John Degenkolb hat Team Picnic PostNL öffentlich verteidigt, nachdem Berichte über eine angebliche „Kultur der Angst“ innerhalb der niederländischen Organisation erschienen waren. Der erfahrene deutsche Fahrer, der im Laufe seiner Karriere insgesamt zehn Saisons für das Team fuhr, sagt, er habe nie etwas Vergleichbares erlebt. Zudem fragte er, warum die journalistische Recherche keine Stimmen einbezogen habe, die ein positives Bild der Organisation zeichneten.
Seine Äußerungen zogen eine direkte Reaktion von Thijs Zonneveld nach sich, einem der an der Recherche beteiligten Journalisten.
Der Bericht des niederländischen Senders NOS und des Radsport-Podcasts In de Waaier erschien vergangene Woche. Darin wurden Vorwürfe zum Arbeitsklima bei Picnic PostNL erhoben. Grundlage der Recherche waren vertrauliche Gespräche mit 71 aktiven und ehemaligen Fahrern sowie Mitarbeitern. Sie berichteten von psychischem Druck, Angst und Schwierigkeiten, Managemententscheidungen infrage zu stellen.
Degenkolb sagt allerdings, seine persönlichen Erfahrungen deckten sich nicht mit dieser Darstellung. Der 37-Jährige gewann während seiner ersten Zeit bei der Organisation Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix. Nach sechs Saisons bei anderen Teams kehrte er 2022 zurück. Am Montag teilte er auf Instagram seine Sicht der Dinge und fragte, ob die Ergebnisse ein ausreichend umfassendes Bild der Organisation vermittelten.
Team Picnic PostNL
Degenkolb fordert, auch positive Erfahrungen zu berücksichtigen
Der Fahrer erklärte, er habe mit seiner Stellungnahme bis zum Ende einer Urlaubswoche gewartet. Er stellte klar, dass er die negativen Erfahrungen anderer Teammitglieder nicht verharmlosen wolle. Eine faire Bewertung sollte seiner Ansicht nach jedoch auch Stimmen von Menschen berücksichtigen, die eine positive Beziehung zur Organisation hatten.
„Nach einer Woche Urlaub halte ich es für wichtig, meine persönliche Sicht auf die NOS-Recherche zu teilen“, schrieb Degenkolb. „In den zehn Jahren bei Team Picnic PostNL – von insgesamt 16 Jahren als Profi – habe ich nie eine ‚Kultur der Angst‘ erlebt, weder vor noch nach meiner freiwilligen Rückkehr ins Team im Jahr 2022.“
Der Deutsche betonte, kritische Stimmen müssten gehört werden. Die Ergebnisse sollten jedoch alle relevanten Perspektiven berücksichtigen. Sein Argument verweist auf die Größe der Organisation, die pro Saison rund 160 Mitarbeiter und knapp 60 Fahrer beschäftigt.
„Kritische Stimmen müssen gehört und ernst genommen werden. Eine faire und ausgewogene Bewertung setzt jedoch voraus, dass alle relevanten Perspektiven berücksichtigt werden“, fügte er hinzu.
Anschließend fragte er, ob die Zahl der negativen Schilderungen eine Organisation mit 18-jähriger Geschichte repräsentieren könne. „Unser Team hat rund 160 Mitarbeiter, darunter pro Saison knapp 60 Fahrer. In 18 Jahren lassen sich 71 Menschen finden, die negative Erfahrungen gemacht haben – aber waren diese Erfahrungen ausschließlich negativ?“
Seine Hauptkritik an den Autoren des Berichts mündete in die Frage, warum sie keine Stimmen mit einer anderen Perspektive einbezogen hätten. „Warum wurden Stimmen wie meine – und die vieler anderer – in der Recherche nicht berücksichtigt?“
Thijs Zonneveld reagiert und verteidigt den Schutz seiner Quellen
Degenkolbs Äußerungen zogen auf Instagram eine direkte Reaktion von Thijs Zonneveld nach sich. Der Journalist erklärte, er könne die Identität der Befragten nicht preisgeben, denn der Schutz seiner Quellen sei eine wesentliche Voraussetzung seiner Arbeit. Außerdem sagte er, die Zahl der gesammelten Aussagen würde noch steigen, wenn Gespräche seit der Veröffentlichung berücksichtigt würden.
„Wir können nicht genau sagen, mit wem wir gesprochen haben, denn wir werden unsere Quellen immer schützen“, schrieb Zonneveld. „Ich kann aber sagen, dass wir mit 71 aktiven und ehemaligen Fahrern sowie Mitarbeitern und ehemaligen Beschäftigten gesprochen haben. Zählt man auch die (ehemaligen) Mitarbeiter hinzu, mit denen wir seit der Veröffentlichung gesprochen haben, wäre die Zahl noch höher.“
Der Journalist räumte auch ein, dass Degenkolbs Erfahrungen Gehör verdienten. Zugleich sagte er, sie unterschieden sich von den Erfahrungen anderer Menschen aus dem Umfeld der Organisation. Zonneveld erklärte, er sei bereit, mehr über Degenkolbs Erlebnisse zu erfahren, stehe aber zu den Erkenntnissen aus den für den Bericht geführten Gesprächen.
