INTERVIEW – Jake Stewart und Matis Louvel wollen Biniam Girmay ins Grüne Trikot der Tour de France führen – so gehen sie vor
Radsport
Das NSN Cycling Team hat an diesem Mittwochnachmittag im Herzen Barcelonas seine Pre-Tour-de-France-Pressekonferenz abgehalten. Biniam Girmay führt die Ambitionen der Mannschaft bei der Großen Schleife an, mit dem Ziel, Etappensiege in den Sprints und womöglich das Punkteklassement zu holen. CyclingUptoDate hat mit zwei entscheidenden Helfern gesprochen, die ihn leiten werden: Jake Stewart und Matis Louvel.
Das Schweizer Team lud zu einem großen Auftritt mit zentralen NSN-Persönlichkeiten und der sportlichen Leitung. Die Mannschaft ist in Katalonien beheimatet und obwohl die Lizenz schweizerisch ist, kann auf dem Papier kein Team diesen Grand Départ mehr als „Heimstart“ betrachten. Auch Andrés Iniesta war bei der Pressekonferenz anwesend, der sportliche Fokus lag jedoch klar auf Girmay, einem ehemaligen Träger des grünen Trikots der Tour de France, und Sportdirektor Sam Bewley, der in diesem Monat am Steuer sitzen wird und die Grande Boucle selbst gefahren ist.
Mit Jasper Philipsen, Tim Merlier und Mads Pedersen am Start wartet beim französischen Rennen starke Konkurrenz auf den Sieger von 2024. Girmay betonte jedoch, dass ihm die anspruchsvolle Strecke und die erwartete große Hitze zum Auftakt liegen, da er weit mehr ist als nur ein reiner Sprinter.
Weiterlesen
Im Anschluss an die Pressekonferenz setzten wir uns mit zwei von Girmays wichtigsten Unterstützern zusammen. Das Team hat klar formuliert, dass seine Ziele in den Sprints und im Grünen Trikot liegen, und die Auswahl macht daraus kein Geheimnis. Tom van Asbroeck, Matis Louvel sowie die Briten Lewis Askey und Jake Stewart übernehmen die Schlüsselrollen.

Biniam Girmay führt NSN bei der Tour de France an, und das Team setzt volles Vertrauen in ihn
Jake Stewart übernimmt die Führungsrolle für Girmay
Eine unverkennbare Figur im Peloton. Von allen Fahrern im Feld hat Jake Stewart wohl die meisten Tattoos der gesamten Tour-de-France-Teilnehmer – dieser Einschätzung stimmt er zu. Doch für den Briten zählt jetzt das Tagesgeschäft: Er ist als Girmays rechte Hand für die Massensprints eingeteilt.
„Ja, da ist natürlich Druck, aber das ist eine Rolle, die ich, na ja, in den letzten zwei Touren mit [Pascal] Ackermann gefahren bin. Also kommen wir hier mit realistischeren Erwartungen her, würde ich sagen. Biniam hat schon Etappen gewonnen und das Grüne Trikot getragen. Wir wissen also, wozu er fähig ist“.
