„Ich würde mir die Haare raufen“ – Sportdirektor eines Konkurrenzteams warnt, dass Vismas wettergeplagtes Höhentrainingslager Wout van Aert und Co. beeinträchtigen könnte

Radsport
Mittwoch, 18 Februar 2026 um 13:30
woutvanaert matteojorgenson
Höhentrainingslager sollen einem Aufbau Kontrolle und Struktur geben. Stattdessen mussten Wout van Aert und seine Teamkollegen ständig improvisieren, weil Winterwetter das Sierra-Nevada-Camp von Team Visma | Lease a Bike immer wieder lahmlegte.
Starker Schneefall, Frost und instabile Bedingungen in der Höhe zwangen Visma über weite Strecken nach drinnen, mit Rollen und Indoor-Einheiten statt der sonst üblichen langen Ausfahrten vor den Frühjahrsklassikern.
Das verleitete Loïc Segaert, Performance Coach bei Bahrain – Victorious, zu einer klaren Einschätzung: Er bezweifelte, wie weit eine indoorlastige Vorbereitung für Fahrer tragen kann, die Rennen mit sechs Stunden und mehr Dauer im Visier haben.
„Ich würde mir die Haare raufen, wenn ich in der Lage von Team Visma | Lease a Bike wäre“, sagte Segaert bei Het Nieuwsblad und verwies nicht nur auf körperliche Grenzen, sondern auch auf die mentale Belastung durch wiederholte Indoor-Blöcke.

Warum das Wetter diesmal besonders ins Gewicht fällt

Höhencamps in der Sierra Nevada sind für Visma nichts Neues, doch die Bedingungen in diesem Winter sind besonders einschränkend. Verschneite Straßen und schlechte Sicht verhinderten wiederholt lange Outdoor-Fahrten, sodass selbst an ursprünglich für Ausdauer geplanten Tagen auf die Rolle ausgewichen werden musste.
Öffentlich einsehbare Trainingsdaten zeigen, dass Van Aert an mehreren Tagen mehrere Rolleneinheiten absolvierte, teils aufgeteilt in zwei oder sogar drei Indoor-Fahrten pro Tag. Der Ansatz ist bewusst, aber auch reaktiv.
Segaert betonte, dass Teams zwar umplanen können, die sinnvolle Kompromisslinie aber klar ist. „Was ich ganz sicher nicht machen würde: die komplette Trainingswoche auf der Rolle absolvieren, als würdest du eine Woche draußen fahren“, sagte er.
Die Sorge ist nicht, dass Rollen wirkungslos wären, sondern dass sie die Belastungsart grundlegend verändern. Indoor-Einheiten sind kürzer, statischer und muskulär weniger abwechslungsreich. Dehydrierung ist schwerer zu steuern, Sitzbeschwerden treten früher auf, und die monotone Position erhöht das Überlastungsrisiko.

Höhe und das Intervallproblem

Wetterchaos wiegt in der Höhe noch schwerer. Normalerweise fahren Athleten für hochintensive Intervalle in tiefere Lagen ab. Wenn Stürme die Fahrer auf 2.000 Meter oder höher in die Halle zwingen, entfällt diese Option.
„In der Höhe kannst du nicht dieselben Intervalle fahren, weil es schlicht zu hart ist“, erklärte Segaert. „Du musst zwangsläufig die Intensität reduzieren und die Belastungen kürzer halten.“
Diese Limitierung ist in der Klassiker-Vorbereitung entscheidend, wo Spezifität zählt. Die Kombination aus langen Ausdauertagen und rennnahen Belastungsblöcken lässt sich indoor nur schwer abbilden, zumal die Höhe die Intensität zusätzlich deckelt.
Als Ausgleich suchen Teams nach alternativen Reizen. Segaert verwies auf wiederholtes Sprinttraining als wirksame Methode in der Höhe, ebenso auf Hitzadaptation, beides Ansätze, die Qualität liefern, ohne auf lange Ausfahrten angewiesen zu sein.

Warum Vismas Ansatz dennoch bewusst gewählt ist

Visma hat das Camp nicht abgebrochen, sondern angepasst. Mehrere kürzere Einheiten pro Tag erlauben es, Kohlenhydratverfügbarkeit und Ermüdung zu steuern und mit geringerem Gesamtumfang ähnliche physiologische Antworten zu provozieren.
Segaert merkte an, dass Visma dieses Vorgehen bereits in früheren Höhencamps, insbesondere auf dem Teide, konsequent genutzt hat. Mit mehreren Fahrten pro Tag können die Fahrer gezielt mit reduzierten Energiespeichern trainieren und spezifische metabolische Anpassungen triggern, selbst wenn die Bedingungen Outdoor-Einheiten limitieren.
Die Frage ist nicht, ob der Ansatz grundsätzlich funktioniert, sondern ob er die Anforderungen einer Klassiker-Vorbereitung vollständig ersetzen kann.
„Wenn du dich auf Rennen über mehr als sechs Stunden vorbereitest, ist es schlicht sinnvoll, im Training auch sechs Stunden auf dem Rad zu sitzen“, sagte Segaert. „Diese neuromuskuläre Ermüdung gehört zur Vorbereitung.“

Balanceakt vor den Klassikern

Entscheidend für Van Aert und seine Teamkollegen: Das Camp fand nicht ausschließlich drinnen statt. Wetterfenster ermöglichten in den vergangenen Wochen Outdoor-Fahrten, darunter längere Einheiten, die einen Teil der fehlenden Ausdauerlast zurückbringen.
Ob die Störungen am Ende ins Gewicht fallen, wird sich erst mit Beginn der Klassiker zeigen. Segaerts Aussagen unterstreichen jedoch eine breitere Realität moderner Vorbereitung: Höhencamps bieten große Vorteile, doch wenn das Wetter dazwischenfunkt, wird selbst der bestgeplante Ablauf schnell zum Kompromiss.
Für Visma geht es nun darum, diesen Kompromiss nicht in die Rennen mitzuschleppen, die am meisten zählen.
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