Thierry Gouvenou, Sicherheitsverantwortlicher der
Tour de France, fordert konkrete Maßnahmen, um die immer höheren Geschwindigkeiten im professionellen Radsport zu reduzieren. Nach den jüngsten Fahrerprotesten bei Il Lombardia und Paris-Tours warnt der Franzose davor, dass das stetig steigende Renntempo die Absicherung der Strecken zunehmend erschwert und die Veranstalter vor immer größere Herausforderungen stellt.
„Auch wir als Veranstalter fordern Maßnahmen, um das Tempo zu senken“,
erklärte Gouvenou gegenüber road.cc. „Ich habe zugesagt, die Sicherheit bei einem Radrennen zu verantworten. Am Ende möchte ich aber nicht für die Sicherheit bei einem Motorradrennen zuständig sein. Bei Abfahrten verhalten sich die Räder inzwischen eher wie Motorräder als wie Fahrräder.“
Nach Fahrerprotesten: Tour-Sicherheitschef sieht dringenden Handlungsbedarf
Gouvenou ist nicht nur für die Streckenplanung der Tour de France verantwortlich, sondern überwacht auch bei weiteren Veranstaltungen der ASO die Sicherheitsmaßnahmen. Darüber hinaus gehört er der SafeR-Kommission an, die sich mit der Verbesserung der Sicherheit im professionellen Radsport beschäftigt. Seine deutlichen Aussagen folgen auf den Protest der Fahrer bei Il Lombardia am 10. Oktober, als das Peloton den Rennstart um rund fünf Minuten verzögerte.
Protest des Pelotons bei der Lombardei-Rundfahrt 2026.
Vor den versammelten Zuschauern ergriff
Remco Evenepoel das Wort. Anlass für die Protestaktion waren mehrere gefährliche Zwischenfälle innerhalb weniger Tage. Bei der Coppa Bernocchi war ein Lieferwagen auf die Rennstrecke geraten. Zudem waren bei Tre Valli Varesine zwei Teamkollegen von Tom Pidcock von einem entgegenkommenden Polizeimotorrad erfasst worden.
Gouvenou warnt: Steigendes Tempo erschwert die Streckensicherung
„Die Rennen haben sich verändert – die Fahrer sind viel schneller unterwegs. Dadurch wird es für die Veranstalter deutlich schwieriger, die Strecke abzusichern“, erklärte Gouvenou. Welche konkreten Maßnahmen er sich zur Reduzierung der Geschwindigkeiten vorstellt, ließ der Franzose allerdings offen.
Bereits zu Beginn der Saison hatten sich Fahrer wie George Bennett und Jack Haig für eine gründlichere Überprüfung der Rennstrecken ausgesprochen. Bennett stellte dabei insbesondere infrage, ob technische Veränderungen an der Ausrüstung tatsächlich ausreichen könnten, um die Gefahren durch schmale Straßen, unerwartete Kurven und bauliche Hindernisse im Straßenverkehr zu entschärfen.
Der Protest bei der
Lombardei-Rundfahrt war von den Fahrern selbst organisiert worden. Tom Pidcock und Ben Healy übernahmen dabei eine zentrale Rolle in den Gesprächen mit Vertretern aller 25 teilnehmenden Mannschaften. Besonders schwer wog weiterhin der Tod von Finlay Tarling, der am 14. August bei der Volta a Portugal nach einer Kollision mit einem nicht zum Rennkonvoi gehörenden Autofahrer ums Leben gekommen war. Der tragische Vorfall stand weiterhin im Mittelpunkt der Forderungen nach einem besseren Schutz der Fahrer.
Gouvenou zeigte Verständnis für die Sorgen und den Unmut des Pelotons. „Ich kann die Fahrer verstehen. Sie steigen nicht aufs Rad, um am Ende behindert oder tot zu sein“, sagte er. Zugleich kündigte er weitere Gespräche über mögliche Verbesserungen an. „Wir werden uns an einen Tisch setzen, das steht fest. Ich gehöre zur SafeR-Gruppe, deshalb werden wir ausführlich darüber sprechen.“
„Man kann nicht vor jedem einzelnen Haus einen Polizisten postieren“
Wie aufwendig die Absicherung eines professionellen Radrennens bereits heute ist, verdeutlichte Gouvenou am Beispiel der Tour de France. Dort werden die Straßen schon drei Stunden vor der Ankunft des Rennens für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Zusätzlich informieren die Veranstalter die Bevölkerung umfassend über die bevorstehenden Einschränkungen und Sicherheitsvorkehrungen. Dennoch könne selbst unter diesen Bedingungen „kein Veranstalter jemals garantieren, dass es während seines Rennens zu keinem Zwischenfall kommt“.