Beim jüngsten Baloise Belgium Tour half Stewart Girmay zum Sieg auf der Auftaktetappe, entsprechend eingespielt geht es in die Tour. „Wir wissen, was wir tun müssen, um Anfahrten zu fahren. Es gibt immer ein gewisses Maß an Druck, aber diesen Druck mag ich und daran wachse ich, wenn ich Anfahrten übernehme.“
Das Schweizer Team baut fast ebenso auf den Briten wie auf seinen Kapitän, denn er hat sich als einer der Besten in seiner Rolle erwiesen: „Ja, ich denke, ich habe in den vergangenen drei Jahren bewiesen, dass ich in den Finals und großen Sprints immer da bin. Biniam vertraut mir, und ich vertraue ihm – das ist das beste Rezept für Anfahrten.“

Jake Stewart im Renn-Einsatz für das NSN Cycling Team 2026
„Ich denke, das ist einfach eine Rolle, die gut zu meinen Eigenschaften und meiner Physiologie passt. In meinen ersten drei Profi-Jahren bei FDJ bekam ich viele Sprintchancen, aber ich blieb immer knapp dran. Am Ende lag das an meiner Physiologie und meinen Fahrer-Eigenschaften. Als ich zu diesem Team kam, wollte ich mich zum Anfahrer entwickeln. Ich habe immer gesagt, ich will einer der Besten der Welt in dem sein, was ich tue – als Sprinter war das nicht wirklich drin. Als Anfahrer habe ich aber die Attribute und die Physiologie, um das umzusetzen. Deshalb strebe ich genau das an.“
Das Team bringt zudem eine Vielseitigkeit mit, die andere Sprintzüge nicht immer haben – dank Girmays Fähigkeiten und der klaren Ausrichtung der gesamten Mannschaft auf sein Ziel. Quick-Step, Alpecin und Decathlon werden mehrere Anführer mit eigenen Ambitionen haben. NSN könnte daraus Kapital schlagen.
„Gerade mit Bini wissen wir, dass er sehr gut klettert und auch an Anstiegen performen kann. Härtere Sprints liegen ihm eher als die ganz flachen. Fahrer wie Merlier sind auf den reinen Flachetappen etwas besser aufgehoben, auch wenn Bini sich dort schon oft gezeigt hat. Wir kommen mit einer sehr starken Mannschaft, die auf verschiedenstem Terrain bestehen kann. Genau da sehe ich auch die Chance im Kampf ums Grüne Trikot.“
Ein Rennen, das erst am Mittwoch richtig beginnt
Das Rennen startet mit einem Mannschaftszeitfahren in Barcelona und bietet danach zwei Bergankünfte in Barcelona und Les Angles. Auch die Ankunft in Foix auf Etappe 4 folgt nach mehreren Anstiegen. Stewart glaubt, dass die Mannschaft erst auf Etappe 5 ihre erste echte Chance hat.
„Wenn ich das Roadbook zu weit im Voraus studiere, mache ich mir eher Sorgen. Also nehme ich es lieber Tag für Tag […] Das ist wohl 50:50, hängt auch vom Typ Fahrer ab. Ich kenne viele, die das Roadbook in- und auswendig kennen und genau wissen, welche Etappe was bringt. Aus meiner Sicht als sprintertypischer Fahrer, der Anfahrten ausführt, ist mein erstes Ziel Etappe fünf in Pau. Von dort geht es Tag für Tag weiter. Bis dahin geht es für mich nur darum, sicher und in bestmöglicher Verfassung durchzukommen – bis Etappe fünf. Darauf liegt mein Fokus. Tag für Tag und ins Roadbook schauen, wenn es nötig ist.“
Ein vielseitiger Rouleur, Stewart kann im Team mehrere Rollen übernehmen und notfalls selbst auf ein Ergebnis fahren. Auch wenn das möglich ist, betont er, dass der Fokus prioritär anderswo liegt – doch wenn sich eine Chance bietet, will er sie packen.
