„Olav Kooij sollte nächstes Jahr nicht zur Tour de France fahren“ – Ist Paul Seixas bereit für die alleinige Kapitänsrolle bei der Tour 2027?

Radsport
durch Nic Gayer
Collage_PaulSeixasOlavKooij
Das Decathlon CMA CGM Team richtet seine sportliche Zukunft immer stärker auf Paul Seixas aus. Nach dem beeindruckenden Tour-de-France-Debüt des französischen Ausnahmetalents und seinem anschließenden Triumph bei der Lombardei-Rundfahrt hat die Mannschaft ihren Kader mit mehreren erfahrenen Kletterern verstärkt. Im CyclingUpToDate-Podcast diskutierten Ruben Silva und Gavin Quinn nun darüber, welche Möglichkeiten sich daraus für die Tour de France 2027 ergeben – und ob Decathlon bereits im kommenden Sommer selbst die Initiative im Kampf um die Gesamtwertung übernehmen kann.
Die Voraussetzungen erscheinen vielversprechend. Die in der vergangenen Woche vorgestellte Tour-Strecke umfasst mehr als 70 Kilometer Einzelzeitfahren. Gerade in dieser Disziplin bewies Seixas zuletzt seine Klasse, als er bei der Radsport-WM im vergangenen Monat eine Medaille gewann. Auch seine Fähigkeiten über drei Rennwochen stehen kaum noch infrage: Bei seinem Tour-Debüt 2026 belegte er im Alter von nur 19 Jahren den vierten Platz der Gesamtwertung und überzeugte mit bemerkenswerter Konstanz.

Sivakov, De Plus und O'Connor: Decathlon baut eine starke Bergmannschaft auf

Mit den Verpflichtungen von Pavel Sivakov, Laurens de Plus und Ben O'Connor hat Decathlon CMA CGM seine Ambitionen für 2027 deutlich unterstrichen. Alle drei bringen Erfahrung aus anspruchsvollen Rundfahrten mit und könnten Seixas bei seinem geplanten zweiten Tour-Start entscheidend unterstützen. Für Silva ist deshalb klar, dass die französische Mannschaft künftig deutlich offensiver auftreten kann.
„Ich glaube nicht, dass Decathlon mit dem Gedanken zur Tour fährt: ‚Wir müssen einfach dranbleiben und versuchen, Seixas irgendwie zu unterstützen.‘ Nein, diesmal können sie die Initiative ergreifen und selbst weitgehend das Geschehen bestimmen“, erklärte der CyclingUpToDate-Analyst.
Die drei Neuzugänge erweitern eine Mannschaft, die bereits über zahlreiche starke Helfer verfügt. In den Bergen könnten neben Sivakov, De Plus und O'Connor auch Matthew Riccitello, Nicolas Prodhomme, Callum Scotson und Leo Bisiaux wichtige Aufgaben übernehmen. Mit Tiesj Benoot und Daan Hoole stehen zudem zwei Fahrer zur Verfügung, die sich als zuverlässige Straßenkapitäne für den jungen Franzosen bewährt haben.
Diese Kaderbreite könnte nicht nur im Rennen selbst, sondern bereits während der Vorbereitung entscheidend werden. Gerade bei einer Grand Tour können kurzfristige Erkrankungen oder Verletzungen die ursprünglichen Pläne erheblich verändern. Decathlon verfügt nun über mehr Möglichkeiten, solche Ausfälle aufzufangen, ohne die Unterstützung seines Kapitäns entscheidend zu schwächen.
„Sie haben dadurch deutlich mehr Möglichkeiten. Sollte es in den Wochen vor der Tour Verletzungen oder Krankheiten geben, können sie auf mehr Fahrer zurückgreifen. Insgesamt kann Decathlon meiner Meinung nach definitiv stärker auftreten als in diesem Jahr“, betonte Silva.

Nach Monument-Triumph: Seixas ist bereit für die nächste Herausforderung

Seixas hat seinen außergewöhnlichen Aufstieg in der Saison 2026 mit einem weiteren Meilenstein gekrönt. Kurz nach seinem 20. Geburtstag gewann er die Lombardei-Rundfahrt und sicherte sich damit seinen ersten Monument-Sieg. Zusammen mit Platz vier bei der Tour de France und seiner Medaille im Zeitfahren bei der Radsport-WM hat er eindrucksvoll gezeigt, dass er sowohl bei den größten Eintagesrennen als auch bei dreiwöchigen Rundfahrten zur Weltspitze gehören kann.
Bei seiner ersten Tour de France teilte sich der Franzose die Führungsrolle innerhalb der Mannschaft noch mit Olav Kooij. Der niederländische Sprinter rechtfertigte seine Nominierung mit einem Etappensieg beim ersten Massensprint der Rundfahrt. Für 2027 stellt sich allerdings die Frage, ob Decathlon erneut zwei unterschiedliche sportliche Ziele verfolgen oder sämtliche verfügbaren Kräfte auf Seixas konzentrieren sollte.
Silva spricht sich eindeutig für die zweite Variante aus. „Ich glaube, es sollte kaum Zweifel daran geben, dass Olav Kooij nächstes Jahr nicht zur Tour de France fahren sollte“, erklärte er. „Er war dieses Jahr dabei und hat eine Etappe gewonnen. Das war absolut sinnvoll: Sieben Fahrer für einen 19-Jährigen bei der Tour abzustellen – so gut er auch ist –, wäre nicht realistisch und nicht erwachsen gewesen. Decathlon wusste, was zu tun war. Ich denke, das haben sie richtig gemacht.“
Damit stellt Silva Kooijs sportliche Bedeutung keineswegs infrage. Vielmehr sieht er in der unterschiedlichen Entwicklung der beiden Kapitäne einen guten Grund, die Saisonplanung künftig klarer aufzuteilen. Während Seixas bei der Tour die Gesamtwertung ins Visier nehmen könnte, wäre Kooij bei einer anderen Grand Tour möglicherweise besser aufgehoben.
Paul Seixas in Aktion.
Paul Seixas belegte bei seinem Tour-de-France-Debüt 2026 im Alter von 19 Jahren den vierten Gesamtrang. Mit den Neuzugängen Pavel Sivakov, Laurens de Plus und Ben O'Connor will Decathlon CMA CGM seinen Kapitän 2027 noch stärker unterstützen.

