Tom Pidcock reist mit der Chance zur UCI-Straßen-Weltmeisterschaft 2026, Radsportgeschichte zu schreiben. In Montreal könnte dem Briten etwas gelingen, das vor ihm noch kein männlicher Fahrer geschafft hat.
Nur drei Wochen nach seinem XCO-Weltmeistertitel in der Elite-Klasse in Val di Sole nimmt Pidcock in Montreal das nächste Regenbogentrikot ins Visier. Gewinnt er auch das Straßenrennen, würde er beide Welttitel gleichzeitig halten. Pauline Ferrand-Prevot gelang dieses außergewöhnliche Kunststück 2015 bei den Frauen, als sie zeitgleich Elite-Weltmeisterin auf der Straße, im Cross und auf dem
Mountainbike war. Bei den Männern hat dagegen noch nie ein Fahrer gleichzeitig die Elite-Regenbogentrikots im Straßenrennen und im XCO getragen.
Pidcock reist zudem mit einer seiner stärksten Formphasen der Saison nach Montreal. Seit seinem neunten Gesamtrang bei der Tour de France krönte er sich zum MTB-Weltmeister, gewann den GP Industria & Artigianato und belegte beim GP Quebec sowie beim GP Montreal die Plätze vier und sechs.
Tom Pidcock präsentiert seine Goldmedaille nach dem Triumph bei der Mountainbike-Weltmeisterschaft 2026 in Val di Sole – nur drei Wochen später jagt er in Montreal bereits das nächste Regenbogentrikot.
Diese Ergebnisse runden eine ohnehin starke Straßensaison ab, in der Pidcock bereits Zweiter bei Mailand-Sanremo wurde und Mailand-Turin für sich entschied. Seine nächste Jagd nach dem Regenbogentrikot basiert damit nicht nur auf seiner herausragenden Vielseitigkeit, sondern auch auf konstant starken Resultaten auf der Straße.
Kanada liefert den bislang aussagekräftigsten WM-Vergleich
Die beiden kanadischen WorldTour-Rennen ermöglichten Pidcock einen direkten Formvergleich mit zahlreichen Fahrern, die auch bei der
Weltmeisterschaft eine entscheidende Rolle spielen dürften. Beim GP Quebec belegte der Brite den vierten Platz, 28 Sekunden hinter Sieger Remco Evenepoel. Giulio Ciccone wurde Zweiter, Anthon Charmig komplettierte als Dritter das Podium. Pidcock führte die nächste Gruppe ins Ziel, nachdem er bis weit ins Finale hinein in einem Rennen um die vorderen Positionen gekämpft hatte, das schließlich einer der großen Favoriten für Montreal für sich entschied.
Nur zwei Tage später folgte der nächste wichtige Härtetest. Auf demselben Rundkurs am Mont Royal, der auch den entscheidenden Teil des WM-Straßenrennens bildet, fuhr Pidcock auf Rang sechs. Isaac del Toro und Paul Seixas konnten sich in der Schlussrunde von ihren Konkurrenten lösen, ehe Del Toro den Sprint um den Sieg für sich entschied. Auch Brandon McNulty, Quinn Simmons und Evenepoel erreichten das Ziel noch vor Pidcock.
Bei der Weltmeisterschaft wird dieser Test allerdings noch einmal erheblich verschärft. Das Straßenrennen der Männer-Elite führt über 273,7 Kilometer und umfasst insgesamt 3.803 Höhenmeter. Der abschließende 13,4 Kilometer lange Rundkurs beinhaltet den 2,3 Kilometer langen Camillien-Houde-Anstieg mit durchschnittlich 6,2 Prozent, den noch steileren Polytechnique-Abschnitt mit Rampen von mehr als elf Prozent sowie die ansteigende Passage entlang der Avenue du Parc bis zum Ziel.
Pidcock bezeichnete den GP Montreal als „super hart“ und rechnet damit, dass das WM-Rennen aufgrund der zusätzlichen Distanz noch einmal deutlich zermürbender wird. Gleichzeitig deutete der Brite an, dass er seine Kräfte früher eingesetzt habe als einige jener Fahrer, die am Ende vor ihm landeten. Diese Erfahrung könnte Einfluss auf seine Herangehensweise bei der Weltmeisterschaft haben – insbesondere dann, wenn auf den letzten beiden Runden die verbliebenen Kraftreserven wichtiger werden als frühzeitige Angriffslust.
