„Es gab eine Zeit, in der Fahrer noch die Daumen drückten“: Patrick Lefevere kritisiert Fahrer, die WM-Nominierungen ablehnen

Radsport
Sonntag, 06 September 2026 um 11:00
Patrick Lefevere 2022.
Patrick Lefevere hat seine Meinung selten versteckt, und der frühere Soudal Quick-Step-Boss zielt erneut auf eine Entwicklung, die er schwer nachvollziehen kann. Mit Blick auf die anstehenden Weltmeisterschaften in Kanada stellt Lefevere infrage, warum mehrere belgische Fahrer auf eine Teilnahme verzichten, obwohl sie die Chance hätten, ihr Land zu vertreten.
„Es gab eine Zeit, in der Fahrer am Tag der WM-Nominierung mit gekreuzten Fingern neben dem Telefon saßen und hofften, den Namen des Nationaltrainers auf dem Display zu sehen“, sagte Lefevere gegenüber Het Nieuwsblad.
Lefevere verwies auf mehrere Fahrer, die ihre Nominierung für Belgien abgelehnt haben. „Heute läuft das offenbar anders. Ich lese, dass Tim Wellens, Florian Vermeersch, Victor Campenaerts, Cian Uijtdebroeks und Ilan Van Wilder die Ehre ausschlagen. Ehrlich: Ich verstehe überhaupt nicht, warum.“
Der ehemalige Soudal Quick-Step-Boss deutete zudem an, dass die Präsenz von Tadej Pogacar bei UAE Team Emirates bei manchen Entscheidungen eine Rolle gespielt haben könnte.
Wenn Fahrer zögerten, bei der WM gegen ihren gewohnten Teamkapitän zu fahren, hält Lefevere Pogacars erwarteten Ausfall nach einem schweren Sturz auf der 8. Etappe der Vuelta a España 2026 für ein verändertes Kalkül. „Dann kann man als UAE-Profi doch neu überlegen und sich doch zur Verfügung stellen?“, fragte er.
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Taktische Auswahl hat das Gesicht von WM-Teams verändert

Lefevere räumt jedoch ein, dass es sich nicht ausschließlich um ein belgisches Problem handelt. Auch die niederländische Auswahl sorgt für Diskussionen, mit Thymen Arensman, Dylan van Baarle und Wilco Kelderman als prominenten Abwesenden im Team an der Seite von Mathieu van der Poel.
„Wenn ich mir die Helfer um Mathieu van der Poel ansehe, sind das wohl auch nicht die ersten acht Namen auf der Liste von Bondscoach Koos Moerenhout“, schrieb Lefevere.
Lefevere glaubt nicht, dass die Ausfälle Belgien oder die Niederlande zwangsläufig entscheidend schwächen. Er argumentiert vielmehr, dass Nationalteams heute anders gebaut werden, mit Fahrern, die gezielt nach ihren Rollen im Rennplan ausgewählt werden.
„Ich mache mir trotz der Absagen keine großen Sorgen um Belgiens kollektive Stärke. Auch nicht um die der Niederlande. Ich verstehe nicht, warum Fahrer freiwillig eine WM vorbeiziehen lassen, aber ich verstehe, dass Nationaltrainer heute anders selektieren. WM-Teams werden um einen taktischen Plan herum aufgebaut, mit spezifischen Fahrern für spezifische Aufgaben. Der Ausgangspunkt lautet nicht mehr: ‚Wir nehmen die neun besten Fahrer.‘“

Geht die Fluchtgruppe in Kanada durch?

Hinter einigen Rückzügen stehen auch praktische Erwägungen. Da die Weltmeisterschaften in Kanada stattfinden, bedeutet die Reise nach Nordamerika einen erheblichen logistischen und finanziellen Aufwand für Verbände und Fahrer.
Lefevere betont, dass diese finanziellen Realitäten ebenfalls Einfluss auf Nominierungen haben können. „Bei einer fernen WM hat auch der Schatzmeister des Verbandes ein Wort bei der Auswahl mitzureden. Die Zeitfahrer werden aus der Straßenauswahl kommen müssen“, merkte er an.
Lefevere ist zudem überzeugt, dass Belgien sich auf ein Rennen einstellen sollte, in dem die Ausreißer eine entscheidende Rolle spielen können.
„Ohne Tadej Pogacar wird Belgien in Montréal viel Last tragen. Von der mexikanischen Auswahl um Isaac Del Toro wird sie auch nicht kommen. Als Nationaltrainer würde ich immer genügend Rouleure mitnehmen. Denkt an Geelong 2010, als die frühe Flucht fast eine Runde Vorsprung auf dem Rundkurs herausfuhr. In dem Fall wäre das gesamte Favoritenfeld überrundet und aus dem Rennen genommen worden.“
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