Wir kennen Sprint- und Bergzüge im Peloton, doch deren Namensgeber – das öffentliche Verkehrsmittel – stand bei der diesjährigen
Flandern-Rundfahrt kurz davor, zur unerwarteten Hauptfigur zu werden. Und nein, anders als bei der legendären Premiere von Lüttich–Bastogne–Lüttich 1892 sprang diesmal kein entkräfteter Fahrer in Bastogne in den Zug zurück in die Start-/Zielstadt.
Als das
Peloton einen Bahnübergang in Wichelen ansteuerte, sprang das Signal wenige Augenblicke vor der Ankunft des Feldes auf Rot. Die Gruppe kam mit hoher Geschwindigkeit, einige konnten nicht mehr rechtzeitig reagieren und passierten noch, bevor die Schranken sich senkten. Darunter
Tadej Pogacar und
Remco Evenepoel.
Mathieu van der Poel und Wout Van Aert hingegen wurden vom Übergang gestoppt, das Rennen war für kurze Zeit entzweit.
Die Rennleitung reagierte umgehend, unterbrach die Flandern-Rundfahrt kurz und stellte die Ausgangslage wieder her. So sollten weder Ausreißer noch die Spitze des Feldes einen unverdienten Vorteil erhalten und das Rennen nahtlos weiterlaufen können… nur nicht aus Sicht des belgischen Gesetzes.
Polizeigericht in Ostflandern mahnt zur Verantwortung
Das Gesetz schreibt vor, bei Rot anzuhalten, auch wenn die Schranken noch nicht geschlossen sind. Das Missachten eines Rotlichts ist in Belgien eine Verkehrszuwiderhandlung vierten Grades. Selbstverständlich gilt das auch während eines Radrennens.
Pikantes Detail: Vor wenigen Wochen kam es an einem Bahnübergang in Lede – nur ein Dorf von Wichelen entfernt – zu einem tödlichen Unfall, nachdem ein rotes Signal missachtet worden war.
Anfang dieser Woche wurde zudem ein Mädchen an einem Bahnübergang von einem Zug erfasst; seit heute ist sie außer Lebensgefahr. Vor diesem Hintergrund ist die heutige Aktion der Hälfte des Pelotons zu bewerten.
Der Weltverband UCI griff nicht ein – aus gutem Grund. Nach mehrfacher Sichtung des Materials kam man zum Schluss, dass ein abruptes Anhalten schlimmere Folgen hätte haben können. Ein Bremsmanöver hätte Stürze provozieren können, schlimmstenfalls sogar einen Fahrer auf die Gleise gebracht.
Flandern-Rundfahrt 2026 wurde durch einen vorbeifahrenden Zug abrupt unterbrochen
Dennoch will die Staatsanwaltschaft Ostflandern die beteiligten Fahrer strafrechtlich verfolgen. Wird der Verstoß als besonders schwer eingestuft, droht eine Geldstrafe zwischen 320 und 4.000 Euro. Zudem ist in diesem Fall ein Fahrverbot von mindestens acht Tagen zwingend.
Die staatliche Infrastrukturgesellschaft der belgischen Eisenbahn reagiert
Bei Infrabel reagierte man enttäuscht auf die Bilder. „Es ist äußerst bedauerlich, dass so etwas geschieht, just in dem Moment, in dem das Rotlicht angeht und die Schranken schließen“, sagte Sprecher Frédéric Petit. „Die Verkehrsregeln sind eindeutig: Bei Rot ist anzuhalten. Das gilt auch während eines Radrennens.“
Besonders heikel sei der Vorfall, weil Millionen zusahen, so Petit. „Eineinhalb Millionen Flamen verfolgen das Rennen. Es ist natürlich ein sehr schlechtes Beispiel, wenn Fahrer ein solches Signal ignorieren, zumal wir zahlreiche Sensibilisierungskampagnen zur Sicherheit an Bahnübergängen durchführen.“