„Klar, Priorität haben hier die Sprints und das Grüne Trikot, das ist der Hauptfokus des Teams. Aber wenn sich Möglichkeiten ergeben und ich in guter Verfassung bin, werden wir es natürlich versuchen – an den Tagen, an denen es nötig ist, um Bini auf dem Weg zum Grünen Trikot und zu Etappenergebnissen zu unterstützen. Gleichzeitig müssen wir im Hinterkopf behalten, dass jeder Tag in der Gruppe oder jeder Extra-Kilometer am Berg auch die Leistungsfähigkeit an den flachen Sprinttagen beeinflusst. Wir müssen also clever damit umgehen. Aber wenn sich eine Gelegenheit bietet, will ich präsent sein.“

NSN will den mit Girmay aufgebauten Schwung in dieser Saison beibehalten
Matis Louvel bringt Power und Erfahrung zu NSN
Der Franzose Matis Louvel bestreitet seine dritte Tour de France und wird ebenfalls Teil des Anzugs für Girmay sein. „Meine Aufgabe ist eher früh im Zug. Für mich ist es schwieriger, ganz am Ende die Position zu behaupten“, sagte er uns ins Mikrofon. „Es ist einfacher, wenn die Straße offen ist und ich einfach drücken und meine Power zeigen kann. Ich bin also im Zug, aber eher früh.“
Bei der Tour de France trifft Louvel auf die stärkste Leadout-Konkurrenz. Die Sprinterteams bringen über drei Wochen ihre besten Leute – und schützen die Top-Sprinter. „Bei der Tour ist es auch etwas anders. Ich denke, es beginnt früher, weil es viele Teams und viele Jungs mit großen Motoren gibt. Wir versuchen jeden Tag, eine gute Lösung zu finden, um mich bestmöglich einzusetzen.“
Wie Stewart schließt er eigene Ambitionen nicht aus. Auch weil NSN keinen GC-Fokus hat und alle Fahrer zu bestimmten Zeitpunkten Freiheiten bekommen könnten. „Ja, wenn sich eine Gelegenheit bietet, nehme ich sie. Aber in erster Linie bin ich hier, um für das Team zu arbeiten, einen guten Sprint mit Bini zu fahren und einen starken Kletterer in die Ausreißergruppe zu bringen. Wenn sie Hilfe brauchen, ist es mein Job, dem Team zu helfen. Aber klar, wenn ich die Chance bekomme, nehme ich sie. Es ist auch etwas Besonderes, mit dem Team bei der Tour zu sein. Es ist immer ein großes Rennen, und jeder will dabei sein.“
Der 26-Jährige staunt weiterhin über die Dimensionen der Tour und genießt sie von innen. „Es ist sehr anders als andere Rennen. Alles ist größer, wir haben lange Transfers, großen Druck fürs Team – alles ist größer, aber es ist schön. Wir mögen Adrenalin und Druck im Sport, deshalb ist es wirklich schön, dort zu sein“, sagt er. „Nach einer Tour, wenn du zu einem kleineren Rennen gehst, bist du ein wenig enttäuscht und fragst dich: Was ist das für ein Rennen? Aber es ist schön, dort zu sein.“

Matis Louvel wird in diesem Sommer seine dritte Tour de France bestreiten
Wie sie feiern wollen
Läuft alles nach Plan, erreicht das Team Paris mit einem Etappensieg oder sogar mehr. Darauf freut sich Stewart am meisten: „Paris. Ja, sobald das Rennen startet, ist es Vollgas, und du wartest immer auf den nächsten Ruhetag oder darauf, Paris zu erreichen und Familie und Freunde zu sehen. Also ja, man will das Leben nicht vorbeirasen lassen, aber Paris ist immer ein schöner Tag.“
Als einer von sieben Briten beim Start in Barcelona – Teil des Teams, das zusammen mit Pinarello die meisten (zwei) stellt –, hat Stewart eine klare Vorstellung, wie er das Ende des Rennens später in diesem Monat feiern will: „Ein paar Bier trinken, schätze ich.“

Pascal MichielsSEO-Manager, Sportjournalist und Editor-in-chief
In meiner Nachbarschaft wuchs man mit der Tour de France auf. Sie war überall – es waren die letzten großen Jahre von Eddy Merckx. Wir waren Kinder, trugen Trikots und spielten die gesamte Rundfahrt nach. Zwei Brücken wurden zu unseren „Bergen“, und wir rasten über Straßen, als Autos noch nicht den Ton angaben. Mit 13 Jahren war mein Herz endgültig dem Radsport verfallen. In einem Urlaub in Frankreich durfte ich nach langem Drängen eine echte Bergetappe fahren – mit meinem Fahrrad von zu Hause, drei Gängen, Licht, dicken Reifen und Schutzblechen.
