Es sollte das große niederländische Duell werden: Anna van der Breggen gegen
Demi Vollering, Rosa gegen Blau, Erfahrung gegen Angriffslust. Doch auf der letzten Etappe des Giro d’Italia Women drängte sich plötzlich eine Deutsche in den Mittelpunkt.
Antonia Niedermaier fuhr das Rennen ihres Lebens, lag lange virtuell in Rosa und beendete die Rundfahrt schließlich als Gesamtzweite. Spätestens jetzt ist klar: Der Frauenradsport hat einen neuen Grand-Tour-Star.
Niedermaier nutzt ihre Chance
Schon seit dem Zeitfahren auf der vierten Etappe gehörte Niedermaier zu den prägenden Figuren dieser Rundfahrt. In den Dolomiten schob sie sich am Folgetag aufs Podium, danach gab sie diesen Platz nicht mehr her. Vor der finalen Etappe lag die Canyon//SRAM-Fahrerin 1:20 Minuten hinter der Gesamtführenden Van der Breggen. Eigentlich richteten sich alle Augen auf Vollering. Genau das öffnete Niedermaier die Tür.
Noch bevor die Livebilder der Schlussetappe liefen, hatte sie sich aus der Favoritinnengruppe gelöst. Aus einem mutigen Angriff wurde schnell ein handfestes Szenario für den ganz großen Coup. Lange, sehr lange, war Niedermaier virtuell Trägerin des Rosa Trikots. Erst als Vollering am letzten Anstieg ernst machte, rückte der Traum vom Gesamtsieg wieder in die Ferne.
Niedermaier wurde auf der Etappe Dritte und verbesserte sich damit auf Rang zwei der Gesamtwertung. Im Ziel überwog bei ihr kein Frust, sondern Stolz. „Ich habe alles versucht, was ich konnte, und bin ziemlich glücklich mit dem Ergebnis“, sagte sie im Flash-Interview. „Wir haben es gut gespielt, und es war ein großartiger Giro.“
Wie aber konnte diese Situation überhaupt entstehen? Niedermaier beschrieb es fast so, als sei sie selbst ein wenig überrascht gewesen. „Nach der Abfahrt haben wir einfach angehalten“, erklärte sie. „Wir haben alle versucht zu attackieren, und irgendwie war ich plötzlich allein vorne. Elisa kam heran, zusammen mit Niamh. Lange waren wir zu dritt, dann kam Demi dazu. Für uns war das ein gutes Szenario.“
Plötzlich war Rosa möglich
Tatsächlich wuchs ihr Vorsprung auf Van der Breggen und
Vollering zeitweise auf fast zwei Minuten an. Gleichzeitig funktionierte die Zusammenarbeit hinten kaum. Plötzlich war nicht mehr die Frage, ob Niedermaier das Podium halten würde, sondern ob sie sogar den Giro gewinnen könnte. „Ich habe darüber eigentlich nicht zu viel nachgedacht“, sagte sie. „Ich habe einfach alles gegeben, und dann würden wir sehen.“
Die entscheidende Bewegung kam schließlich von Vollering. Als sie am finalen Anstieg beschleunigte, flog die Trägerin des Bergtrikots zu den Ausreißerinnen nach vorn. 27 Kilometer vor dem Ziel schloss sie zu Niedermaier auf. Kurz darauf kam es zu einem Gespräch zwischen den beiden. Was sagte Vollering zu ihr?
Das sagte Vollering zu Niedermaier
Niedermaier verriet es nach dem Ziel: „Sie sagte mir, dass sie sich einen Moment erholen müsse und danach mit uns arbeiten könne.“
Für Niedermaier war damit klar: Der ganz große Angriff auf Rosa wurde schwieriger. Doch gleichzeitig rückte Platz zwei in der Gesamtwertung immer näher. Als dieser abgesichert war, begann vorne der Kampf um den Etappensieg. Niedermaier hielt sich daraus heraus. „Ich wusste eigentlich schon, dass Elisa die Etappe gewinnen würde“, sagte sie. „Sie war heute super stark, und sie hat es verdient.“
Ein neuer Grand-Tour-Star ist da
Für die Deutsche blieb dennoch ein riesiger Erfolg. Platz zwei beim Giro d’Italia Women, nach Tagen voller Druck, Attacken und taktischer Nervenspiele. „Es bedeutet mir sehr viel, besonders weil ich so lange für dieses Podium gekämpft habe“, sagte Niedermaier.
Für deutsche Radsportfans war diese Schlussetappe mehr als nur ein starkes Ergebnis. Sie war ein Versprechen. Antonia Niedermaier hat nicht nur Van der Breggen und Vollering herausgefordert. Sie hat gezeigt, dass sie selbst zu den Fahrerinnen gehört, mit denen man bei den größten Rundfahrten rechnen muss.