Die Tour de France 2026 geht in ihre letzte Woche – mit einem deutlich anderen Gesamtbild, als viele zum Start der Rundfahrt erwartet hatten. Das Gesamtklassement wirkt dank des großen Vorsprungs von Tadej Pogacar nahezu entschieden, doch das zurückliegende Wochenende lieferte mehrere Impulse, die das mögliche Finale der Grande Boucle genauer beleuchten.
Einer der prägendsten Momente war der Ausstieg von Jonas Vingegaard. Abseits des sportlichen Verlusts – schließlich war er auf dem Papier der Einzige, der Pogacar Paroli bieten konnte – entzündete der Sturz des Dänen auch Kritik an der Tour-Organisation und der UCI. Das aus Sicht vieler unzureichend gekennzeichnete, als gefährlich geltende Verkehrsinsel-Element stehe, so der Vorwurf, im Kontrast zu der oft schärferen Kritik an kleineren Rennen bei ähnlichen Vorfällen.
Vingegaards Aufgabe beendet zudem eine historische Phase der Tour. In den vergangenen fünf Jahren belegten der Däne und Pogacar konstant die ersten beiden Plätze der Gesamtwertung, mit drei Siegen für den Slowenen und zwei für den Visma-Profi. Diese Rivalität, längst eine der prägenden der jüngeren Radsportgeschichte, findet in dieser Ausgabe keine Fortsetzung.
Das zweite große Ereignis des Wochenendes war Remco Evenepoels Etappensieg über Pogacar in den Bergen. Während Teile der Fanszene in sozialen Medien andeuteten, der Tour-Leader könne den Sieg freiwillig abgegeben haben, überzeugt diese Lesart kaum. Plausibler ist der enorme Aufwand, den Pogacar zugunsten seines Teamkollegen Isaac del Toro betrieb.
UAE Team Emirates-XRG agiert derart dominant, dass es neben dem Maillot Jaune ein zweites Ziel verfolgen kann. Mit dem Gesamtsieg faktisch abgesichert, setzte die Mannschaft offenbar darauf, Del Toro ebenfalls aufs Podium zu bringen. Pogacar übernahm weite Teile des Anstiegs ungewohnt viel Tempoarbeit, machte das Rennen hart und bereitete die Attacken des Mexikaners vor.
Diese Belastung forderte beim Tour-Leader ihren Tribut. Evenepoel hingegen konnte stets in dem Tempo klettern, das Del Toro noch mitging, ohne direkt auf Pogacars härteste Beschleunigungen reagieren zu müssen. Zudem erreichte er die Schlussmeter mit weniger Verschleiß und ohne längere Führungsarbeit im Wind am Anstieg – Bedingungen, die ihm den Sprint gegen den Slowenen ermöglichten.
Die These, Pogacar habe den Sieg bewusst verschenkt, ist daher schwer haltbar. Offensichtlich ist vielmehr, dass er nach der Arbeit für seinen Teamkollegen deutlich ermüdeter ins Ziel kam.
Vingegaards Ausstieg verändert auch den Kampf um die Ehrenplätze grundlegend. Zwar ist das Podium zwischen Fahrern wie Isaac del Toro, Juan Ayuso, Paul Seixas oder Florian Lipowitz offen, doch der Fokus liegt unverändert auf dem Gesamtsieg. Aus dieser Perspektive ist Rang zwei oder drei im Tour-Finale hoch einzuschätzen, der Maßstab bleibt jedoch der Gewinn der Rundfahrt.
Remco Evenepoel, Etappensieger bei der Tour de France
In diesem Kontext rückt Remco Evenepoel als großer Favorit für Platz zwei in Paris in den Vordergrund. Diese Position hielte ihm zudem eine minimale Chance offen, doch noch um Gelb zu kämpfen, sollte Pogacar ein gravierendes Problem widerfahren. Realistisch wäre das jedoch nur bei Sturz oder ähnlichem Zwischenfall, denn ein Einbruch des Leaders wirkt angesichts seiner Dominanz während der gesamten Rundfahrt äußerst unwahrscheinlich.
Mit Blick auf das Zeitfahren am Dienstag ist zu erwarten, dass Evenepoel erneut Boden gutmacht. Als ausgewiesener Spezialist könnte er die Etappe gewinnen und rund eine Minute auf Pogacar zurückholen, bevor es in die drei entscheidenden Hochgebirgstage am Donnerstag, Freitag und Samstag geht.
Dann folgt der echte Härtetest für den belgischen Champion. Besonders fordernd werden die Etappen mit Ziel am Alpe d’Huez, wo sich zeigen muss, ob er erneut an Pogacar dranbleiben kann. Offen bleibt auch, welche Strategie der UAE-Leader wählt: Ob er weiterhin Opfer bringt, um Del Toro im Podiumskampf zu unterstützen, oder ob er sich voll darauf konzentriert, seine Palmares zu erweitern und weitere Etappensiege zu sammeln.
Klar ist nach dem zurückliegenden Wochenende, dass Evenepoel ein kräftiges Ausrufezeichen gesetzt hat. Nach jahrelanger Kritik an seiner Performance im Hochgebirge antwortete der Belgier mit mehreren soliden Auftritten und ist bislang der Einzige, der Pogacar und UAE in einer Etappe dieser Tour de France schlagen konnte. Mit drei großen Bergetappen in der Hinterhand wird sich dort entscheiden, ob er sich als prägende Figur der Schlussphase endgültig etabliert.
Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
Radsport ist für mich mehr als Leidenschaft. Er ist ein komplexer Leistungssport, der Kontext, Genauigkeit und Verantwortung verlangt – genau diesen Anspruch vertrete ich in unserer täglichen Berichterstattung.