Giro statt Tour für Olav Kooij? Klare Rollenverteilung als Schlüssel

Nach dem Abgang von Felix Gall könnte sich insbesondere der Giro d'Italia als ideale Bühne für Kooij anbieten. Silva hält es für sinnvoll, den Niederländer gemeinsam mit seinen Anfahrern zur Italien-Rundfahrt zu schicken, um dort gezielt Etappensiege anzustreben. Gleichzeitig könnte Decathlon bei der Tour de France eine Mannschaft aufstellen, die vollständig auf die Gesamtwertungsambitionen von Seixas zugeschnitten ist.
„Felix Gall ist nicht mehr im Team. Deshalb ergibt es meiner Meinung nach absolut Sinn, Olav Kooij mit seinen Anfahrern zum Giro d'Italia zu schicken und dort Etappensiege anzustreben“, erklärte Silva. „Bei der Tour sollte hingegen eine starke Gruppe für die Gesamtwertung Paul Seixas unterstützen.“
Für den Analysten hat der junge Franzose inzwischen ausreichend bewiesen, dass er den Belastungen einer dreiwöchigen Rundfahrt gewachsen ist. Deshalb hält er einen erneuten Kampf um die vorderen Plätze der Gesamtwertung für realistisch.
„Er hat inzwischen gezeigt, dass er drei Wochen durchstehen kann. Er kann um das Weiße Trikot und einen Podiumsplatz fahren – das sind bereits sehr realistische Ziele. Nach oben gibt es keine Grenzen.“
Eine solche Rollenverteilung würde beiden Fahrern ermöglichen, ihre jeweiligen Stärken optimal einzusetzen. Kooij könnte beim Giro mit einer auf Sprintankünfte ausgerichteten Mannschaft antreten, während Seixas bei der Tour auf ein starkes Aufgebot für die entscheidenden Bergetappen und den Kampf um die Gesamtwertung zurückgreifen könnte.

Französischer Tour-Sieger als großes Ziel: Decathlon darf seine Chance nicht verschenken

Hinter der möglichen Neuausrichtung steht für Decathlon CMA CGM eine noch größere strategische Frage. Die Mannschaft möchte Paul Seixas langfristig an sich binden und ihm eine sportliche Perspektive bieten, die seinem außergewöhnlichen Potenzial entspricht. Dazu könnte auch gehören, ihm bereits 2027 die uneingeschränkte Kapitänsrolle bei der Tour de France zu übertragen.
Ein solcher Schritt wäre zugleich ein deutliches Signal an den jungen Franzosen: Decathlon will nicht nur seine Entwicklung begleiten, sondern ihm die Voraussetzungen bieten, eines Tages das wichtigste Radrennen der Welt zu gewinnen. Gerade nach seinem vierten Platz beim Tour-Debüt und dem Sieg bei der Lombardei-Rundfahrt erscheint dieser Anspruch zunehmend greifbar.
Silva sieht deshalb keinen Grund, die Ambitionen künstlich zu begrenzen. „Das oberste Ziel von Decathlon ist es, mit einem französischen Fahrer die Tour de France zu gewinnen. Vielleicht ist es noch zu früh, aber nächstes Jahr bietet sich eine Chance. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, eine solche Gelegenheit ungenutzt zu lassen.“
Ob Seixas schon 2027 tatsächlich um den Gesamtsieg kämpfen kann, bleibt abzuwarten. Seine bisherigen Leistungen und die gezielten Verstärkungen durch Sivakov, De Plus und O'Connor liefern jedoch überzeugende Argumente für eine ambitionierte Tour-Planung. Entscheidet sich Decathlon dafür, Kooij beim Giro einzusetzen und die Frankreich-Rundfahrt vollständig auf Seixas auszurichten, könnte die Mannschaft im kommenden Sommer einen weiteren entscheidenden Schritt auf dem Weg zu ihrem großen Ziel machen: einem französischen Tour-de-France-Sieger.
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