Eine Straßenkarriere, die seinen WM-Anspruch untermauert
Pidcocks Palmarès auf der Straße besteht längst nicht mehr nur aus vereinzelten Erfolgen eines vielseitigen Crossover-Spezialisten. Der Brite gewann Strade Bianche und das Amstel Gold Race, triumphierte bei der Tour de France auf der Alpe d'Huez und belegte sowohl bei Lüttich-Bastogne-Lüttich als auch bei Mailand-Sanremo den zweiten Platz. Ebenso bemerkenswert ist seine Entwicklung bei den großen Rundfahrten: Auf Rang drei bei der Vuelta a Espana 2025 folgte in diesem Jahr der neunte Gesamtrang bei der Tour de France.
Auch seine Straßensiege der Saison 2026 unterstreichen diese Entwicklung. Pidcock gewann Mailand-Turin und die Andorra MoraBanc Classica und feierte darüber hinaus Etappenerfolge bei der Vuelta a Andalucia sowie der Tour of the Alps.
Der ungewöhnlichste Teil seiner aktuellen Erfolgsserie begann allerdings erst nach der Tour de France. Pidcock wechselte zurück aufs Mountainbike und musste bei der Weltmeisterschaft in Val di Sole aus der fünften Startreihe ins Rennen gehen. Von dort arbeitete er sich eindrucksvoll durch das Feld, setzte sich schließlich von der Konkurrenz ab und krönte seine Aufholjagd mit seinem zweiten XCO-Weltmeistertitel in der Elite-Klasse.
Nur sieben Tage später saß Pidcock beim GP Industria & Artigianato bereits wieder auf dem Straßenrad. Innerhalb der letzten 13 Kilometer ging der Brite in die Offensive, setzte sich am Mungherino von seinen Konkurrenten ab und fuhr anschließend als Solist zum Sieg. Später räumte er ein, selbst mit einer längeren Umstellungsphase nach dem Wechsel vom Mountainbike zurück auf die Straße gerechnet zu haben.
Darauf folgten der vierte Platz beim GP Quebec und Rang sechs beim GP Montreal. Pidcock setzte damit eine bemerkenswerte Serie fort: Trotz des Disziplinwechsels mitten in seiner Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft behauptete er sich konstant in der Spitze hochklassig besetzter Rennen.
Auch im Strassenrennen der Weltmeisterschaft kann Pidcock bereits auf starke Ergebnisse verweisen. Zweimal schaffte er es bei der Elite-Weltmeisterschaft unter die besten Zehn, sein bislang bestes Resultat erzielte er 2021 in Leuven mit dem sechsten Platz.
Tom Pidcocks WM-Bilanz im Straßenrennen
| Jahr | Austragungsort | Platzierung |
| 2025 | Kigali, Rwanda | 10. |
| 2024 | Zurich, Switzerland | 57. |
| 2021 | Leuven, Belgium | 6. |
| 2020 | Imola, Italy | 42. |
Großbritannien reist mit mehreren taktischen Optionen an
British Cycling setzt in Montreal nicht allein auf Pidcock, sondern hat auch Adam Yates als Kapitän benannt. Mit Oscar Onley gehört zudem ein weiterer starker Kletterer zum britischen Aufgebot, der nach einer erneut überzeugenden Saison auf den europäischen Straßen eine zusätzliche Option für das anspruchsvolle WM-Rennen darstellt.
Yates bringt jahrelange Grand-Tour-Erfahrung mit und weiß genau, worauf es ankommt, wenn lange und bergige Rennen das Feld immer weiter ausdünnen und am Ende nur noch die stärksten Fahrer übrig bleiben. Onley wiederum bietet Großbritannien eine weitere Möglichkeit für ein Rennen mit wiederholten Anstiegen. Seine Qualitäten machen ihn zugleich zu einer offensiven Karte, die die Konkurrenz bei einer Attacke kaum unbeobachtet ziehen lassen kann.
Fred Wright bringt als amtierender britischer Straßenmeister zusätzliche Robustheit und Stärke im Kampf um die richtige Position mit. James Shaw, Finlay Pickering, Mark Donovan und Callum Thornley komplettieren ein Aufgebot, das klar auf die Anforderungen eines Rennens zugeschnitten ist, in dem sich im Laufe des Tages immer mehr Höhenmeter ansammeln.