Ich brach früh auf, fuhr den Col de Joux Plane und anschließend Morzine-Avoriaz. Proviant: eine Tüte Kirschen, kein Wasser, keine Erfahrung. Von Les Gets aus wurde es trotzdem der glücklichste Tag meines Lebens. Als ich die Häuser auf halber Höhe des Joux Plane erreichte, wusste ich, dass ich nicht aufhören würde zu treten. Oben angekommen trank ich an einem Baumstamm – und spürte eine Freude, die ich bis heute mit dem Radsport verbinde. Im Tal stand die Entscheidung an: zurück oder weiter nach Avoriaz. Ich fuhr weiter, ohne anzuhalten, und schaffte auch den zweiten Anstieg. Mit meinem knallroten, eigentlich lächerlichen Rad überholte ich Fahrer auf echten Rennrädern. Wieder dieses Glück.
Dieses unverfälschte Gefühl begleitet mich bis heute – und es ist der Ursprung meiner Arbeit. Ich bin Chefredakteur von Radsportaktuell.de und verantworte die redaktionelle Ausrichtung der Plattform: Themenpriorisierung, Qualitätsstandards, Faktenprüfung und die konsequente Aktualisierung von Inhalten, sobald neue, verifizierte Informationen vorliegen. Neben der Leitung der Redaktion schreibe und editiere ich selbst und lege besonderen Wert auf klare Einordnung, präzise Sprache und nachvollziehbare Analysen.
Radsport ist für mich mehr als Leidenschaft. Er ist ein komplexer Leistungssport, der Kontext, Genauigkeit und Verantwortung verlangt – genau diesen Anspruch vertrete ich in unserer täglichen Berichterstattung.
Klatscht 0Besucher 0
Gerade In
Beliebte Nachrichten
Aktuelle Kommentare
- Also bitte, 1 MRT und man weiß bescheid. Vorausgesetzt die Ärzte sind keine Vollpfosten. Ich schreibe das, weil schon wieder PPNl das Thema ist.Wurm30-10-2026
- Wer ist Kimi Antonelli und hat Mercedes jetzt ein Radteam?Wurm29-10-2026
- Sorry für meine Vertipper. Seltsam, dass man nichtmal 5 Minuten lang editieren kann.Wurm25-10-2026
- Ich bon etwas verwirrt, das ganze Jahr hieß es "Ineos hat mit Netcompany nen 100 Millionen Euro Fisch an Land gezogen. Plus das Total Enerfie Geld sollte doch genug vorhanden sein. Oder hat ne absurde Ablöse für Onley alles verbraucht? Dann sollte dwe Verantwortliche evtl gehangen werden ;)Wurm25-10-2026
- Hoffe sie setzen sich durch, ist überfällig und so kann's ja echt nicht weitergehen.Bonos10-10-2026
- Die 120. Lombardei-Rundfahrt 2026 führt am 10. Oktober 2026 über 239 Kilometer von Bergamo nach Como. Ohne den verletzten Seriensieger Tadej Pogačar ist das Rennen völlig offen, wobei die taktische Ausrichtung der Top-Teams von der Streckenänderung geprägt ist: Der Muro di Sormano entfällt, dafür entscheidet ein anspruchsvoller Schlussrundkurs mit dem Doppelpack aus Civiglio und San Fermo della Battaglia das Rennen. Taktische Ausrichtungen der Favoriten-Teams Soudal Quick-Step (Remco Evenepoel) Frühzeitige Solo-Attacke: Evenepoel setzt nach dem EM-Titel auf ein langes Solo oder eine gut getimte Attacke an den letzten Steigungen (Civiglio/San Fermo), um seine Stärke im gleichmäßigen, hohen Tempo auf den flachen/abfallenden Passagen auszuspielen. UAE Team Emirates-XRG (Brandon McNulty, Isaac del Toro) Offensive Mehrfach-Optionen: Ohne