UAE Team Emirates - XRGs Giro d’Italia wurde zerpflückt, bevor das Rennen überhaupt Italien erreichte, doch Ex-Red-Bull-Sportdirektor
Rolf Aldag glaubt, die Krise könne den verbleibenden jungen Fahrern des Teams einen völlig anderen Weg eröffnen.
Die ursprüngliche Struktur der Mannschaft brach bereits am Eröffnungswochenende in Bulgarien zusammen. Joao Almeida war schon vor dem Start aus dem Aufgebot gestrichen worden, während
Adam Yates,
Jay Vine und
Marc Soler nach dem schweren Sturz auf nassen Straßen vor Veliko Tarnovo auf der 2. Etappe aufgeben mussten.
Damit steuerten nur noch fünf UAE-Fahrer Richtung Italien:
Jan Christen, Antonio Morgado, Igor Arrieta, Mikkel Bjerg und Jhonatan Narvaez. Der Plan für die Gesamtwertung wurde stark beschädigt, doch die verbliebene Gruppe hat plötzlich mehr Freiheiten als erwartet.
Im Eurosport Velo Club brachte Robert Bengsch das Ausmaß des Rückschlags auf den Punkt. „Der gesamte Plan ist aus dem Fenster geflogen“, sagte er. „Das war ein heftiger Schlag.“
UAE zu einem ganz anderen Giro gezwungen
Yates war nach Almeidas Ausfall zum GC-Leader befördert worden, während Vine und Soler sowohl als Kletterhelfer als auch mit Etappensieg-Potenzial geplant waren. Der Verlust aller drei in einem Sturz veränderte das Rennen des Teams sofort. Bengsch betonte jedoch, UAE dürfe dem Verpassten nicht nachtrauern. „Jetzt müssen sie etwas aus der Situation machen“, sagte er.
Hier sieht Aldag die Chance. Der frühere Red-Bull-DS verwies auf die jungen Fahrer, die noch im UAE-Aufgebot stehen. Christen und Morgado dürften nun mehr Freiraum erhalten, als unter dem ursprünglichen Plan vorgesehen war. „Bei aller Bitterkeit: Sie haben erfahrene Fahrer verloren, aber sie haben noch die jungen Wilden: Morgado und Christen“, sagte Aldag. „Wenn man ihnen eine Chance gibt, die sie sonst nicht bekommen hätten…“
Dieser unvollendete Gedanke könnte nun den UAE-Giro prägen. Das Team hat nicht mehr die Tiefe für eine konventionelle GC-Attacke, verfügt aber weiterhin über Fahrer, die Etappen beleben, Chancen jagen und in unerwartete Rollen hineinwachsen können.
Christen und Morgado rücken stärker in den Fokus
Christen ist bereits das sichtbarste Symbol des UAE-Resets. Der Schweizer liegt nach dem bulgarischen Auftaktblock weit vorne in der Gesamtwertung und trug das Weiße Trikot stellvertretend für Maglia Rosa Guillermo Thomas Silva.
Seine Position macht ihn nicht automatisch zum vollen GC-Kapitän, gibt UAE aber etwas zu verteidigen und zu erkunden. Bengsch rechnet eher mit Fokus auf Etappen als auf eine dreiwöchige Gesamtjagd. „Er hat am Samstag mit seinem starken Finale schon Antworten gegeben“, sagte Bengsch. „Es hat sich noch nicht in einer Position niedergeschlagen, aber ich erwarte, dass Christen auf Etappensiege geht, nicht auf die Gesamtwertung, sondern auf Etappen.“
Aldag ließ die Tür etwas weiter offen. Er warnte davor, einem jungen Fahrer plötzlich zu sagen, das ganze Rennen gehöre nun ihm, deutete aber an, dass sich ein anderes Szenario organisch entwickeln könne.
„Vielleicht ist die Gesamtwertung nicht der Plan, aber vielleicht entwickelt es sich so“, sagte Aldag. „Wenn du ihm jetzt sagst: Es war nie so geplant, aber jetzt bist du der Leader, dann herrscht natürlich Verwirrung in seinem Kopf, er ist ein junger Mensch. Wenn du es aber Etappe für Etappe angehst und er nach zwei Wochen immer noch vorne ist, dann verliert man nicht mehr absichtlich Zeit.“
Auch Morgados Giro könnte eine andere Wendung nehmen. Das portugiesische Talent war ebenfalls vom Sturz auf der 2. Etappe betroffen, ist aber im Rennen geblieben und bietet UAE eine starke Option auf den vielen mittleren Berg- und Puncher-Etappen entlang der Strecke.
Ein blutüberströmter, schlammverschmierter Adam Yates überquert nach seinem Sturz auf der 2. Etappe des Giro d'Italia 2026 die Ziellinie
UAE’s Rennen ändert sich, doch Chancen bleiben
Arrieta bringt eine weitere junge Kletteroption, während Narvaez an härteren, technischeren Tagen bewährte Abschlussstärke einbringt. Bjerg, nicht mehr so eng an Kontrollaufgaben für einen voll besetzten GC-Block gebunden, könnte seine Chancen in Zeitfahren oder Ausreißergruppen finden.
Das macht aus UAE’s Desaster keine gute Nachricht. Der Verlust von Yates, Vine und Soler ist ein großer sportlicher Schlag, und zuerst zählt die Genesung der Verletzten. Doch die Mannschaft hat noch genug Qualität auf der Straße, um zu verhindern, dass dieser Giro zur reinen Schadensbegrenzung verkommt.
Im Hintergrund steht auch ein größeres UAE-Ziel. Nach 97 Siegen in der vergangenen Saison hatte das Team offen angepeilt, 2026 Richtung 100 zu gehen. Das bleibt schwierig, zumal die Mannschaft dem Vorjahrestempo hinterherhinkt, doch der Giro bietet nun einen anderen Weg zu weiteren Erfolgen – über Fahrer, die sonst im Helferdienst gebunden gewesen wären.
Für UAE ist das Rennen zu einem erzwungenen Neuaufbau geworden. Der ursprüngliche Plan ist passé, doch die verbliebenen jungen Fahrer haben jetzt die Chance, den nächsten zu prägen.