5,3 W/kg am Mont Ventoux – Katarzynia Niewiadoma stürmt mit historischer Kletterleistung ins Gelbe Trikot

Radsport
durch Nic Gayer
Freitag, 07 August 2026 um 19:00
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Katarzyna Niewiadoma hat sich zur Königin des Mont Ventoux gekrönt. Die Fahrerin von Canyon//SRAM war als Dritte der Gesamtwertung in die Königsetappe der Tour de France Femmes gestartet und schien zunächst nur die Nebenrolle im erwarteten Duell zwischen Demi Vollering und Marlen Reusser einzunehmen. Doch die Polin stellte die Kräfteverhältnisse eindrucksvoll auf den Kopf und machte den Géant de Provence zur Startrampe ins Gelbe Trikot.
Bereits 2024 hatte Niewiadoma die Tour de France Femmes gewonnen, nachdem sie Vollerings Angriff auf der Schlussetappe nach Alpe d’Huez standgehalten hatte. Damals hatte allerdings auch der Sturz der Niederländerin im Verlauf der Rundfahrt eine entscheidende Rolle gespielt. Dieses Mal gab es keinerlei Wenn und Aber: Am Mont Ventoux war Niewiadoma mit deutlichem Abstand die stärkste Fahrerin.

5,3 W/kg über 55 Minuten am Mont Ventoux

„Es ist schwer zu beschreiben; ich bin noch immer sprachlos. Ich bin so dankbar. Dieser Sieg ist für alle, die mich auf diesem langen Weg ohne großen Sieg unterstützt haben“, sagte die neue Trägerin des Gelben Trikots auf dem Mont Ventoux. „Ich habe das Gefühl, ich muss allen danken. Ich bin so müde und überwältigt von dem, was passiert ist.“#
Katarzyna Niewiadoma winkt.
Katarzyna Niewiadoma lieferte am Mont Ventoux eine herausragende Klettervorstellung ab und eroberte mit ihrem Etappensieg das Gelbe Trikot der Tour de France Femmes. @Imago
Völlig überraschend kam ihr Triumph angesichts ihrer bisherigen Leistungen nicht, und dennoch überrumpelte Niewiadoma damit die Radsportwelt. Elf Kilometer vor dem Ziel eröffnete Vollering den Kampf der Favoritinnen. Reusser und Niewiadoma folgten ihr – eine Konstellation, die bereits auf der 5. Etappe zu beobachten gewesen war. Dieses Mal führte die Strecke jedoch ohne Unterbrechung bergauf, und nur wenige Kilometer später setzte die Polin zu ihrer eigenen Attacke an.
Wie Niewiadoma anschließend einräumte, war ihr Vorstoß zunächst eher als taktisches Manöver gedacht – ähnlich wie zwei Tage zuvor, als sie nur knapp am Sieg vorbeigeschrammt war. „Ehrlich gesagt wusste ich, dass ich bis zum Chalet Reynard kommen musste. Danach waren es weitere sechs Kilometer alleine. Mit dem Wind wusste ich, dass, wenn dann noch jemand an meinem Hinterrad wäre, das Pokern losgehen würde.“
Doch je länger der Anstieg dauerte, desto deutlicher wurde, dass Niewiadoma an diesem Tag tatsächlich die stärkste Fahrerin war. Vollering beschleunigte zunächst mehrfach, um die entstandene Lücke wieder zu schließen, und kam zwischenzeitlich noch einmal näher heran. Unter dem Druck der brutalen Rampen des Mont Ventoux ließ das Tempo der Niederländerin und von Marlen Reusser jedoch nach. Niewiadoma dagegen hielt ihre Geschwindigkeit aufrecht.
Die Polin fuhr schließlich zu ihrem ersten Etappensieg am Mont Ventoux, während hinter ihr gewaltige Abstände entstanden. Vollering erreichte das Ziel 1:16 Minuten später, Reusser verlor sogar 1:46 Minuten. Laut „Naichaca“ wird Niewiadomas Leistung auf den letzten 15 Kilometern des Mont Ventoux auf 5,3 W/kg über einen Zeitraum von 55 Minuten geschätzt.

Niewiadoma stürmt ins Gelbe Trikot der Tour

Keine ihrer Konkurrentinnen konnte an diesem Tag vergleichbare Leistungswerte erreichen. Niewiadoma lieferte damit eine der herausragenden Klettervorstellungen in der Geschichte des Frauenradsports ab und belohnte sich nicht nur mit dem Etappensieg: Die Polin übernahm auch das Gelbe Trikot und führt die Gesamtwertung nun mit 15 Sekunden Vorsprung auf Demi Vollering an.
Dabei sei es ihr vor ihrer Attacke gar nicht in erster Linie darum gegangen, unbedingt einen weiteren Sieg zu erzwingen. Stattdessen wollte Niewiadoma jene Leichtigkeit wiederfinden, die sie bei einer früheren Fahrt am Mont Ventoux verspürt hatte. „Ich habe dem nie hinterhergejagt. Ich wollte nicht um des Gewinnens willen gewinnen, sondern das Gefühl wiederhaben, das ich auf dem Mont Ventoux mit meinem Mann und Freunden hatte. Wir sind damals den Berg hochgefahren und hatten einfach Spaß. Dieses Gefühl wollte ich heute wieder erleben. Einfach die Freude am Radfahren und mich wieder wie ein Kind fühlen“, erklärte sie.
Der Triumph am Ventoux war damit nicht nur das Ergebnis einer außergewöhnlichen körperlichen Leistung, sondern auch ein zutiefst emotionaler Erfolg. Entlang des Anstiegs entdeckte Niewiadoma ausgerechnet jene Menschen, die ihr besonders nahestehen. „Es ist sehr lustig. Als wir den Ventoux in Angriff nahmen, schaute ich nach rechts und sah, dass meine Eltern überraschend angereist waren. Ich sah meinen Vater weinen.“
Dieser Moment verlieh der Polin noch einmal zusätzliche Motivation. „Ich wollte sie stolz machen. Dieser Sieg ist für meine Familie, Freunde, meinen Mann, mein Team und meinen Trainer. Und für meinen Teamchef Ronny Lauke, der weiß, wie viel Arbeit ich in diesen Erfolg gesteckt habe. Er hat mich immer unterstützt.“
In den kommenden Tagen bietet sich Niewiadoma nun die Chance, ihren Tour-Triumph von 2024 um ein zweites Gelbes Trikot zu erweitern. Entschieden ist der Kampf um den Gesamtsieg allerdings noch nicht: Sowohl Vollering als auch Reusser liegen vor den beiden abschließenden Etappen nach Nizza weiterhin in Schlagdistanz.
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