Visma - Lease a Bike hat das Profi-Peloton in diesem Jahrzehnt entscheidend geprägt und 2023 sogar alle drei Grand Tours mit drei verschiedenen Fahrern gewonnen. Sportlich und finanziell kann die niederländische Mannschaft inzwischen nicht mehr mit
UAE Team Emirates - XRG mithalten. Für die Zukunft gibt es jedoch äußerst vielversprechende Nachrichten: Innerhalb von nur 24 Stunden haben zwei Nachwuchstalente aus dem Visma-Projekt Titel bei der
Radsport-WM gewonnen.
Am Donnerstagabend gegen 18:40 Uhr mitteleuropäischer Zeit sicherte sich die Slowakin Viktoria Chladonova in Montreal den U23-Titel im Straßenrennen der Frauen. Nur 24 Stunden später triumphierte der US-Amerikaner
Ashlin Barry im U23-Straßenrennen der Männer. Innerhalb eines einzigen Tages ist der Zukunftswert von Visma - Lease a Bike damit beträchtlich gestiegen – gleich zwei Regenbogentrikots bereichern nun das Nachwuchsprojekt.
Nach der Dominanz von 2023 sucht Visma nach neuer Stärke
Seinen bisherigen Zenit erreichte Visma - Lease a Bike 2023 mit der vollständigen Dominanz bei den Grand Tours. Obwohl Jonas Vingegaard und Wout Van Aert auch in diesem Jahr wieder eine Grand Tour beziehungsweise ein Monument gewonnen haben, konnte die niederländische Mannschaft in den vergangenen zweieinhalb Saisons insgesamt nicht mit dem Niveau von UAE Team Emirates - XRG mithalten.
Ashlin Barry krönte sich an seinem 19. Geburtstag zum U23-Sieger der Radsport-WM und gilt als eines der größten Zukunftsversprechen von Visma - Lease a Bike.
Gleichzeitig haben finanzielle Grenzen dazu geführt, dass ambitionierte Konkurrenten zu Visma aufschließen oder das Team zwischenzeitlich sogar überholen konnten. Red Bull - BORA - hansgrohe und LIDL-Trek sollen inzwischen beispielsweise Jahr für Jahr mit höheren Budgets operieren.
Ein Siegniveau wie 2023 kann von Visma - Lease a Bike allerdings kaum dauerhaft erwartet werden – ebenso wenig wie von irgendeiner anderen Mannschaft zu Beginn einer Saison in der modernen Ära des Radsports. 2024 gewann das niederländische Team weder eine Grand Tour noch ein Monument. 2025 entschied Jonas Vingegaard zwar die Vuelta a Espana für sich, musste bei der Tour de France jedoch feststellen, dass das Niveau, um Tadej Pogacar zu schlagen, außer Reichweite zu liegen schien.
Wout Van Aert feierte einige bedeutende Erfolge, doch angesichts der zunehmenden Leistungsdichte im Peloton schienen seine Chancen auf einen weiteren Monument-Sieg 2025 geringer geworden zu sein. 2026 folgte schließlich ein neuer Höhepunkt: Vingegaard gewann den Giro d'Italia, während Van Aert bei Paris-Roubaix triumphierte. Visma - Lease a Bike schien wieder in die Spur gefunden zu haben, doch beide Stars verletzten sich im Sommer und bei der Tour de France blieb das erhoffte Ergebnis aus.
Bei der Vuelta a Espana überzeugte die Mannschaft anschließend mit Matthew Brennan und Wout Van Aert bei der Jagd nach Etappensiegen. In den Bergen konnte Visma diese Stärke allerdings nicht im gleichen Maße entfalten, wenngleich Sepp Kuss mit seiner Offensive in Granada bis in die Top 5 der Gesamtwertung vorstieß. Insgesamt blieb es eine Saison mit Höhen und Tiefen. Nach dem überraschenden Rücktritt von Simon Yates zu Beginn des Jahres und der schwierigen Suche nach einem geeigneten Nachfolger – die auch in diesem Winter anhält – ist neuer Schwung keineswegs garantiert.