Pogačar fährt das Team mannschaftsdienlich aggressiv. Weltmeister McNulty und Del Toro müssen das Rennen früh schwer machen, können aber durch Überzahl im Finale (mit Yates, Großschartner etc.) taktisch variieren. Red Bull – Bora – hansgrohe (Jai Hindley, Primož Roglič, Giulio Pellizzari) Dreifachspitze & Kontrolle: Das Team verfügt über eine starke Kapitänsdichte. Die Taktik dürfte darauf abzielen, das Rennen in den ersten harten Kilometern und am Ghisallo schwer zu halten und mit verschiedenen Karten im Finale zu attackieren. Lidl – Trek (Giulio Ciccone) Am Rad bleiben & Explosivität: Ciccone bewies bei der EM, dass er steile Anstiege mit den Besten gehen kann. Seine Taktik wird sein, Evenepoel oder andere explosive Fahrer am Civiglio zu kontrollieren und auf seine Sprintstärke im Finale zu setzen. Schlüsselfaktoren für den Rennverlauf Frühe Härte: Bereits in den ersten 80 Kilometern und am Anstieg zur Madonna del Ghisallo wird das Feld ausgedünnt. Helferteams wie UAE oder Red Bull müssen hier früh das Tempo bestimmen. Das Finale (Civiglio & San Fermo): Nach der ersten Überquerung von San Fermo folgt der steile Anstieg nach Civiglio (9,7 % Schnitt), der als Hauptsprungbrett für den entscheidenden Angriff dient. Wer hier eine Lücke reißt, kann über die finale Abfahrt und das letzte Mal San Fermo (5 km bis ins Ziel) durchziehen.gregmann09-10-2026
- Hier ist die Analyse des gestrigen Straßenrennens der Männer-Elite bei den UCI-Straßenrad-Weltmeisterschaften 2026 in Montréal, Kanada. Da der zweifache Titelverteidiger Tadej Pogačar verletzungsbedingt fehlte, entwickelte sich das Rennen zu einem der unvorhersehbarsten und taktisch chaotischsten WM-Rennen der jüngeren Vergangenheit. Der US-Amerikaner Brandon McNulty krönte sich nach einer sensationellen Soloflucht zum neuen Weltmeister. Er beendete damit eine 33-jährige Durststrecke für die USA (seit Lance Armstrong 1993). Taktische Rennanalyse & Schlüsselmomente 1. Das brutale Ausscheidungsrennen auf dem Mont Royal Die Strecke über 273,4 Kilometer und rund 3.800 Höhenmeter entpuppte sich als echter Scharfrichter. Vor allem die 12 Runden auf dem selektiven Rundkurs in Montréal mit dem steilen Chemin de la Polytechnique zogen dem Hauptfeld kontinuierlich den Zahn. Früh im Rennen begannen die großen Nationen zu attackieren. Mathieu van der Poel zeigte sich enorm aktiv und distanzierte rund 50 Kilometer vor dem Ziel mit einer brutalen Beschleunigung sogar seinen ewigen Rivalen Wout van Aert. 2. Der goldene Moment von Brandon McNulty Nachdem eine namhafte vierköpfige Spitzengruppe um Van der Poel durch eine Tempoverschärfung des mexikanischen Toptalents Isaac del Toro gestellt wurde, herrschte einen Moment lang Uneinigkeit im verbliebenen Elite-Feld. Diesen psychologischen Moment nutzte McNulty exakt 33 Kilometer vor dem Ziel für eine mutige Soloattacke. Niemand reagierte sofort, was sich als der entscheidende Fehler des Rennens herausstellen sollte. 