 6., 14. und 15. Das ist beschämend. Vor allem, weil sie es nicht versuchten. Jacobs und Huens hätten attackieren, Selektionen provozieren und damit Kenchs Konkurrenten Arbeit aufdrücken können – wovon am Ende alle drei profitiert hätten.
Stattdessen mussten zwei ohne jede Verpflichtung Tempo bolzen, sie erschwerten Kenchs Rivalen nichts und sahen den Etappensieg davonfahren. Wie erwartet. Unbegreiflich, warum dieser Call kam. Wie kann man eine solche Gelegenheit wegwerfen – indem man Helfer ohne Nutzen arbeiten lässt – und gegen die eigenen Interessen handeln an einem Tag, an dem man den Giro hätte retten können und am Ende mit leeren Händen dasteht.
Einer Rubio…?
Kurz zu dem Kolumbianer: starke Form über fast den ganzen Giro, schwach am schlechtesten Tag, gute Beine an Tagen ohne Freiheiten. Frustrierende Rundfahrt. In den letzten Tagen wirkte er, als würde er aus purer Wut fahren – erinnerte mich ein wenig an Miguel Ángel López.
Der Movistar-Profi ging in Etappe 19 ohne GK-Perspektive, mit Chancen auf das Bergtrikot, die jedoch schwanden, als Giulio Ciccone mit nach vorn sprang… Nachdem Derek Gee den Red-Bull-Kilometersprint gewann, schaltete Rubio in den Dämonenmodus, stritt sich in der Gruppe und fuhr gegen die eigenen Interessen eines Etappensiegs, um aus Trotz gegen Ciccone zu sprinten, nur um ihm Punkte „zu stehlen“, während der Italiener das Bergtrikot jagte.
Rubio und Ciccone auf Etappe 19, kurz vor einem hitzigen Wortgefecht
Nur Emotion, keine Logik. Das ließ sich etwas relativieren, denn nach dem Rennen erklärte er den „Deal“ – Ciccone nimmt Bergpunkte, Rubio den Red-Bull-Punkt. Ich würde sagen, Ciccone hätte mit Derek Gee den Sprint abklären müssen. Rubio hatte tatsächlich Chancen auf die Red-Bull-Wertung und übernahm auf Etappe 19 dennoch die Führung.
Weiter zu Etappe 20: Rubio fuhr den ersten Anstieg nach Piancavallo mit dem Peloton. Oben attackierten Igor Arrieta von UAE und Lorenzo Crescioli. Im Sprint holte Arrieta genug Punkte, um Rubio in der Wertung zu überholen.
Das Problem: Rubio blieb im Feld. Der Kolumbianer reagierte nicht auf Arrieta, griff am Berg nicht an, um Punkte zu sichern, und sah tatenlos zu, wie seine Führung verschwand. 24 Stunden zuvor wollte Rubio mit Lidl–Trek wegen weniger Zähler in einer Nebenwertung Krieg führen, und am Tag danach… fehlten Professionalität bei ihm, bei Movistar…? Er ließ den Rivalen ohne Gegenwehr punkten. Das wirft Fragen auf, was er in den letzten Giro-Tagen verfolgte. Unterhaltsam, gewiss. Rätselhaft, auf jeden Fall.
Was vom Giro 2026 bleibt: Dominanz, Zweifel und unbequeme Fragen
Am Ende bleibt ein Giro, der sportlich klarer war, als viele es sich gewünscht hätten, aber trotzdem reichlich Stoff lieferte. Vingegaard gewann souverän und nährte zugleich die Hoffnung, dass der Sommer nicht zur nächsten Pogacar-Alleinfahrt wird. Dahinter zeigte sich jedoch auch, wie sehr sich der Radsport verändert: Vorbereitung läuft immer stärker über Training statt Rennen, Teams werden verschlossener, und manche sportlichen Entscheidungen wirken schwer nachvollziehbar.
Noch schwerer wiegt, dass Sicherheit und Verantwortung nicht immer mit der gleichen Konsequenz behandelt wurden wie Spektakel und schöne Bilder. Genau dort liegt vielleicht die wichtigste Lehre dieses Giro. Der Sport lebt von Emotionen, Risiken und unberechenbaren Momenten. Aber wenn Risiken unnötig geschaffen werden, wenn Teams sich abschotten und wenn Chancen leichtfertig verschenkt werden, bleibt mehr zurück als nur ein Sieger in Rosa. Dieser Giro war unterhaltsam, aufschlussreich und stellenweise brillant. Aber er zeigte auch, dass der moderne Radsport an einigen Stellen dringend ehrlicher zu sich selbst werden muss.