Diese Zusammensetzung verschafft Großbritannien die Möglichkeit, das Rennen aktiv mitzugestalten, anstatt Pidcock lediglich bis in die entscheidende Phase zu begleiten. Yates und Onley können gefährliche Attacken mitgehen oder selbst die Initiative ergreifen, während Wright insbesondere in schnelleren und von Positionskämpfen geprägten Rennphasen wertvoll sein dürfte. Die Qualität und Tiefe des restlichen Aufgebots soll es den Konkurrenten zudem erschweren, die britischen Kapitäne bereits frühzeitig zu isolieren.
Großbritanniens Kader für das Strassenrennen der Männer-Elite
| Fahrer |
| Tom Pidcock |
| Adam Yates |
| Oscar Onley |
| Fred Wright |
| James Shaw |
| Finlay Pickering |
| Mark Donovan |
| Callum Thornley |
Diese Rivalen stehen zwischen Pidcock und einem historischen Triumph
Pidcocks Ergebnisse in Kanada haben zugleich verdeutlicht, welches Niveau er überwinden muss, wenn er in Montreal Geschichte schreiben will. Evenepoel triumphierte in Quebec, während Del Toro beim GP Montreal mit der stärksten Vorstellung auf sich aufmerksam machte. Gemeinsam mit Seixas setzte er sich in der Schlussrunde von der Konkurrenz ab, ehe er den Franzosen im Sprint bezwang. Auch McNulty und Simmons erreichten auf dem späteren WM-Kurs das Ziel vor Pidcock.
Die Abwesenheit von Titelverteidiger Tadej Pogacar nimmt dem Rennen jenen Fahrer, auf den sich unter normalen Umständen ein Großteil der Aufmerksamkeit im Vorfeld konzentriert hätte. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass das Regenbogentrikot nun auf einen offensichtlichen Nachfolger wartet. Stattdessen präsentiert sich ein breites Feld von Fahrern, die auf unterschiedliche Weise realistische Chancen auf den WM-Titel besitzen.
Das könnte in Montreal für ein deutlich unberechenbareres Rennen sorgen. Evenepoel verfügt über die nötige Power, um bereits aus großer Distanz eine entscheidende Selektion herbeizuführen. Del Toro und Seixas haben beim GP Montreal gezeigt, dass sie auch tief im Finale noch entschlossen attackieren können. Fahrer wie McNulty, Ciccone und Simmons eröffnen weitere taktische Möglichkeiten, sollte das Rennen bereits vor der Schlussrunde auseinanderbrechen.
Gerade deshalb könnte die mannschaftliche Stärke Großbritanniens am Ende beinahe genauso wichtig werden wie Pidcocks individuelle Form. Das gilt insbesondere dann, wenn die Weltmeisterschaft von wiederholten Attacken und wechselnden Rennsituationen geprägt wird, anstatt sich früh eine klar definierte Gruppe der Favoriten herauszukristallisieren.
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Kann Pidcock das historische Double vollenden?
Pidcock reist mit vier Top-6-Ergebnissen in Folge aus zwei verschiedenen Disziplinen nach Montreal. Hinzu kommen seine frischen Erfahrungen auf dem WM-Kurs sowie eine britische Mannschaft, die gleich mehrere Fahrer aufbietet, die den Anforderungen eines langen und schweren Rennens gewachsen sind.
Dennoch gibt es gute Gründe, Pidcock nicht über den Kreis seiner stärksten Konkurrenten zu stellen. Bislang hat der Brite weder eine Weltmeisterschaft auf der Straße noch ein Monument gewonnen. Zudem beendeten Del Toro, Seixas und Evenepoel die beiden kanadischen Rennen mit stärkeren Einzelresultaten. Auch die deutlich größere Distanz der Weltmeisterschaft hebt die körperlichen Anforderungen noch einmal weit über das Niveau des GP Montreal hinaus.
Pidcocks Chance auf das historische Double beruht inzwischen allerdings nicht mehr allein auf der Vorstellung davon, was der vielseitige Brite an einem perfekten Tag theoretisch leisten könnte. Seine Resultate auf der Straße, seine Entwicklung bei den Grand Tours und seine aktuelle Form haben ihn längst in den Kreis jener Fahrer gebracht, die in Montreal einen realistischen Weg zum Sieg besitzen.
Pauline Ferrand-Prevot bleibt bislang der Präzedenzfall für das gleichzeitige Tragen der Regenbogentrikots auf der Straße und dem Mountainbike. In Montreal erhält Pidcock nun die Chance, als erster Mann überhaupt dieses außergewöhnliche Double zu vollenden und damit zu ihr aufzuschließen.