Die
Tour de France Femmes ist ein Rennen mit ganz eigenen Gesetzen. Der Erfolg hängt längst nicht nur davon ab, an den entscheidenden Anstiegen die besten Beine zu haben. Für
Paula Blasi wurde die neuntägige Rundfahrt zu einer enormen körperlichen und mentalen Herausforderung. Nach ihrem Debüt räumt die 23-Jährige ein, in den vergangenen Wochen viel darüber gelernt zu haben, was es tatsächlich bedeutet, bei der Tour Tag für Tag auf höchstem Niveau zu bestehen.
Blasi erlebte während der neun Etappen sämtliche Höhen und Tiefen. Neben der sportlichen Belastung musste die Fahrerin von UAE Team L'IMAD mit dem permanenten Stress im Peloton und großer medialer Aufmerksamkeit umgehen. Am Ende arbeitete sie sich dennoch bis auf den fünften Gesamtrang nach vorne – und erkannte dabei auch, wo ihr zur absoluten Spitze noch etwas fehlt.
Blasi sieht noch eine kleine Lücke zur Tour-Spitze
„Es war eine echte Achterbahnfahrt. Es gab Tage, an denen es schlecht lief, andere waren etwas besser“, sagte Blasi gegenüber
AS. „Ich glaube, ich habe auf Etappe 6 wieder Anschluss gefunden, aber ich habe auch unter dem Stress gelitten, den man im Feld ständig erlebt.“
Paula Blasi kämpfte sich bei ihrer ersten Tour de France Femmes bis auf den fünften Gesamtrang vor. Besonders im Hochgebirge zeigte die 23-Jährige ihr enormes Potenzial.
Schon vor dem Start der Tour standen Blasi und UAE Team L'IMAD besonders im Fokus. Die 23-Jährige dürfte die Mannschaft zum Saisonende in Richtung Movistar Team verlassen und dafür ihren laufenden Vertrag vorzeitig beenden. Das Thema wurde zusätzlich mit ihren Aussagen vor der Rundfahrt verknüpft, als sie erklärte, nicht zu den beiden Kapitäninnen ihres Teams zu gehören. Diese Rollen waren Elisa Longo Borghini und Dominika Wlodarczyk zugedacht.
Angesichts ihrer vorherigen Resultate sorgte diese Entscheidung für Verwunderung. Blasi hatte das Amstel Gold Race Ladies, La Vuelta Femenina und seit dem Ende der Vuelta zwei weitere Rundfahrten gewonnen. Auch die Spanierin selbst scheute sich nicht davor, öffentlich über ihre Rolle zu sprechen. Entsprechend groß war der Druck auf sie und die Mannschaft, die sich während der Tour täglich mit Fragen konfrontiert sah, auf die es keine einfachen Antworten gab.
„Es war meine erste Tour, und ehrlich gesagt ist sie anders als jedes andere Rennen. Man muss sich daran gewöhnen“, gestand Blasi. Auch das Renntempo stellte sie vom ersten Tag in Lausanne an vor eine neue Herausforderung. Ab der vierten Etappe nahm der Kampf um die Gesamtwertung Tag für Tag immer klarere Konturen an – ohne echte Gelegenheit zum Durchatmen.
Hartes Lehrstück für das Supertalent von UAE Team L'IMAD
Ein Zeitfahren, zwei hügelige Etappen, der Mont Ventoux, ein weiterer anspruchsvoller Schlussanstieg und schließlich die entscheidende Etappe nach Nizza: Das letzte Drittel der Tour verlangte den Fahrerinnen alles ab. Nicht nur die reine Leistungsfähigkeit war gefragt, sondern auch Konstanz und Widerstandsfähigkeit unter permanentem Druck.
„Zwischen der Fahrerin, die zur 1. Etappe der Tour antrat, und der von jetzt liegen Welten. Ab Tag 1 fährst du Vollgas, komplett am Limit. Das hat mich tatsächlich überrascht, und ich fragte mich: Hey, was ist mit all der Vorbereitung passiert?“
Noch drei Monate zuvor hatte Blasi La Vuelta gewonnen. Umso mehr überraschte sie das hohe Niveau bei der Tour de France Femmes. „Ich habe ab Tag 1 gelitten, und das war theoretisch die leichteste Etappe. Dann habe ich gemerkt, dass Positionierung fundamental ist. Wenn du nicht richtig platziert bist und zu weit hinten, musst du doppelt so viele Watt treten. Das habe ich gelernt.“
Für Blasi war es erst die zweite Grand Tour ihrer Karriere. Entsprechend groß fiel der Lerneffekt aus – nicht nur aufgrund der sportlichen Anforderungen, sondern auch wegen der täglichen Medienpräsenz und der Abläufe innerhalb eines Rennens dieser Größenordnung. Nachdem sie in den Monaten zuvor viele ihrer Rennen dominiert hatte, wurde die Tour für die junge Spanierin auch zu einer eindrücklichen Erinnerung daran, wie hoch das Niveau im Profipeloton tatsächlich ist.
„Ich habe gemerkt, dass ich nicht so nah dran bin, wie ich vielleicht dachte. Wenn attackiert wird, fehlte mir dieses eine, zwei Prozent“, gestand die Kletterin. „Also habe ich Hausaufgaben, und ich hoffe, sie rechtzeitig bis zum nächsten Einsatz gemacht zu haben.“
Blasi wird stärker, je härter die Tour wird
An den entscheidenden letzten Tagen arbeitete sich Blasi mit konstant starken Leistungen immer weiter nach vorne. Mit ihrem fünften Platz am Mont Ventoux verbesserte sie sich in der Gesamtwertung von Rang zehn auf sieben. Auf der Schlussetappe nach Nizza fuhr sie anschließend sogar auf Platz zwei und sprang dadurch noch vom siebten auf den fünften Gesamtrang.
Auffällig war dabei, dass Blasi gerade dann ihre besten Leistungen zeigte, wenn die Anstiege besonders lang und anspruchsvoll wurden. Diese Erkenntnis nimmt sie als wichtiges Signal für ihre weitere Entwicklung mit. „Ich muss mir mehr vertrauen, denn wenn die Hochgebirge kommen, sind die Beine da.“
UAE Team L'IMAD sicherte sich am Ende die Mannschaftswertung, wodurch Blasi in Nizza ebenfalls auf dem Podium stand. Gleichzeitig trug die 23-Jährige dazu bei, dass ihre Teamkollegin Elisa Longo Borghini den dritten Rang in der Gesamtwertung behauptete.
„Sobald es hektisch wurde, verloren viele ihre Helferinnen und standen allein da. Zwei Fahrerinnen vorne zu haben, war ein großer Pluspunkt.“
Trotz aller Schwierigkeiten fällt Blasis Bilanz ihres Tour-Debüts deshalb positiv und zugleich selbstkritisch aus. „Es war meine erste Tour, praktisch erst mein erstes Jahr in der WorldTour, also kann ich nicht viel mehr verlangen. Und ich werde auch realistischer. Ich wollte mir beweisen, dass die Beine aus der Vuelta auch bei der Tour zählen, dass es kein Ausreißer war“, schloss sie.