Während LIDL-Trek, Red Bull - BORA - hansgrohe, Decathlon CMA CGM Team und sogar Pinarello - Q36.5 Pro Cycling Team regelmäßig namhafte Fahrer verpflichten und zugleich eigene Supertalente entwickeln, befindet sich Visma - Lease a Bike in einer komplizierten Situation. Die Mannschaft verfügt weiterhin über große sportliche Anziehungskraft, kann finanziell aber nicht mit allen Konkurrenten mithalten.
Trotz der sportlichen Erfolge war Davide Piganzoli der prominenteste Neuzugang des Winters 2025/26. Seit der Öffnung des Transferfensters am 1. August hat Visma - Lease a Bike zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keinen weiteren Neuzugang bekanntgegeben. Auch eine erwartete Verpflichtung von Giro-Etappensieger Davide Ballerini scheint inzwischen zu scheitern: Der Italiener hat offenbar umgeschwenkt und dürfte stattdessen zu Pinarello - Q36.5 Pro Cycling Team wechseln. Dass ein Qualitätssprinter einem ProTeam den Vorzug geben könnte, verdeutlicht die derzeit geringere Schlagkraft Vismas auf dem Transfermarkt im Vergleich zum Beginn der 2020er-Jahre.
Doch gleichzeitig wächst eine neue Generation heran, die der Mannschaft große Hoffnung für die Zukunft gibt.
Chladonova könnte zum neuen Gesicht des Frauenteams werden
Das Frauenteam von Visma - Lease a Bike erreichte 2025 wieder das Niveau aus dem Jahr 2023. Pauline Ferrand-Prevot kehrte nach mehreren Jahren abseits des Straßen-Pelotons in Vollzeit auf die Straße zurück und schloss sich dem Projekt an. Das Ergebnis hätte kaum besser ausfallen können: Die Französin triumphierte bei der legendären Paris-Roubaix Femmes und gewann anschließend die Tour de France Femmes.
Damit erfüllte sich Ferrand-Prevot zwei große Karriereträume. Doch 2026 verlief völlig anders. Ihre Saison endete vorzeitig und ohne einen einzigen Sieg. Podiumsplätze bei der Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix Femmes zeigten zwar, dass sie weiterhin auf höchstem Niveau konkurrenzfähig war. Im Sommer fehlte ihr jedoch die Form, um bei der Tour de France Femmes eine entscheidende Rolle zu spielen. Als sie wenige Stunden nach der Zielankunft am Mont Ventoux aufgab, lag sie nicht unter den besten Zehn der Gesamtwertung.
Viktoria Chladonova sicherte sich mit gerade einmal 19 Jahren das Regenbogentrikot im U23-Straßenrennen und sorgt damit bei Visma - Lease a Bike für große Hoffnungen auf die Zukunft.
Einen vollständigen Neustart benötigt das Team deshalb nicht, wohl aber ein starkes Signal für die Zukunft. Genau an dieser Stelle kommt Chladonova ins Spiel. Die Slowakei ist ein kleines mitteleuropäisches Land, das beim Männer-Elite-Straßenrennen sogar mit einem seiner Soigneure antreten muss. Dennoch gelang es Chladonova im U23-Straßenrennen der Frauen, Isabella Holmgren zu schlagen, die bereits Top-10-Ergebnisse bei Tour und Giro vorweisen kann.
Dass die 19-Jährige über großes Talent verfügt, stand außer Frage. In einem derart jungen Alter und nach einem vergleichsweise unauffälligen Jahr 2026 hätten allerdings nur wenige erwartet, dass sie die Radsport-WM tatsächlich mit dem Regenbogentrikot beendet.