3. Das kollektive Versagen der Verfolger Obwohl McNulty zwischenzeitlich über eine Minute Vorsprung herausgefahren hatte, brachte eine aggressive Verfolgergruppe um Tom Pidcock, Del Toro und den jungen Franzosen Paul Seixas den Abstand 9 Kilometer vor dem Ziel noch einmal auf 10 Sekunden heran. Anstatt das Loch jedoch gemeinsam komplett zuzufahren, begannen taktische Spielchen. Die Fahrer schauten sich gegenseitig an und verweigerten die Führungsarbeit, was McNulty nutzte, um nochmals den Kopf runterzunehmen und das Ding ins Ziel zu retten. 4. Die Geschlagenen: Belgien geht leer aus Das belgische Team reiste als absoluter Topfavorit mit einer Doppelspitze aus Remco Evenepoel (der zuvor sensationell zum vierten Mal in Folge das WM-Zeitfahren gewonnen hatte) und Wout van Aert an. Doch die Taktik ging nicht auf: Van Aert musste der harten Fahrweise Tribut zollen, und Evenepoel fand im Finale nicht die entscheidenden Beine, um die Lücke zu McNulty im Alleingang zu schließen. Am Ende reichte es für Evenepoel nur zu Platz 12.gregmann28-09-2026
- Die taktische Ausrichtung beim Straßenrennen der Männer-Elite bei den UCI-Straßen-Weltmeisterschaften 2026 in Montréal wird maßgeblich durch zwei Faktoren bestimmt: das Fehlen des verletzten Titelverteidigers Tadej Pogačar und das Verbot von Teamfunk ("No Race Radios"). Dadurch bricht die gewohnte Dominanz und Kontrolle klassischer World Tour-Teams weg. Das Rennen über 273,7 Kilometer und 3.803 Höhenmeter entwickelt sich zu einem hochgradig unvorhersehbaren Ausscheidungsfahren auf den 12 Runden rund um den Mont Royal. Die taktischen Hauptszenarien & Teamstrategien Nation / Fahrertyp Taktischer Ansatz & Ausrichtung Belgien (Evenepoel & Van Aert) Doppelspitze mit Rollenteilung: Geht als die kontrollierende Großmacht ins Rennen. Die Taktik sieht vor, mit Remco Evenepoel frühzeitig oder aus der Distanz zu attackieren, um die Konkurrenz zur Nacharbeit zu zwingen. Sollte diese Gruppe zurückgeholt werden, lauert Wout van Aert im reduzierten Feld für ein spätes Finale oder einen Sprint. Klassikerjäger (Mathieu van der Poel / Pedersen) Abwartende Trittbrettfahrer-Taktik: Fahrer wie Mathieu van der Poel wissen, dass der Kurs mit 3.800 Höhenmetern an ihrer absoluten Belastungsgrenze kratzt. Ihre Taktik baut darauf, Allianzen mit anderen Nationen einzugehen, Angriffe am Berg zu neutralisieren und die Entscheidung auf das ansteigende falsche Flachstück der Zielgeraden zu vertagen. USA & Außenseiter (McNulty, Simmons, Del Toro) Frühzeitige Offensive ("Chaos-Taktik"): Da Fahrer wie Isaac del Toro (Mexiko) kaum Helfer im Nationalteam haben, müssen sie das Rennen frühzeitig öffnen. Die USA nutzt ihre enorme Kaderbreite (Brandon McNulty, Quinn Simmons, Matteo Jorgenson), um in wechselnden Zwischengruppen vertreten zu sein und Belgien die Kontrollarbeit aufzuzwingen. Deutschland (Lipowitz, Schachmann) Reaktive Außenseiterrolle: Ohne absoluten Top-Favoriten setzt der BDR darauf, sich in Gruppen zu platzieren (z. B. durch Schachmann, Zimmermann oder Brenner). Florian Lipowitz agiert als geschützter Fahrer für das schwere Finale in den letzten Runden. Strategische Schlüsselfaktoren auf der Straße Entscheidung ohne Funkgeräte: Da Anweisungen aus dem Auto fehlen, müssen