„Ich respektiere deine Sichtweise und würde gern mehr Einzelheiten erfahren. Ich schicke dir meine Nummer per Direktnachricht. Viele Menschen haben jedoch andere Erfahrungen gemacht als du“, fügte er hinzu.
Der Austausch verdeutlicht den Gegensatz zwischen den persönlichen Erfahrungen der Fahrer und den Aussagen aus der Recherche. Degenkolb bezweifelt, dass die veröffentlichte Darstellung repräsentativ ist. Zonneveld hält dagegen, die Vorwürfe stammten von zahlreichen Menschen und ihre Identitäten könnten aus Gründen der Vertraulichkeit nicht offengelegt werden.
Auch Warren Barguil verteidigt Picnic PostNL
Degenkolb ist nicht der einzige Fahrer, der Picnic PostNL seit der Veröffentlichung der Vorwürfe öffentlich unterstützt hat. Auch Warren Barguil, der das niederländische Team zunächst verließ und 2024 zurückkehrte, äußerte sich am Wochenende ähnlich. Dabei erinnerte er an die Unterstützung, die er im Laufe seiner Karriere von der Mannschaft erhalten hatte.
Der Franzose verwies auf sein Verhältnis zur Teamführung vor der Tour de France 2017. Seinen Angaben zufolge unterstützte ihn das Team weiter, obwohl bekannt war, dass er die Mannschaft am Ende der Saison verlassen würde. Diese Erfahrung sei ein Grund gewesen, Jahre später zurückzukehren.
„Wenn die Führung toxisch gewesen wäre, wäre ich nie zurückgekommen“, sagte der Fahrer. Er verteidigte außerdem die Anforderungen des Profiradsports und die Maßstäbe, die an Mitglieder eines Spitzenteams angelegt werden.
„Das ist kein Urlaub im Club Med“, sagte Barguil. Die Ansprüche des Teams hätten ihm geholfen, sich als Fahrer und als Mensch weiterzuentwickeln. Zugleich äußerte er Sorge über die möglichen Folgen der Vorwürfe für die Organisation. Diese befindet sich in einer heiklen Phase, in der sie Sponsoren gewinnen und ihre WorldTour-Zukunft sichern muss.
Picnic PostNL beauftragt unabhängige Untersuchung
Degenkolb und Barguil schildern positive Erfahrungen mit Picnic PostNL. Ihre Aussagen widerlegen jedoch nicht automatisch die negativen Erlebnisse, von denen andere Fahrer und Mitarbeiter berichtet haben. Im Mittelpunkt der Kontroverse stehen die unterschiedlichen Erfahrungen innerhalb derselben Organisation und die Tragweite der von NOS und In de Waaier veröffentlichten Vorwürfe.
Das niederländische Team hat die Bedeutung der Beschwerden anerkannt, erklärt jedoch, es erkenne sich im Gesamtbild der journalistischen Recherche nicht wieder. Als Reaktion darauf hat es eine unabhängige Untersuchung seiner Arbeitskultur in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse sollen dazu beitragen, die aufgeworfenen Fragen zu klären.
Bis diese Ergebnisse vorliegen, bleibt die Debatte offen. Degenkolb fordert, auch Menschen mit positiven Erfahrungen Gehör zu schenken. Zonneveld verteidigt den Wert vertraulicher Aussagen und weist darauf hin, dass viele Menschen eine andere Realität beschrieben hätten als der deutsche Fahrer. Beide Perspektiven gehören zu einer Kontroverse, die noch auf eine umfassendere Bewertung wartet.
Oliver Ried ist seit Anfang 2025 Redakteur bei Radsportaktuell.de. Er berichtet dort über den professionellen Radsport und begleitet das Geschehen von der WorldTour bis zu wichtigen nationalen und internationalen Rennen. Sein Schwerpunkt liegt auf aktuellen Rennberichten, Einordnungen und Hintergrundtexten, mit denen er sportliche Entwicklungen im Peloton verständlich und präzise erklärt. Bei großen Renntagen arbeitet er zudem mit Live-Formaten, um das Geschehen fortlaufend zu dokumentieren und zeitnah einzuordnen.
Oliver ist in Würzburg stationiert. Neben seiner redaktionellen Arbeit ist er sportlich selbst aktiv und bringt dadurch zusätzliche Praxisnähe in seine Berichterstattung ein. Er studiert Grundschullehramt und legt bei seinen Artikeln Wert auf sorgfältige Quellenprüfung, klare Einordnung und verlässliche Informationen. Inhalte aktualisiert er, sobald neue, gesicherte Details vorliegen.