Mit Ferrand-Prevot und Marianne Vos verfügt das Frauenteam von Visma - Lease a Bike weiterhin über zwei Ikonen des Radsports – Fahrerinnen mit außergewöhnlichen Palmarès, die sich allerdings bereits in einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Karrieren befinden. Ein neues Gesicht für die Zukunft war deshalb gefragt. Chladonova könnte sich nun als der nächste große Volltreffer der Mannschaft erweisen.
Nach Brennan gelingt Visma mit Barry der nächste Coup
Die Zukunftsstrategie von Visma - Lease a Bike konzentriert sich derzeit vor allem auf junge Talente und weniger auf Fahrer, die das im Vergleich zu einigen Konkurrenten inzwischen bescheidenere Budget auf dem Transfermarkt ermöglicht. Im Männerteam gelang mit Matthew Brennan bereits ein Volltreffer. Der Brite gewann bei der Vuelta a Espana, seiner ersten Grand Tour, gleich fünf Etappen.
Als Top-Sprinter mit bemerkenswerter Kletterstärke bietet Brennan dem Team eine hervorragende Perspektive für eine Zukunft, in der Grand Tours möglicherweise nicht mehr dieselbe Priorität genießen werden. Inzwischen besitzen die Niederländer jedoch ein weiteres außergewöhnliches Talent, um das sie langfristig aufbauen können.
Ashlin Barry gelang nur einen Tag nach Chladonova ebenfalls der Gewinn des Regenbogentrikots – und das ausgerechnet an seinem 19. Geburtstag. Der US-Amerikaner stieß in diesem Jahr zum Development-Programm von Visma - Lease a Bike und besitzt bereits einen Vertrag bis 2029. Angesichts seines aktuellen Leistungsniveaus wird allerdings erwartet, dass er deutlich früher in die WorldTour-Struktur aufsteigt.
Barry lässt sich dabei nicht ohne Weiteres einem klassischen Fahrertyp zuordnen. Er ist weder ein typischer Kletterer noch ein reiner Sprinter, sondern vielmehr ein vielseitiger Allrounder, dessen tatsächliche Grenzen bislang kaum abzuschätzen sind. Mit einer Körpergröße von 1,92 Metern und einem Gewicht von fast 80 Kilogramm gilt er vor allem als Klassiker-Spezialist und Zeitfahrer, der über enorme absolute Leistung für Rennen ohne große Anstiege verfügt.
Was Barry in Montreal zeigte, übertraf jedoch sämtliche Erwartungen. Der neue Träger des Regenbogentrikots war Teil der Ausreißergruppe des Tages und hielt sich mehr als 100 Kilometer an der Spitze. Dabei wehrte er nicht nur die Attacken ausgewiesener WorldTour-Fahrer wie Hector Alvarez und Aubin Sparfel ab, sondern baute seinen Vorsprung in den abschließenden Runden sogar noch weiter aus.
Die Ausdauerleistung des US-Amerikaners wirkte angesichts seiner körperlichen Voraussetzungen beinahe unlogisch. Als vergleichsweise schwerer Fahrer gewann Barry ein Rennen, in dem normalerweise Kletterer und ausgewählte Klassikerspezialisten besonders stark zur Geltung kommen. Dafür vereinte er Kletterstärke, Solofähigkeiten und enormes Stehvermögen. Körperlich erinnert Barry an seinen Landsmann und indirekten Teamkollegen Matteo Jorgenson. Sein außergewöhnliches Talent steht außer Frage – welche Spezialisierung sich langfristig herauskristallisieren wird, ist hingegen noch völlig offen.
Mit den Erfolgen von Chladonova und Barry wächst bei Visma - Lease a Bike eine neue Generation von Gewinnern heran. Zwei U23-Titel bei der Radsport-WM innerhalb von nur 24 Stunden liefern dem Männer- und Frauenteam neue Hoffnung auf zukünftige Erfolge. Die Perspektive der niederländischen Mannschaft erscheint damit deutlich vielversprechender als noch vor zwei Jahren.