Das grundlegende Problem liege auch in der besonderen Natur des Straßenradsports. „Zum Wesen des Radsports gehört, dass er in einer offenen Umgebung stattfindet und nicht in einem Stadion“, erklärte Gouvenou. „Die Rennen führen über öffentliche Straßen. Dort können Einzelne die Regeln missachten, Anweisungen der Streckenposten ignorieren oder sogar auf die Rennstrecke laufen.“
Wie aktuell diese Gefahr ist, zeigte ein weiterer Zwischenfall nur vier Tage nach dem Protest bei der Lombardei-Rundfahrt. Bei der Eneco Tour geriet erneut ein Auto auf die Rennstrecke und befand sich plötzlich vor der Ausreißergruppe des Männerrennens. Ein Motorrad-Ordner konnte das Fahrzeug rechtzeitig zur Seite leiten, sodass die Fahrer die Situation unbeschadet passierten.
Für die Organisatoren entsteht dadurch ein schwieriger Spagat zwischen immer höheren Sicherheitsanforderungen und der wirtschaftlichen Realität ihrer Veranstaltungen. „Wir investieren erhebliche Summen in die Sicherheit. Gleichzeitig ist es äußerst schwierig, die Veranstaltungen finanziell im Gleichgewicht zu halten“, erklärte Gouvenou gegenüber road.cc. „Schließlich kann man nicht vor jedem einzelnen Haus oder an jeder Ecke einen Polizisten postieren. Doch die Menschen – die Menschheit insgesamt – halten sich immer weniger an die Regeln.“
Auch der internationale Veranstalterverband AIOCC sieht dringenden Handlungsbedarf. Er fordert eine engere Abstimmung mit den zuständigen nationalen Behörden, um die Rennkonvois besser vor unbefugtem Verkehr zu schützen. Darüber hinaus sollen Gespräche darüber geführt werden, wie einheitliche Sicherheitsstandards künftig finanziert werden können. In einer Stellungnahme vom 12. Oktober zu den Fahrerprotesten sprach sich der Verband außerdem für standardisierte Beschilderungen und einheitliche Sicherheitsabläufe aus.
Aus Sicht der Fahrergewerkschaft ist allerdings weiterhin ungeklärt, wer die notwendigen Veränderungen tatsächlich verbindlich durchsetzen kann. CPA-Präsident Adam Hansen verwies kürzlich auf einen Vorfall bei der Renewi Tour: SafeR hatte empfohlen, einen beschädigten Straßenabschnitt aus der Streckenführung herauszunehmen. Die Route blieb jedoch unverändert, und anschließend ereigneten sich dort zwei Stürze. Hansen fordert deshalb deutlich größere Entscheidungsbefugnisse für Sicherheitsexperten. Zusätzlich brachte er den Vorschlag ins Spiel, die letzten fünf Kilometer vor Sprintankünften künftig einer verpflichtenden Sicherheitszertifizierung zu unterziehen.
Einheitliche Gefahrenschilder ab 2027 sollen Sicherheit verbessern
Eine konkrete Veränderung zeichnet sich zumindest bei der Kennzeichnung gefährlicher Streckenabschnitte ab. Nach Angaben von Gouvenou sollen ab dem kommenden Jahr neue Vorschriften dafür sorgen, dass Richtungsänderungen und Gefahrenstellen bei sämtlichen Rennen unter dem Dach der UCI nach einheitlichen Standards ausgeschildert werden.
„Das war eine Forderung der Teams, und die Veranstalter haben einer Änderung der Streckenkennzeichnung zugestimmt“, erklärte der Franzose. „Bei einer Gefahr, einer Abfahrt oder einer Kurve wird immer dasselbe Signal verwendet. Das wird die Sicherheit zweifellos verbessern.“
Doch die Diskussionen innerhalb von SafeR gehen weit über Beschilderungen und Geschwindigkeiten hinaus. Wie Gouvenou berichtete, beschäftigt sich die Kommission derzeit auch mit möglichen Airbag-Systemen, dem Einsatz moderner GPS-Technologie und einer verbesserten Sicherheitsausbildung der Fahrer. „Viele Initiativen sind bereits auf dem Weg und nehmen konkrete Formen an. Ich glaube, dass wir bald einige Ankündigungen machen können“, zeigte sich der Tour-Verantwortliche zuversichtlich.
Erste technische Ansätze wurden bereits unter Rennbedingungen erprobt. Bei der Radsport-WM in Montreal kam eine GPS-gestützte Sicherheitsortung zum Einsatz, die künftig einen zusätzlichen Beitrag zum Schutz der Fahrer leisten könnte. Von einer flächendeckenden Einführung ist das System allerdings noch entfernt. In ihren Beschlüssen vom September stellte die UCI klar, dass zunächst ein verbindliches Regelwerk, konkrete Betriebsabläufe und ein Zeitplan für die Umsetzung im professionellen Straßenradsport entwickelt werden müssen. Vorrang sollen dabei zunächst die Rennen der WorldTour und der Women's WorldTour erhalten.