die Fahrer das Rennen selbst lesen. Wer eine rennentscheidende Gruppe verpasst, muss instinktiv reagieren. Dies führt oft zu taktischen Fehlern bei den Favoriten und erhöht die Chancen für mutige Ausreißer. Das Ausscheidungsfahren am Mont Royal: Der giftige Anstieg Côte Camillien-Houde (1,8 km bei 8 %) sowie die Côte de la Polytechnique (über 11 % in Spitzen) sieben das Feld mit jeder der 12 Runden weiter aus. Die Taktik verschiebt sich von "Kräfte sparen" in der ersten Rennhälfte hin zu einem brutalen Positionskampf vor den Anstiegen im Finale. Das falsche Flachstück im Ziel: Wer am Ende einer Gruppe den WM-Titel unter sich ausmacht, benötigt nach 274 Kilometern enorme Endschnelligkeit an einer rampenartigen Zielgeraden. Ein zu früher Antritt ist hier taktischer Selbstmord.gregmann27-09-2026
- WAS FÜR EIN FINALE!!!!! Das WM-Straßenrennen der Frauen Elite 2026 in Montréal lieferte ein absolut dramatisches und taktisch hochkomplexes Finale. Am Ende krönte sich die Topfavoritin Demi Vollering (Niederlande) nach einem packenden Schlagabtausch und taktischen Spielchen zur neuen Weltmeisterin. Sie schüttelte auf den letzten Kilometern ihre verbliebene Kontrahentin Kasia Niewiadoma ab.Der Rennverlauf und die SchlüsselszenenDer Solo-Vorstoß von Vollering: Gut 38 Kilometer vor dem Ziel zündete Demi Vollering die entscheidende Rakete. Sie setzte sich alleine vom restlichen Feld ab und baute schnell einen Vorsprung auf.Die gnadenlose Verfolgung: Dahinter formierte sich eine hochkarätige Verfolgergruppe, angeführt von der Polin Kasia Niewiadoma-Phinney und der Italienerin Elisa Longo Borghini. Da bei Weltmeisterschaften kein Rennfunk („No Race Radios“) erlaubt ist, mussten die Fahrerinnen die Situation komplett eigenständig auf der Straße lösen.Der Zusammenschluss und der Konter: 15 Kilometer vor dem Ziel schien Vollerings Solo beendet. Niewiadoma und Longo Borghini schlossen zusammen mit der Französin Juliette Berthet zur Spitzenreiterin auf. Die Italienerin Longo Borghini fackelte nicht lange und ging auf der letzten Runde sogar kurzzeitig selbst in die Offensive.Das entscheidende Pokerspiel: Da sich Vollering und Niewiadoma an der Spitze zeitweise uneinig waren und taktierten, blieb das Rennen bis zum Schluss offen. Rund 4 Kilometer vor dem Ziel setzte Vollering jedoch die finale, alles entscheidende Attacke. Niewiadoma konnte dem Antritt nichts mehr entgegensetzen.gregmann26-09-2026
- Die taktische Ausgangslage beim UCI WM-Straßenrennen der Frauen-Elite in Montréal 2026 wird maßgeblich durch den schweren, 180,4 Kilometer langen Kurs (2.570 Höhenmeter) und die acht Runden auf dem selektiven Mont-Royal-Rundkurs bestimmt. Da Funkverbindungen („No Race Radios“) bei Weltmeisterschaften verboten sind, müssen die Teams ihre Strategien rein auf der Straße adaptieren.Die voraussichtlichen Teamtaktiken der großen Radsport-Nationen gliedern sich wie folgt: 🇳🇱 Niederlande: Das Rennen brutal schwer machen. Die Ausgangslage: Mit Demi Vollering stellen die Niederländerinnen die absolute Topfavoritin, die nach einer überragenden Saison das Regenbogentrikot