„Diese schmerzhafte Lektion kam genau zur richtigen Zeit“ – Jens Voigt sieht Rückschlag für Paul Seixas als Chance

Radsport
durch Nic Gayer
Samstag, 27 Juni 2026 um 13:30
Paul Seixas Decathlon Tour de Francia
Paul Seixas musste bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes einen schmerzhaften Dämpfer hinnehmen. Ein Sturz, Zeitverlust im Mannschaftszeitfahren und schließlich die Aufgabe sorgten für einen herben Rückschlag. Doch aus Sicht des ehemaligen Radprofis und heutigen Eurosport-Experten Jens Voigt könnte genau diese Erfahrung für den französischen Hoffnungsträger von großem Wert sein.
Der Profi von Decathlon CMA CGM hatte sich in den vergangenen Monaten in einen regelrechten Höhenflug gefahren. Mit den starken Leistungen stiegen jedoch auch die Erwartungen der französischen Fans. Durch das vorzeitige Aus bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes und die dadurch unterbrochene Vorbereitung auf seine erste Tour de France hat sich dieser Druck nun etwas gelegt. Inzwischen befindet sich Seixas aber wieder auf Kurs: Am Donnerstag wurde der Teenager bereits wieder im Training gesichtet und arbeitet weiter auf sein Debüt bei der Grand Boucle hin.

Voigt sieht den Rückschlag als wichtigen Entwicklungsschritt

Jens Voigt zeigte sich beeindruckt davon, wie der junge Franzose mit den ersten größeren Rückschlägen seiner Karriere umgeht. Für den ehemaligen Profi kam der Dämpfer sogar zum richtigen Zeitpunkt, weil er den enormen Erwartungsdruck rund um Seixas etwas relativiere.
Jens Voigt.
Jens Voigt sieht den Rückschlag von Paul Seixas als wichtigen Entwicklungsschritt und glaubt, dass die Erfahrungen dem Franzosen auf dem Weg zur Weltspitze helfen werden.
„Paul Seixas hatte einen sehr starken Frühling. Bei Lüttich–Bastogne–Lüttich war er der letzte Fahrer, der Pogacar noch folgen konnte. Das verdient großen Respekt“, sagte Voigt.
Auch seinen Gesamtsieg bei der Baskenland-Rundfahrt wertete Voigt als Beleg für das außergewöhnliche Talent des 18-Jährigen. Gleichzeitig hob er hervor, dass Seixas bereits dort aus kleineren Fehlern gelernt habe.
„Er hat auch die Baskenland-Rundfahrt beeindruckend gewonnen, obwohl ihm dort einmal ein taktischer Fehler unterlaufen ist. Er attackierte im Regen hinter der Spitzengruppe, kam aber nicht nach vorn und konnte sich nicht lösen. Das zeigt Reife – und ich glaube nicht, dass er so einen Fehler noch einmal macht.“
Mit Blick auf die Tour Auvergne-Rhône-Alpes vertritt Voigt eine ungewöhnliche Sichtweise. Seiner Meinung nach habe das Rennen den enormen Erwartungsdruck rund um den jungen Franzosen spürbar reduziert.
„Im Hinblick auf die Tour Auvergne-Rhône-Alpes hat ihm das Schicksal eigentlich den größtmöglichen Gefallen getan. Das klingt zunächst seltsam, aber der enorme Erwartungsdruck wurde dadurch deutlich reduziert.“
Voigt erklärte weiter: „Die Leute haben gemerkt, dass er auch nur ein Mensch ist. Er muss nicht unbedingt in seinem ersten Tour-de-France-Jahr gewinnen. Bis dahin hatte er fast überall gewonnen, wo er startete. So entstand schnell der Eindruck, es falle ihm alles leicht.“

Selbstkritik als Schlüssel für die weitere Entwicklung

Für Voigt spricht vor allem die Reaktion des Nachwuchstalents für dessen große Zukunft. Seixas habe seine Fehler selbstkritisch analysiert und werde genau daraus langfristig profitieren.
„Er hat selbstkritisch eingeräumt, dass er zu viel Risiko gegangen ist und in der Abfahrt Positionen gutmachen wollte. Er ist jedoch zu schnell in die Kurve gefahren. Auch daraus wird er lernen.“
Nach Ansicht des Eurosport-Experten offenbarte die Rundfahrt zwar einige Entwicklungspotenziale, gleichzeitig habe Seixas aber auch seine mentale Stärke unter Beweis gestellt.
„Die Rundfahrt hat all seine Schwächen offengelegt – im Mannschaftszeitfahren, in der Taktik, im Risikomanagement und in der Geduld. Gleichzeitig hat er Charakter gezeigt. Nach seinem Sturz stand er am nächsten Tag wieder am Start, obwohl er sich offensichtlich ziemlich wehgetan hatte.“
Für Voigt wird dieser Rückschlag den kometenhaften Aufstieg des Franzosen nicht aufhalten. Vielmehr sei die Erfahrung ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Weltspitze.
„Er war auf dem Weg, ein absoluter Superstar und der Liebling einer ganzen Nation zu werden. Dann kam dieser kleine Schlag aufs Kinn. Plötzlich wurde ihm klar gemacht: Auch ich muss arbeiten, kämpfen, geduldig sein und die richtigen Entscheidungen treffen. Aus meiner Sicht kam diese schmerzhafte Lektion genau zur richtigen Zeit.“
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