Wenn ein Grand-Tour-Spezialist mitten in die Kopfsteinpflaster-Klassiker hineinspringt, läuft es selten so reibungslos. Doch
Remco Evenepoel zeigte, dass er die Hektik des Eintagesrennsports mühelos beherrscht, und holte beim Tour des Flandres einen Podiumsplatz. Nun überlegt das Management von Red Bull - BORA - hansgrohe, was das für seinen künftigen Rennkalender bedeutet.
Eine späte Entscheidung für die Gruppe
Evenepoels Start bei den großen Kopfsteinrennen stand ursprünglich nicht im Saisonplan des Teams. Die Idee entstand erst sehr spät im Winter. Der Funke sprang über, als Evenepoel am Eröffnungswochenende in Belgien seine Teamkollegen beobachtete. Die starke Teamleistung weckte in ihm den Wunsch, Teil des Geschehens zu sein.
„Er hat gesehen, was das Team am Eröffnungswochenende geleistet hat, und da hat es Klick gemacht“, sagte Red Bull-BORA-hansgrohe-Sportdirektor
Sven Vanthourenhout gegenüber
Wielerflits auf die Frage nach der plötzlichen Planänderung. „Es war schon vorher in seinem Hinterkopf, aber dieser Moment hat es wirklich ausgelöst.“
Obwohl Evenepoel einer der größten Namen im gesamten Sport ist, achtete das Team darauf, dass seine Ankunft die bestehende Struktur nicht durcheinanderbringt. Vanthourenhout machte klar, dass man die gesamte Strategie nicht für einen Fahrer umkrempeln würde, so prominent er auch ist.
„Wir haben das Team nicht um ihn herum gebaut“, betonte der Sportdirektor. „Es war ganz klar: Er musste sich der Gruppe anschließen, nicht umgekehrt. Das Fundament des Klassiker-Teams musste intakt bleiben, mit oder ohne Remco. Und das hat er perfekt verstanden. Vom ersten Tag an verhielt er sich wie einer von den Jungs, nicht wie jemand darüber.“
Genauso zufrieden war Vanthourenhout mit dem restlichen Auftritt der Mannschaft. Red Bull-BORA-hansgrohe brachte an diesem Tag beeindruckende vier Fahrer in die Top 15. „Wir sind stolz“, erklärte Vanthourenhout. „Nicht nur auf das Podium mit Remco, sondern auf das Team als Ganzes. Vier Fahrer in den Top 15, Schlüsselmomente im Griff, aus dem Gröbsten herausgehalten. Genau das wollten wir.“
Trotz des starken Ergebnisses will der Sportdirektor keine vorschnellen Entscheidungen für das nächste Jahr treffen. Die Basis ist gelegt, doch nun gilt es, in Ruhe zu prüfen, ob Evenepoel künftig dieselben Rennen wieder bestreiten wird.
Remco Evenepoel at the 2026 Tour of Flanders
Den Roubaix-Gerüchten einen Riegel vorschieben
Weil Evenepoel in Flandern so stark auftrat, fragten sich viele Fans und Medien sofort, ob er auch Paris–Roubaix in Angriff nehmen würde. Vanthourenhout beendete diese Spekulationen jedoch zügig. Er stellte klar, dass eine Aufnahme von Paris–Roubaix in seinen Kalender intern nie zur Debatte stand.
„Das war nie eine Option“, sagte er über das französische Rennen. „Nicht intern. Das kam von außen, aus der Euphorie rund um das Rennen.“
Anstatt Evenepoel in jedes Kopfsteinrennen zu schicken, will das Team seine mannschaftliche Stärke nutzen, um gegen die größten Stars zu bestehen. „Wir müssen unsere Stärken ausspielen“, so Vanthourenhout. „Wenn wir zwei oder drei Fahrer ins Finale bringen, können wir etwas richtig Schönes erreichen.“
Am Ende hat Evenepoels Erfolg auf dem Pflaster die Debatte angeheizt, welche Art Fahrer er eigentlich ist. Manche sehen ihn als klassischen Eintagesjäger, andere wollen weitere Grand Tours von ihm. Für seinen Sportdirektor gibt es keinen Grund, ihn auf eine Schublade festzulegen.
„Die Leute stecken ihn gern in Kategorien“, schloss Vanthourenhout. „Aber wenn man sein Palmarès heute ansieht, ist er schon jetzt einer der Besten in Eintagesrennen. Gleichzeitig traue ich ihm weiterhin Großes in Etappenrennen zu. Er ist ein Allrounder. Das ist die Realität.“