jagt. Die Taktik: Das niederländische Team verfügt traditionell über die größte Dichte an Starfahrinnen (u.a. Puck Pieterse). Ihre Strategie wird darauf abzielen, das Rennen auf den acht Runden am Mont-Royal frühzeitig zu animieren. Um sprintstarke Konkurrentinnen wie Kopecky abzuschütteln, werden sie an den giftigen Rampen wie der Voie Camillien-Houde (2,3 km bei 6,2 %) ein mörderisches Tempo anschlagen, um das Feld zu dezimieren und Vollering für eine späte Solo-Attacke oder ein Duell aus einer kleinen Spitzengruppe zu lancieren. 🇧🇪 Belgien: Kopecky beschützen und isolieren Die Ausgangslage: Die zweifache Weltmeisterin Lotte Kopecky ist die größte Gefahr für ein Solo der Bergfahrerinnen. Sie bringt die perfekte Mischung aus Bergfestigkeit und einem mörderischen Zielsprint mit.Die Taktik: Belgien wird defensiver agieren als die Niederlande. Die Helferinnen müssen dafür sorgen, dass Kopecky bei den harten Tempoverschärfungen an den Anstiegen nicht den Anschluss verliert und gleichzeitig Konterattacken neutralisieren. Das Ziel ist es, Kopecky in einer reduzierten Gruppe über die letzte Rampe (Avenue Pagnuelo) und auf die leicht ansteigende Zielgerade zu bringen, wo sie im Sprint kaum zu schlagen ist 🇮🇹 Italien: Aggressives Forechecking mit Longo Borghini Die Ausgangslage: Elisa Longo Borghini befindet sich in herausragender Form (Sieg im WM-Mixed-Relay, starke Platzierung im WM-Zeitfahren).Die Taktik: Italien kann es sich nicht leisten, auf den Zielsprint zu warten. Ihre Taktik wird ein cleveres, aggressives Forechecking sein. Sie werden versuchen, Fahrerinnen in gefährliche Zwischengruppen zu schicken, um die Niederlande und Belgien zur Nacharbeit zu zwingen, damit Longo Borghini in den letzten zwei Runden den entscheidenden, harten Punch setzen kann. 🇩🇪 Deutschland: Die Underdog-Rolle und taktische Geschlossenheit Die Ausgangslage: Das BDR-Aufgebot reist ohne die eine, alles überragende Favoritin an, schickt aber ein extrem geschlossenes und formstarkes Quintett um Franziska Koch (Bronze im EZF), Liane Lippert, Antonia Niedermaier und Ricarda Bauernfeind ins Rennen. Die Taktik: „Taktische Flexibilität“ ist das deutsche Stichwort. Da man nicht die Last hat, das Rennen kontrollieren zu müssen, wird das Team versuchen, in den ersten Runden des Stadtkurses Kräfte zu sparen und bei gefährlichen Vorstößen stark besetzter Gruppen präsent zu sein. Sie werden darauf spekulieren, dass sich die großen Blöcke (Niederlande/Belgien) gegenseitig neutralisieren oder uneinig sind, um mit Lippert oder Koch im Finale um die Medaillen zu pokern. 🇨🇦 Kanada & Weitere Einzelkämpferinnen: Die Gunst des Chaos nutzenTitelverteidigerin Magdeleine Vallières (Kanada) und Fahrerinnen wie Kasia Niewiadoma (Polen) oder Kim Le Court (Mauritius) besitzen keine riesigen Helferteams. Ihre Taktik muss rein reaktiv und opportunistisch sein: Sie werden direkt am Hinterrad von Vollering und Kopecky kleben und auf den Moment setzen, in dem die großen Teams taktische Fehler begehen, um genau wie im Vorjahr im entscheidenden Moment wegzuspringengregmann26-09-2026








