Kann Remco Evenepoel die Tour de France 2026 gewinnen?

Radsport
Montag, 20 Juli 2026 um 14:00
Remco Evenepoel jubelt über den Sieg auf Etappe 15 der Tour de France 2026
Die Tour de France 2026 geht in ihre letzte Woche – mit einem deutlich anderen Gesamtbild, als viele zum Start der Rundfahrt erwartet hatten. Das Gesamtklassement wirkt dank des großen Vorsprungs von Tadej Pogacar nahezu entschieden, doch das zurückliegende Wochenende lieferte mehrere Impulse, die das mögliche Finale der Grande Boucle genauer beleuchten.
Einer der prägendsten Momente war der Ausstieg von Jonas Vingegaard. Abseits des sportlichen Verlusts – schließlich war er auf dem Papier der Einzige, der Pogacar Paroli bieten konnte – entzündete der Sturz des Dänen auch Kritik an der Tour-Organisation und der UCI. Das aus Sicht vieler unzureichend gekennzeichnete, als gefährlich geltende Verkehrsinsel-Element stehe, so der Vorwurf, im Kontrast zu der oft schärferen Kritik an kleineren Rennen bei ähnlichen Vorfällen.
Vingegaards Aufgabe beendet zudem eine historische Phase der Tour. In den vergangenen fünf Jahren belegten der Däne und Pogacar konstant die ersten beiden Plätze der Gesamtwertung, mit drei Siegen für den Slowenen und zwei für den Visma-Profi. Diese Rivalität, längst eine der prägenden der jüngeren Radsportgeschichte, findet in dieser Ausgabe keine Fortsetzung.
Das zweite große Ereignis des Wochenendes war Remco Evenepoels Etappensieg über Pogacar in den Bergen. Während Teile der Fanszene in sozialen Medien andeuteten, der Tour-Leader könne den Sieg freiwillig abgegeben haben, überzeugt diese Lesart kaum. Plausibler ist der enorme Aufwand, den Pogacar zugunsten seines Teamkollegen Isaac del Toro betrieb.
UAE Team Emirates-XRG agiert derart dominant, dass es neben dem Maillot Jaune ein zweites Ziel verfolgen kann. Mit dem Gesamtsieg faktisch abgesichert, setzte die Mannschaft offenbar darauf, Del Toro ebenfalls aufs Podium zu bringen. Pogacar übernahm weite Teile des Anstiegs ungewohnt viel Tempoarbeit, machte das Rennen hart und bereitete die Attacken des Mexikaners vor.
Diese Belastung forderte beim Tour-Leader ihren Tribut. Evenepoel hingegen konnte stets in dem Tempo klettern, das Del Toro noch mitging, ohne direkt auf Pogacars härteste Beschleunigungen reagieren zu müssen. Zudem erreichte er die Schlussmeter mit weniger Verschleiß und ohne längere Führungsarbeit im Wind am Anstieg – Bedingungen, die ihm den Sprint gegen den Slowenen ermöglichten.
Die These, Pogacar habe den Sieg bewusst verschenkt, ist daher schwer haltbar. Offensichtlich ist vielmehr, dass er nach der Arbeit für seinen Teamkollegen deutlich ermüdeter ins Ziel kam.
Vingegaards Ausstieg verändert auch den Kampf um die Ehrenplätze grundlegend. Zwar ist das Podium zwischen Fahrern wie Isaac del Toro, Juan Ayuso, Paul Seixas oder Florian Lipowitz offen, doch der Fokus liegt unverändert auf dem Gesamtsieg. Aus dieser Perspektive ist Rang zwei oder drei im Tour-Finale hoch einzuschätzen, der Maßstab bleibt jedoch der Gewinn der Rundfahrt.
Remco Evenepoel, belgischer Radprofi
Remco Evenepoel, Etappensieger bei der Tour de France
In diesem Kontext rückt Remco Evenepoel als großer Favorit für Platz zwei in Paris in den Vordergrund. Diese Position hielte ihm zudem eine minimale Chance offen, doch noch um Gelb zu kämpfen, sollte Pogacar ein gravierendes Problem widerfahren. Realistisch wäre das jedoch nur bei Sturz oder ähnlichem Zwischenfall, denn ein Einbruch des Leaders wirkt angesichts seiner Dominanz während der gesamten Rundfahrt äußerst unwahrscheinlich.
Mit Blick auf das Zeitfahren am Dienstag ist zu erwarten, dass Evenepoel erneut Boden gutmacht. Als ausgewiesener Spezialist könnte er die Etappe gewinnen und rund eine Minute auf Pogacar zurückholen, bevor es in die drei entscheidenden Hochgebirgstage am Donnerstag, Freitag und Samstag geht.

Knallhartes Tour-Finale am Alpe d’Huez

Dann folgt der echte Härtetest für den belgischen Champion. Besonders fordernd werden die Etappen mit Ziel am Alpe d’Huez, wo sich zeigen muss, ob er erneut an Pogacar dranbleiben kann. Offen bleibt auch, welche Strategie der UAE-Leader wählt: Ob er weiterhin Opfer bringt, um Del Toro im Podiumskampf zu unterstützen, oder ob er sich voll darauf konzentriert, seine Palmares zu erweitern und weitere Etappensiege zu sammeln.
Klar ist nach dem zurückliegenden Wochenende, dass Evenepoel ein kräftiges Ausrufezeichen gesetzt hat. Nach jahrelanger Kritik an seiner Performance im Hochgebirge antwortete der Belgier mit mehreren soliden Auftritten und ist bislang der Einzige, der Pogacar und UAE in einer Etappe dieser Tour de France schlagen konnte. Mit drei großen Bergetappen in der Hinterhand wird sich dort entscheiden, ob er sich als prägende Figur der Schlussphase endgültig etabliert.
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