Ein Tapetenwechsel kann im Profi-Peloton Wunder wirken. Nach einem viel beachteten und turbulenten Abschied von UAE Team Emirates hat der spanische Kletter-Senkrechtstarter
Juan Ayuso bei
Lidl-Trek schnell Fuß gefasst und die Leaderrolle übernommen. Er eröffnete seine Saison mit einem starken Auftritt bei der Volta ao Algarve, wo er das französische Talent Paul Seixas und Ex-Teamkollege João Almeida schlug. Mit 23 Jahren wirkt er bereits wie ein ernsthafter Anwärter für Paris–Nizza.
Gerüchte entkräften und ein neues Fundament legen
In seinem letzten Jahr bei UAE Team Emirates fuhr Ayuso innerhalb des hochgerankten Teams oft eher als „Einzelgänger“, was zu Reibungen mit mehreren Personen führte. Bei Lidl-Trek erlebt Sportdirektor Steven de Jongh seit dem Wechsel jedoch eine ganz andere Seite des Youngsters.
„Juan ist ein sehr freundlicher Junge“, sagte De Jongh gegenüber
WielerFlits auf die Zusammenarbeit angesprochen. „Ich hatte tatsächlich ein ganz anderes Bild von ihm, als er bei UAE Emirates fuhr, weil er dort, salopp gesagt, ziemlich negativ dargestellt wurde. Aber nein, bislang läuft die Zusammenarbeit gut. Er ist sehr angenehm im Umgang. Er ist für alles dankbar, was wir tun, und er ist sehr beeindruckt von unserer Arbeitsweise, das ist schön.“
Auf die Frage, was Ayuso bei seinem neuen Team nicht erwartet hatte, verwies der Niederländer auf das Umfeld, das man für ihn geschaffen hat. „Er war vor allem glücklich über all die Unterstützung, die wir geben“, ergänzte De Jongh.
Ist der starke Start von dem Wunsch getrieben, es seinem Ex-Team zu beweisen? „Von Rachegefühlen würde ich nicht sprechen. Ich denke, er ist ein Sieger und er will einfach gewinnen“, sagte De Jongh.
Juan Ayuso bei einer Lidl-Trek-Pressekonferenz
Echos von Alberto Contador
Vor Jahren war Steven de Jongh persönlicher Sportdirektor von
Alberto Contador in der Tinkoff-Saxo-Ära, später wechselten beide zu Trek-Segafredo. Nun, an der Seite der neuen spanischen Grand-Tour-Hoffnung, erkennt De Jongh deutliche Parallelen. „Ich sehe schon Gemeinsamkeiten, ja, auch zwischen ihm und Contador, ganz sicher“, bestätigte De Jongh.
Dennoch feilen beide noch an der Feinabstimmung. „Wir sind jetzt eine Weile aneinander gebunden und lernen uns kennen. In der Algarve fuhren wir zum Beispiel erstmals ein Zeitfahren, und er hat gewisse Ansichten… Manche Fahrer handhaben das etwas anders, aber es ist immer gut, solche Dinge aufzunehmen. Daher ist es gut, dass wir das hier als Lernphase nutzen“, erklärte der Sportdirektor.
Eine große Gemeinsamkeit ist für De Jongh Ayusos scharfer taktischer Verstand bei der Vorbereitung von Bergetappen. „Etwa der Schlachtplan für den Alto da Fóia. Die Jungs haben den Schlussanstieg im Recon gesehen, und sofort danach wusste Juan umzuschalten: ‚Okay, dies, dies, dies… Das möchte ich machen und das Wunschscenario ist dieses.‘ Er hatte den Plan parat und hat ihn formuliert. Das finde ich immer schön und es ist angenehm, so zu arbeiten. Das gibt natürlich auch den Teamkollegen Vertrauen.“
Ein perfektes Match – von Andorra bis zum Funk
Für den 23-jährigen Ayuso läuft die neue Partnerschaft mit dem niederländischen Sportdirektor „supergut“, wie er WielerFlits sagte. Die Verbindung entstand schon vor dem ersten Rennen. „Das Schöne ist, dass wir in Andorra sehr nah beieinander wohnen. So hatten wir sehr früh in der Saison erste Meetings und Gespräche darüber, wie wir die Saison angehen wollen“, erklärte Ayuso.
Diese Vorbereitung abseits des Rads übertrug sich nahtlos auf die Rennpraxis. „Die Volta ao Algarve war mein erstes Rennen mit ihm, und bisher bin ich superzufrieden“, so der Spanier.
„Die Kommunikation und das Gefühl zwischen uns beiden funktionieren richtig gut. Das Zeitfahren in der Algarve war für mich eines der besten Beispiele dafür, wie sie mich über den Kurs gecoacht haben: wie gut sie über Funk mit mir gesprochen und mir alle nötigen Informationen vermittelt haben. Ich hoffe, das bleibt so, und im Moment bin ich wirklich sehr glücklich.“
In der kommenden Woche bei Paris–Nizza wartet der nächste große Test gegen Topgegner wie Jonas Vingegaard, Carlos Rodriguez und Oscar Onley. Er muss dabei ohne Teamkollege Mattias Skjelmose auskommen, der zwar eingeplant war, wegen einer Handgelenksverletzung aber pausieren muss.
Letztlich sind diese frühen Rennen entscheidende Bausteine für den Sommer, wenn Ayuso Lidl-Trek bei der Tour de France anführen wird. „In der Algarve konnten wir das Zeitfahren und das Material testen, bergauf schauen, wie alles mit dem Team zusammenspielt, was er mag, was er lieber nicht hat, und so weiter…“, fasste De Jongh zusammen. Zum Nahziel in Frankreich: „In Paris–Nizza hoffen wir natürlich, dass er ein gutes Gesamtklassement fährt.“